Freiheit auf dem Skateboard

Stadtlohnerin im Westjordanland

Eigentlich müsste Meike Gajewiak noch sehr müde sein. Erst vor wenigen Stunden ist die 24-jährige Stadtlohnerin aus dem Flieger gestiegen. Doch wenn sie vom Skaten und von Palästina erzählt, kehren schnell all ihre Lebensgeister zurück. Dafür sorgt schon die Erinnerung an Seedras Lachen.

STADTLOHN

, 05.09.2017, 18:34 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seedra ist fünf. Sie lacht viel und gerne. Und wenn sie auf dem Skateboard steht, dann fühlt sie sich stark und frei. Aber das ist gar nicht so einfach in einem Land, das eingezäunt und abhängig ist. Seedra lebt mit ihrer Familie in Asira Al-Shamaliya im Westjordanland. In der 12 000-Einwohner-Stadt steht die größte Skateanlage Palästinas. Sie wurde von der gemeinnützigen Organisation Skatepal errichtet. Für diese Organisation hat Meike Gajewiak jetzt über einen Monat im Westjordanland Kinder und Jugendliche für den Sport auf vier Rollen begeistert.

Meike Gajewiak studiert Sportwissenschaft in Münster. Als Skaterin ist sie eine „Spätberufene“. Erst vor zwei Jahren entdeckte sie das Rollbrett für sich. „Ich fand das Skaten vorher immer schon spannend. Aber ich habe mich nie so recht getraut.“ Das änderte sich 2015, als die Studentin einen Skate-Kurs an der Uni belegte. Jetzt sagt sie. „Das ist das beste Gefühl der Welt, wenn du zehn Stunden lang einen Trick übst – und dann gelingt er.“

Freiheit und Respekt

Aber die sportliche Herausforderung ist nur die eine Seite. „Skaten ist auch ein Lebensgefühl. Freiheit, Selbstbestimmtheit, Individualität und Respekt spielen eine große Rolle.“ Daher sei dieser Sport für Kinder wie geschaffen. Überall auf der Welt. Diese Erfahrung hat Meike Gajewiak bereits in Münster gemacht, wo sie Skate-Projekte für syrischen Flüchtlingskinder anbot. „Dann hörte ich von dem Projekt in Palästina und habe mich gleich um eine Freiwilligenstelle beworben.“

Und dann traf sie in Asira Al-Shamaliya die fünfjährige Seedra, die schon ein echte Könnerin auf dem Skateboard war. Aber sie lernte auch viele Kinder und Jugendliche kennen, für die der Sport noch kein Thema war. „Viele junge Palästinenser haben überhaupt keine Freizeitbeschäftigung, hängen nur rum und drohen, in irgendwelche krummen Geschichten hineinzugeraten.“

Tricks und Kniffe

Meike Gajewiak und andere Freiwillige ermunterten die Kinder und Jugendlichen zu ersten Rollversuchen auf der Miniramp, zeigten ihnen Tricks und Kniffe. „Das Besondere am Skaten aber ist, das jeder für sich probieren kann, ohne Trainer. Skaten ist eine Art Kunst und Selbstverwirklichung. Es macht Jungen und Mädchen stark. Und es macht den Kopf dafür frei, die eigenen Dinge selbst zu regeln.“

Das bestätigt auch ein palästinesische Lehrer, den Meike Gajewiak für ihre anstehende Bachelorarbeit interviewte. Die wissenschaftliche Arbeit untersucht die Wirkung des Skate-Projektes in Palästina. „Der Lehrer hat bestätigt, dass die Kinder, die häufig auf dem Skateboard trainieren, konzentrierter und ausdauernder sind. Auch sozial unterstützen sie einander mehr.“ Wer Seedra auf dem Skateboard lachen sieht, der weiß aber auch ohne wissenschaftliche Untersuchung, dass das Skate-Projekt in Asira Al-Shamaliya Wirkung zeigt. Skateboarding macht offenbar einfach Spaß.

Faszination Skateboard

Skatepal ist eine gemeinnützige Organisation, die mit Gemeinden in ganz Palästina arbeitet, um das Leben junger Menschen zu verbessern und die Vorteile des Skateboardens zu fördern. Der Brite Charlie Davis ist der Gründer von Skatepal. Während seiner Freiwilligenarbeit als Englischlehrer im Jahr 2006 entdeckte er die Faszination, die das Skatebaord auf palästinensische Kinder ausübte.

Mehr als die Hälfte aller Palästinenser, die in den besetzten Gebieten leben, ist unter 21 Jahre alt. Doch für viele junge Menschen in der Westbank und im Gazastreifen fehlen kulturelle, pädagogische und sportliche Möglichkeiten. Im Jahr 2015 wurde die Skate-Anlage Rosa Park in Asira Al-Shamaliya errichtet. Sie ist die zweite und größte Skateanlage im Westjordanland. Zahlreiche lokalen und internationale Freiwillige wie Meike Gajewiak unterstützen das Projekt.

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