Schöffengericht

Gericht gewährt Drogendealer letzte Chance: Therapie oder lange Haftstrafe

In über 260 Fällen soll ein Stadtlohner Marihuana an Minderjährige verkauft haben. Das hat Konsequenzen, dreieinhalb Jahre Haft drohen. Das Gericht baute dem 27-Jährigen aber eine Brücke.
Auch eine erste Verurteilung vor gut einem Jahr hielt einen Stadtlohner nicht davon ab, weiter mit Marihuana zu handeln, um den eigenen Konsum zu finanzieren. Die Abgabe erfolgte an Minderjährige. Die Folgen bekommt der 27-Jährige nun zu spüren. Eine Hintertür bleibt aber offen.
Auch eine erste Verurteilung vor gut einem Jahr hielt einen Stadtlohner nicht davon ab, weiter mit Marihuana zu handeln, um den eigenen Konsum zu finanzieren. Die Abgabe erfolgte an Minderjährige. Die Folgen bekommt der 27-Jährige nun zu spüren. Eine Hintertür bleibt aber offen. © picture alliance / Oliver Berg/dpa

Zu insgesamt dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilte das Schöffengericht am Amtsgericht Ahaus einen Stadtlohner. Der 27-Jährige soll in über 260 Fällen gewerbsmäßig unerlaubt Betäubungsmittel an Minderjährige abgegeben haben. Der Angeklagte fühlte sich „wie ein Schwerverbrecher“ behandelt, befand dieser nach dem Urteil.

Er beruhigte sich erst, als er verstand, dass ihm das Gericht quasi noch einmal die Hand gereicht hat: Gemäß § 35 Betäubungsmittelgesetz (BtMG) kann die Vollstreckung der verhängten Strafe in einer Vollzugsanstalt durch eine Therapie ersetzt werden. Ganz nach dem Modell Therapie statt Strafe. Dies, da die Straftaten in direktem Zusammenhang mit einer eigenen Drogenabhängigkeit standen. „Ich schicke Sie also nicht in den Knast, bemühen Sie sich“, so lauteten die mahnenden Worte des Richters in Richtung des Angeklagten.

Über 260 Drogenverkäufe an Minderjährige

Im Zeitraum von November 2018 bis Dezember 2020 soll der Stadtlohner in 261 Fällen Marihuana meist in Mengen von ein bis zwei Gramm an damals zwei 14- und 15-Jährige verkauft haben. In einem weiteren Fall soll die Menge schon beträchtlicher gewesen sein. Obwohl es sich um Hochrechnungen handele, gab der Angeklagte alle zur Last gelegten Taten zu. „Er konsumiert mittlerweile selbst fünf bis sechs Gramm täglich, ist in einem Teufelskreis, aus dem er alleine nicht mehr herauskommt“, ließ der 27-Jährige über seinen Verteidiger ein.

Gutachten bestätigten physische und psychische Schäden. Aufgrund des enormen Drucks, Geld beschaffen zu müssen, habe der Angeklagte auch nicht mehr wahrgenommen, dass er die Drogen an Minderjährige verkaufte. „Wir können den Jugendlichen die Befragung ersparen“, erklärte der Verteidiger. Die Zeugenvernehmung wurde fortan durch das Gericht aufgehoben.

„Ich will nun einen Schlussstrich ziehen.“ Zumindest die Worte des Angeklagten deuteten an, dass eine Einsicht vorliegen sollte. Man sei „angerückt, um den Kopf auf den Tisch zu legen“, betonte der Verteidiger. Ähnliche Worte hatte das Gericht schon vor gut einem Jahr vernommen. Im Mai 2020 war der Angeklagte bereits wegen der unerlaubten Einfuhr von Marihuana in minderschwerem Fall zu einer Strafe von fünf Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Seinerzeit stellte diesem das Gericht noch eine günstige Sozialprognose aus.

Dem Angeklagten fehlt es an der Eigenmotivation

„Manchmal täuscht man sich“, gab der Richter zu. Zum einen sei der Angeklagte nach der Verurteilung weiter straffällig geworden. Zum anderen habe er nahezu sämtliche Hilfs- und Unterstützungsangebot nicht angenommen. Unter anderem scheiterten stationäre Entwöhnungsaufenthalte. „Insgesamt sind es mir ein paar zu viele Leute, die anmerken, dass bei Ihnen die Eigenmotivation fehlt“, fasste es der Richter zusammen. Und diese sei der einzige Weg zum Ziel. „Es muss bei ihnen Klick machen.“ Worthülsen allein reichten nicht.

In seinem Plädoyer wurde der Staatsanwalt dann deutlich. Er erkannte zwar den enormen Druck an. Doch: Dass er auch während der laufenden Bewährung straffällig geworden sei und auch den Umstand missachtet habe, dass er die Drogen erkennbar, wenn auch ohne Eigeninitiative, an Minderjährige vertrieben hat, zeige, dass es dem Angeklagten eben am wesentlichen Ansatzpunkt für eine Besserung mangele: Eigenmotivation.

Und so forderte er für die Taten vor der ersten Verurteilung ein Jahr und neun Monate unter Einbeziehung des Urteils aus dem Mai 2020, für die Taten danach zwei Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe. Also eine gebrochene Gesamtstrafe von vier Jahren. Ohne Bewährung.

„Und jetzt soll er aus dem Stand für vier Jahre in den Knast?!“

„Himmel, die Berge.“ Diese Abwägung wollte der Verteidiger so nicht stehen lassen. Im Ergebnis müssten das vollumfängliche Geständnis und der Vorschlag, den Minderjährigen eine Aussage zu ersparen, deutlicher Einfluss nehmen. „Dieses Urteil wird mehr als sonst Einfluss auf die Zukunft meines Mandanten haben“, mahnte er an. Der Druck sei größer als kriminelle Energie, bis zum Mai 2020 sei dieser komplett straffrei gewesen: „Und jetzt soll er aus dem Stand für vier Jahre in den Knast?!“

Dass sich der 27-Jährige seit Januar 2021 zumindest schon einmal in eine ambulante Betreuung begeben habe, zeige doch, dass er die Problematik erkannt habe. Wobei es für eine ambulante Therapie eigentlich schon „viel zu spät“ sei. Das Gericht möge doch die Brücke bauen, ohne Strafantritt in eine stationäre Therapie zu kommen.

„Ich hoffe, es klappt noch, mein Leben in den Griff zu bekommen, damit ich mein Kind wiedersehen kann.“ Mit diesen letzten Worten nahm der Stadtlohner das Urteil in Empfang. Und in diesem blieb das Schöffengericht nur gering unter dem Antrag des Staatsanwalts, plus 2720 Euro als Wertersatz. Es kam ebenso zu der Erkenntnis, dass es sich um einen minderschweren Fall handele. Aber: Am unteren Rand der Strafbemessung könne man sich nicht bewegen. Der Gesetzgeber sehe eindeutig vor, Minderjährige zu schützen. „Wir sprechen hier von keiner Kleinigkeit“, betonte der Richter. Auch hegte er Zweifel, dass es sich hier um die einzigen Fälle der unerlaubten Abgabe gehandelt habe.

Das Schicksal liege nun in den Händen des Angeklagten

„Man hätte nach der ersten Verurteilung auch anders gekonnt“, so der Richter zum Verstoß gegen die Bewährungsauflagen. „Sie haben nichts konkret in die Wege geleitet.“ Aufgrund der nun ungünstigen Sozialprognose sei eine Bewährung ausgeschlossen. Mit dem Angebot der § 35 BtMG und der Zurückstellung des Strafvollzugs „liegt es nun in Ihrer Hand“, wandte sich der Richter noch einmal an den Angeklagten.

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