Schalke feiert Hülsta als neuen Sponsor. Europa-Abgeordneter Helmut Geuking reagiert darauf mit Strafanzeige gegen die Hüls-Gruppe. Für deren Geschäftsführer basiert die auf falschen Fakten.

Stadtlohn

, 03.06.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Helmut Geuking aus Coesfeld ist nicht nur Bundesvorsitzender der Familienpartei, sondern sitzt auch als Abgeordneter im EU-Parlament. Auch von Brüssel aus haben ihn die Vorgänge rund um die Halco-Insolvenz, das Schließen der Werke in Stadtlohn und Coesfeld und dann das Auftreten von Hülsta als neuer Sponsor des FC Schalke 04 moralisch empört.

So sehr, dass er am 16. Mai durch seinen Büroleiter eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Münster auf den Weg brachte. Der Vorwurf: „Verdacht einer Bankrottstraftat gem. §283 StGB bzw. einer Schuldnerbegünstigung gem. §283 StGB“ und das „zu Lasten der Belegschaft der Halco GmbH“. Gleichzeitig wird die Staatsanwaltschaft um Einleitung eines Ermittlungsverfahrens ersucht.

Hüls-Geschäftsführer: Falsche Fakten und Unterstellungen

Für Dr. Thomas Knecht, Geschäftsführer der Hüls-Unternehmensgruppe, dagegen sind die Basis der Geuking-Vorwürfe „schlicht falsche Fakten und Unterstellungen“. In einer ausführlichen, mehrseitigen Stellungnahme an unsere Redaktion widerspricht der Unternehmenschef jedem Punkt der Kritik. So sei es unwahr, dass durch das Insolvenzverfahren der Halco GmbH „Mitarbeiter auf die Straße gesetzt wurden“.

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Wörtlich: „Die Stilllegung der Halco GmbH wurde bereits 2018, also mehr als ein Jahr vor dem Insolvenzantrag, aus zwingenden wirtschaftlichen Gründen beschlossen und in der Folge durch Aussprache von Kündigungen im Januar 2019 umgesetzt. Diese Entscheidung war vom damaligen Restrukturierungsvorstand unter anderem auf Basis eines Gutachtens einer Sanierungsberatung getroffen worden. Bereits im Sommer 2019, und damit weit vor dem Insolvenzantrag der Geschäftsführung der Halco GmbH, war der Geschäftsbetrieb der Halco GmbH also vollständig stillgelegt.“

Vorwurf: Sponsoring statt Abfindungen

In der Begründung der Anzeige geht es Helmut Geuking im Kern darum, dass der Halco-Geschäftsführer seinerzeit erklärt habe, dass er Insolvenzantrag habe stellen müssen, da man aufgrund einer verlorenen Kündigungsschutzklage ehemaliger Mitarbeiter mit hohen Abfindungen habe rechnen müssen, was zu hohe Risiken für die übrigen Gesellschafter der Hüls-Gruppe geführt habe.

Im gleichen Zug aber sei es den Beschuldigten möglich, Schalke 04 eine Spende in Höhe von fünf Millionen Euro zukommen zu lassen, was genau der Summe der Abfindungen im Falle einer ordnungsgemäßen Kündigung entspreche, so ein Vorwurf von Helmut Geuking. Und ein besonders schwerer: Man habe in Kenntnis drohender Zahlungsunfähigkeit große Bestandteile des Vermögens beiseite geschafft und es der Insolvenzmasse und damit dem Gläubigerzugriff entzogen.

Als „ganz miesen Stil und moralisch unvertretbar“ kritisiert Geuking auch im Gespräch mit der Redaktion das Vorgehen der Hüls-Gruppe. Vor dem Hintergrund, dass plötzlich 200 Mitarbeiter auf der Straße gestanden hätten, die zum Teil über Jahrzehnte ihrer Firma ihre Arbeitskraft zur Verfügung gestellt hätten, sei das ein Vorgang „ohne Anstand, Moral und Respekt vor Familien“: „Die sollten sich was schämen.“ Seine Vorwürfe hat der Europaabgeordnete auch in einem Videoauftritt bei Youtube deutlich gemacht.

Keine fünf Millionen Euro für Schalke

Dr. Thomas Knecht sieht hier die Dinge durch Geuking verdreht. So sei eine deutlich geringere Anzahl an Mitarbeitern als die von Geuking genannte Zahl von 200 betroffen gewesen. Auch Ansprüche auf Abfindungen in Höhe von fünf Mio. Euro entbehrten jeder Grundlage. Ebenso falsch sei die Behauptung, dass genau diese fünf Mio. Euro für das Hülsta-Sponsoring bei Schalke eingesetzt wurden.

Bestätigt wird in dem Hüls-Statement, dass Ende Februar ein Werbepartnervertrag zwischen Hülsta und Schalke 04 abgeschlossen wurde. Dabei gehe es aber weder um eine Summe in Höhe von fünf Mio Euro noch sei bislang überhaupt Geld geflossen. Vielmehr seien – auf viele Jahre verteilt – Teilzahlungen zu leisten.

Wichtige Gegenleistungen des Partners für Hülsta

Als „umso abwegiger“ bezeichnet Dr. Knecht Geukings „Kernvorwurf“, dass zum Zeitpunkt der Insolvenz fünf Mio. Euro an freien Mitteln für die „auf die Straße gesetzten“ Arbeitnehmer zur Verfügung standen und stattdessen an Schalke überwiesen worden seien. Das erforderliche Geld, das auf Grundlage des Werbepartnervertrags an Schalke zu leisten sei, sei nicht in der Vergangenheit von Halco-Mitarbeitern erwirtschaftet worden, sondern werde in Zukunft von Hülsta erwirtschaftet und aus eigenen Mitteln bestritten. Außerdem sei Schalke durch den Vertrag auch an Gegenleistungen gebunden, die unmittelbar Hülsta und ihren Entwicklungsmöglichkeiten und damit auch der Arbeitnehmerschaft der Gruppe zugute kommen.

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Und auch, das stellt der geschäftsführende Gesellschafter der Hüls-Gruppe klar: „Schließlich weisen wir darauf hin, dass auf Seiten von Hülsta gar keine freie Entscheidungsmöglichkeit dahingehend bestanden hätte, fünf Mio. Euro für angebliche Abfindungszahlungen an die Halco GmbH zu geben. Vielmehr standen und stehen die gesetzlichen Geschäftsführerpflichten einer Zahlung von weiteren Millionenbeträgen an die Halco GmbH (einer stillgelegten Gesellschaft ohne operativen Geschäftsbetrieb) ohne Gegenleistung und ohne realistische Rückzahlungsaussichten entgegen.“

Keine Mitarbeiterwechsel seit 2008

Als Unterstellung wird in dem Papier der Hüls-Gruppe auch bezeichnet, dass Helmut Geuking den Eindruck erweckt habe, dass man durch das Umsetzen von Mitarbeitern von Hüls zu Halco und umgekehrt ältere Mitarbeiter habe durch die Insolvenz „entsorgen“ wollen: „Tatsächlich gab es seit dem Jahr 2008 – damals wegen der Betriebsstilllegung eines Schwesterunternehmens, deren Mitarbeitern eine Weiterbeschäftigung in der Halco GmbH angeboten werden konnte – gar keine Mitarbeiterwechsel mehr von Hülsta in die Halco GmbH.“

Und auch grundsätzlich übt Dr. Knecht deutliche Kritik an dem Vorgehen des Europaabgeordneten Geuking: „Der Konzernleitung unter völliger Verkennung der Fakten und Hintergründe einen „ganz miesen Stil“ vorzuwerfen, ist also schon für sich genommen ebenso dreist wie unberechtigt. Noch übler – und grob rechtswidrig – ist es aber, daraus zudem noch den Verdacht einer Straftat zu konstruieren und zu verbreiten: Es fehlt an jedwedem tatsächlichen Anknüpfungspunkt hierfür.“

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Zwischenzeitlich hat sich Helmut Geuking auch an Schalke gewandt und in der vergangenen Woche dort mit Peter Peters (Finanzen und Organisation) ein Gespräch geführt. In dem Gespräch habe er auch an die Wurzeln des Traditionsvereins in der Arbeiterschaft erinnert. Sein Appell: Der Verein solle die Hülsta-Millionen den Halco-Mitarbeitern zukommen lassen, oder diesen auf anderen Wegen helfen.

Vorstoß bei Schalke ohne Ergebnis

Allerdings sei ihm bei diesem Treffen auch klar geworden, dass dem Verein, der selbst Geldprobleme hat, das auch juristisch gar nicht möglich sei, sondern immer das Damoklesschwert „Veruntreuung“ darüber schwebe. Selbst Freikarten oder Benefiz-Spiele zugunsten der Halco-Belegschaft seien daher nicht möglich, habe er erfahren müssen. Von Schalke-Pressesprecherin Dr. Tanja Kleine-Wilde gab es zu unserer Anfrage nur diese kurze Nachricht: „Danke für Ihre Anfrage, die wir nicht beantworten werden.“

Der Staatsanwaltschaft Münster liegt laut Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt eine Anzeige von Helmut Geuking bislang noch nicht vor. Unabhängig davon sieht die Hüls-Unternehmensleitung dieser „gelassen entgegen“. Aber: „Allerdings sind wir gehalten, gegen jede weitere Verbreitung seiner falschen Unterstellungen und unberechtigten Vorwürfe konsequent vorzugehen.“

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