Nach Rathaus-Randale und Hammer-Attacke: Freispruch für obdachlosen Stadtlohner

hzGerichtsprozess in Münster

Der Stadtlohner Obdachlose, der unter anderem im Rathaus randaliert und die Schaufenster einer Buchhandlung eingeschlagen hatte, wurde freigesprochen. Doch das Urteil hat für ihn einen Haken.

Stadtlohn

, 14.01.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Ende ging dann doch alles ganz schnell. In wenigen kurzen Sätzen verkündete am Dienstag der Vorsitzende Richter das Urteil im Prozess gegen den 50-jährigen, obdachlosen Stadtlohner, der im Jahr 2018 gleich dreimal gravierend straffällig aufgefallen war (wir berichteten mehrfach): „Der Angeklagte ist freizusprechen. Wir gehen aufgrund des psychologischen Gutachtens davon aus, dass er in allen drei Fällen schuldunfähig war.“

Die Hoffnung des Angeklagten, schon bald wieder auf freiem Fuß unterwegs sein zu können, erstickte der Vorsitzende allerdings im Keim: „Das Gericht ordnet an, den Angeklagten in ein psychiatrisches Krankenhaus unterzubringen. Wir sehen eine hohe Wahrscheinlichkeit gegeben, dass es andernfalls erneut zu Straftaten kommen könnte.“

„Kein hoher Grad der Gefährlichkeit“

Das Argument der Verteidigerin – die „keinen hohen Grad der Gefährlichkeit“ bei ihrem Mandanten erkannte und deshalb auf eine Bewährung plädiert hatte – wischte der Richter beiseite: „Es gab selten Fälle, wo es so eindeutig war wie hier. Die bisherige Behandlung hat es nicht geschafft, die Ausfälle in den Griff zu bekommen. Eine Bewährung stand überhaupt nicht zur Debatte. Erst wenn durch die stationären Therapie Besserung eintritt, ist eine Lockerung möglich.“

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Das Zünglein an der Waage war am Ende der psychologische Gutachter, der seine Ergebnisse am letzten Prozesstag präsentierte. Dass es sich um einen außerordentlich komplexen Fall handelte, zeigte sich schon beim Blick auf die Uhr: Über zwei Stunden brauchte der Psychologe für seinen Vortrag.

„Das Gutachten war äußerst schwierig umzusetzen“, erklärte er am Dienstagvormittag. „Das häusliche Umfeld des Angeklagten (eine Obdachlosen-Notunterkunft, d. Red.) hielt ich für zu gefährlich.“ Der Erstkontakt habe deshalb telefonisch stattgefunden. „Hier kommunizierte der Proband äußert ungeschickt, um es vorsichtig auszudrücken. Er hat alles hinterfragt, bezeichnete mich im Affekt als Idioten und lehnte das Gutachten grundsätzlich ab“, berichtete der Psychologe.

Völlig verändertes Verhalten beim ersten Treffen

Beim ersten persönlichen Treffen erlebte der Gutachter dann, ähnlich wie die Beobachter der drei Prozesstage, die andere Seite des Angeklagten: „Er war sehr freundlich, fand sich gut in seiner Biografie zurecht. Eine Intelligenzminderung kann ausgeschlossen werden. Alles weist auf eine durchschnittliche bis leicht überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit hin.“

Auf bestimmte Nachfragen habe der Angeklagte allerdings zum Teil harsch reagiert. „Wenn ich zum Beispiel nachgehakt habe, warum er seine Jobs verlor oder es zu einer Trennung von seiner Partnerin kam, reagierte er mit Ablehnung und Misstrauen. Er war dann nicht mehr bereit, ohne Rechtsbeistand etwas zu sagen. Ihm war außerdem immer sehr wichtig, nicht als Sozialschmarotzer zu gelten. Er stellte sich weiterhin als bürgerlichen, prosozialen Menschen dar“, so der Gutachter.

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Den sozialen Abstieg seit dem Tod des Vaters im Jahr 2012 habe er weitgehend ausgeklammert. „Wenn ich ihn drauf angesprochen habe, dass er in einer Obdachlosen-Unterkunft wohnt und ins soziale Abseits geraten ist, reagierte er aufbrausend. Er sieht sich als Opfer und macht vor allem seine Mutter verantwortlich für diese Misere.“

Den Psychologen, erklärte der Gutachter vor Gericht, war der Stadtlohner bisher ein weitgehendes Rätsel. Und auch ihm seit es in der Kürze der Zeit schwer gefallen, eine seriöse Diagnose zu erstellen. Das Ergebnis seiner Analysen: „Das Verhalten des Angeklagten ist unlogisch, sprunghaft und während seiner raptusartigen Ausfällen auch bizarr. Es gibt klare Anhaltspunkte für eine schizophrene Psychose; eine krankhafte, seelische Störung. Meiner Meinung nach gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen seiner Erkrankung und den Straftaten.“

Gutachter: „Er ist eine enorme Gefahr für die Gesellschaft.“

Im Jahr 2018 hatte der Stadtlohner zunächst im Rathaus randaliert, nur wenige Monate später einen Taubenzüchter und eine Zeugin geschlagen und schließlich im November mit einem Hammer seine Schwippschwägerin und eine Buchhändlerin bedroht. Beim letzten Vorfall zerlegte er mit seinem Werkzeug außerdem das Geschäft der Buchhändlerin, das sich im Haus seiner Mutter befindet.

Aktuell sei der Stadtlohner eine enorme Gefahr für die Gesellschaft, so der Gutachter. „Bei seinem fehlenden sozialen Umfeld besteht ein sehr, sehr großes Risiko für einen unmittelbaren Krankheitsrückfall.“ Zum Abschluss wendete der Psychologe das Wort persönlich an den Angeklagten: „Ein Maßregelvollzug kann eine Chance für Sie sein.“

Der Einschätzung des Gutachters folgte das Schöffengericht mit seinem Urteil. Der Stadtlohner nahm es gefasst zur Kenntnis. Ob er oder die Staatsanwaltschaft in Berufung gehen, entscheidet sich innerhalb einer Woche.

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