Schaufenster-Ausstellung erinnert an ermordete Familien aus Stadtlohn

hzJüdische Familien

Jahrhunderte lang lebten Juden in Stadtlohn. 1933 waren rund 50 Stadtlohner jüdischen Glaubens. Die meisten von ihnen wurden ermordet. Eine Ausstellung erinnert an ihre Schicksale.

Stadtlohn

, 06.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ob ihnen bewusst war, dass sie in den Tod geschickt wurden? Am 10. Dezember 1941 entstand vor dem Stadtlohner Rathaus ein Gruppenfoto von zehn Stadtlohner Frauen und Männern. Wenig später wurden sie auf einen Lkw gepfercht – unter den Schmähgesängen der Hitlerjugend und bespuckt von Schülern, die eigens schulfrei bekommen hatten. So berichteten es Zeitzeugen.

Josef Balke (rechts) vom Arbeitskreis Stadtlohner Geschichte erläutert VHS-Direktor Dr. Nikolaus Schneider die Ausstellung.

Josef Balke (rechts) vom Arbeitskreis Stadtlohner Geschichte erläutert VHS-Direktor Dr. Nikolaus Schneider die Ausstellung. © Stefan Grothues

Die zehn Stadtlohner wurden nach Riga deportiert, weil sie Juden waren. Dort wartete der sichere Tod in Arbeits- und Vernichtungslagern, durch Mord, Krankheit oder Hunger. Das 79 Jahre alte Gruppenfoto ist der Dreh- und Angelpunkt einer Ausstellung, die das schreckliche Geschehen des Holocausts in ein Schaufenster des heutigen Stadtlohn holt. Eine Ausstellung, die den Blick auf die Opfer richtet und sich gegen das Vergessen stemmt.

„Jüdische Familien in Stadtlohn. Ihre Schicksale im Nationalsozialismus“ – so heißt die Ausstellung im Schaufenster des Ateliers Salamander in der Dufkampstraße (ehemals Schuhhaus Hornhues). Der VHS-Arbeitskreis „Stadtlohner Geschichte 1933–1945“ hat sie konzipiert. Am Montag wurde sie offiziell vorgestellt von VHS-Direktor Dr. Nikolaus Schneider und von Josef Balke, der zusammen mit der Historikerin Ingeborg Höting und Stadtarchivar Ulrich Söbbing sowie weiteren 20 Arbeitskreismitgliedern in zehnjähriger Forschungsarbeit die Basis für die Ausstellung gelegt hat.

Bilder sollen den Menschen wieder ein Gesicht geben

Eigentlich sollte sie schon zum 9. November 2019, dem Jahrestag des Novemberpogroms von 1938, eröffnet werden. Kurz vor der Eröffnung war aber der Designer Uwe Esperester überraschend gestorben. Sein Entwurf prägt das Erscheinungsbild der Rollup-Ausstellung.

„Unsere Idee war es, die Bilder sprechen zu lassen. Wir wollten vor allem, dass die Menschen wieder ein Gesicht bekommen“, sagt Josef Balke. Der mittlerweile pensionierte Lehrer der Herta-Lebenstein-Realschule hatte vor 20 Jahren einen vertieften Zugang zum Thema Judenverfolgung in Stadtlohn bekommen. Damals war seine noch namenlose Schule auf der Suche nach einem Namensgeber oder einer Namensgeberin. Über das historische Foto der Deportation, auf dem auch Herta Lebenstein zu sehen ist, fand die Schule zu ihrem Namen.

Josef Balke: „Sie war damals in dem Alter, in dem die Jugendlichen unsere Schule verlassen. Unsere Abschlussschüler gehen dann ins Leben. Sie ging in den Tod. Weil sie ein ganz normales Mädchen im gleichen Alter war, können sich unsere Schüler leichter mit ihr identifizieren.“ Seit zehn Jahren engagiert sich Balke im VHS-Geschichtsarbeitskreis, der die Stolpersteinverlegungen in Stadtlohn initiiert und vorbereitet hat.

30 Stolpersteine erinnern im Stadtlohner Stadtgebiet an die deportierten und oder geflüchteten jüdischen Familien.

30 Stolpersteine erinnern im Stadtlohner Stadtgebiet an die deportierten und oder geflüchteten jüdischen Familien. Diese fünf Steine sind wegen einer Baustelle vorübergehend Teil der Ausstellung. © Stefan Grothues

Auch die Ausstellung schafft Nähe mit biografischen Notizen: vom Schneider Leopold Meyers, der vielen Stadtlohnern ihre Kommunionanzüge nähte; von seinem Sohn Max Heinz Meyers, der gleich mehrere Vernichtungslager überlebte und nach Australien auswanderte; von Paulina Kleffmann, die ihre Mutter pflegte und nicht wie ihr Bruder rechtzeitig nach Amerika emigrierte; von Meijer Meijers, der nach der Pogromnacht 1938 mit seiner Frau Schorsina nach Holland floh, aber später von dort aus in ein Vernichtungslager verschleppt wurde.

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„Wir haben bewusst auf textlastige Ausführungen verzichtet“, sagt Josef Balke. Interessierte Ausstellungsbesucher können aber per QR-Code und Smartphone mehr Details auf der Internetseite des Geschichtskreises finden.

Weiterführende Informationen zu den jüdischen Familien in Stadtlohn gibt es per QR-Code im Internet.

Weiterführende Informationen zu den jüdischen Familien in Stadtlohn gibt es per QR-Code im Internet. © Stefan Grothues

Nach den Sommerferien wird die Ausstellung in das VHS-Haus an der Klosterstraße umziehen. Dort sind auch Gruppenführungen möglich.

Und was ist mit den Tätern? Josef Balke: „Die stehen hier nicht im Mittelpunkt. Wir zeigen aber, dass eine allgemeine Stimmung und Ausgrenzung den Holocaust ermöglicht hat. Auch heute sollte sich jeder davor hüten, zu sagen: ,Mir könnte das nie passieren!‘ In Wahrheit müssen alle wachsam bleiben.“

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