Stadtlohner Grünhelm Tobias Steverding baut Schule in einem der ärmsten Länder der Welt

hzSierra Leone

Als „Grünhelm“ hat Tobias Steverding (26) in einem der ärmsten Länder der Welt eine Schule gebaut. Der Abschied von Sierra Leone fiel ihm schwer. Dabei war der Empfang zunächst sehr rau.

Stadtlohn

, 14.01.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gut 5000 Kilometer liegen zwischen Stadtlohn und Freetown, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Sierra Leone. Diese Strecke ist für einen Flugreisenden kein besonderes Problem. Die Herausforderungen beginnen erst nach der Landung. Tobias Steverding weiß das. Der 26-jährige Stadtlohner ist am 4. Oktober zu einem Grünhelm-Einsatz in Frankfurt gestartet. Und nur wenige Flugstunden später in einer völlig anderen Welt gelandet, wie er jetzt bei seiner Rückkehr nach dreimonatigem Hilfseinsatz erzählt.

Stadtlohner Grünhelm Tobias Steverding baut Schule in einem der ärmsten Länder der Welt

Ein Chief ist zu Besuch auf der Baustelle und hilft beim Betonmischen. © Tobias Steverding

Regenzeit. Schwüle. Gestank. Armut. Kriminalität. „Freetown ist eine stickige Millionenmetropole, die aus allen Nähten platzt“, sagt Tobias Steverding. Die Stadt mit dem stolzen Namen, die vor 250 Jahren von befreiten Sklaven besiedelt wurde, ist heute die Hauptstadt eines der ärmsten Länder der Welt. Bürgerkrieg, Ebola, Naturkatastrophen haben ihre Spuren hinterlassen. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung leben in extremer Armut und müssen mit weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen.

Diebe zertrümmerten Autoscheibe und stahlen das Gepäck

Und manch einer nimmt sich, was er braucht. Diese bittere Erfahrung musste Tobias Steverding schon am zweiten Tag in Freetown machen. „Wir hatten unseren Jeep vor dem Hostel geparkt, im Vertrauen auf den Sicherheitsmann, den es dort gab. Am nächsten Morgen aber waren die Scheiben des Wagens eingeschlagen, das Gepäck gestohlen und auch die Autobatterie ausgebaut und entwendet.“

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Eine missliche Lage. Aber wie ist der junge Architekturabsolvent da überhaupt hineingeraten? Die Idee war im Frühjahr 2019 gereift. Das Master-Studium neigte sich dem Ende entgegen. Mit einem Studienfreund überlegte er, ob der Übergang ins Berufsleben nicht auch die Chance bieten würde, noch einmal etwas ganz anderes zu wagen. Ein Ehrenamt. Oder ein Abenteuer. Bei den Grünhelmen kam beides zusammen.

Stadtlohner Grünhelm Tobias Steverding baut Schule in einem der ärmsten Länder der Welt

Eine reibungslose Zusammenarbeit funktioniert bei den Grünhelmen nur ohne große Hierarchien, sagt Tobias Steverding. © privat (Tobias Steverding)

Die von Rupert Neudeck gegründete deutsche Hilfsorganisation „Grünhelme“ versteht sich als interreligiöses Friedenskorps von Christen und Muslimen. „Wir wollen gemeinsame Taten an Stelle von Papier, Studien, Gutachten und Absichten stellen. Wir werden Häuser und Dörfer, Schulen und Straßen, Hospitäler und Ambulanzen, Baumschulen und Gotteshäuser aufbauen. Unser Ziel: den Lebensraum der Mitmenschen zu erweitern und ihnen Frieden zu bringen“, so heißt es bei den Grünhelmen.

Grünhelme bauen auf Freiwillige mit Erfahrung

Die Grünhelme suchen Unterstützer, die möglichst einen praktischen Beruf haben – wie zum Beispiel Schreiner, Zimmerer und Maurer, erklärt Tobias Steverding. Oder eben Architekten wie ihn, die bereit sind, drei Monate in einem Bauteam in einem Hilfsprojekt zu arbeiten. Die Grünhelme leben und arbeiten immer dort, wo sie mit der Dorfbevölkerung die Häuser, die Kliniken oder Schulen aufbauen.

Stadtlohner Grünhelm Tobias Steverding baut Schule in einem der ärmsten Länder der Welt

Pa Keita beweist eine ruhige Hand beim Verlegen der Ornamentsteine. © Tobias Steverding

Vor gut einer Woche ist Tobias Steverding wieder heimgekehrt. Erschöpft von harter Arbeit. Überwältigt von der Gastfreundschaft. Glücklich, neue Freunde gewonnen zu haben. Denn nach dem kriminellen Empfang im Moloch Freetown, nach einer mehrtägigen strapaziösen Fahrt über unbefestigte Straßen erreichte der Stadtlohner das abgelegene Dorf Mansadu. „Die Grünhelme gehen dahin, wo sonst keine Hilfe ankommt“, sagt Tobias Steverding.

Schulneubau für mehrere hundert Schüler

In Mansadu setzte der Stadtlohner zusammen mit einem weiteren Freiwilligen ein Schulbauprojekt fort, das andere Grünhelm-Teams begonnen hatten. „Es handelt sich um einen Neubau von vier Klassenräumen für mehrere hundert Kinder und Jugendliche mit angrenzenden Lehrerunterkünften und sanitären Anlagen“, erzählt Tobias Steverding.

Der junge Absolvent übernahm für drei Monate die Bauleitung auf der Baustelle. Neben der Planung, Koordinierung und Umsetzung der Bauabläufe teilte er sich aber auch den Hammer und die Schaufel. Gemeinsam mit einem Team aus 15 lokalen Arbeitern wurde der Beton angerührt, die Steine gepresst und der Dachstuhl gerichtet. Ein echter Knochenjob bei bis zu 40 Grad ohne technische Hilfsmittel.

Stadtlohner Grünhelm Tobias Steverding baut Schule in einem der ärmsten Länder der Welt

Ohne die tatkräftige Unterstützung der Frauen wäre der Fortschritt des Projekts undenkbar. © Foto privat

„Das gehört ja zur Grundidee der Grünhelme: Menschen begegnen sich auf Augenhöhe und arbeiten ohne große Hierarchien an einem gemeinsamen Ziel“, sagt der Stadtlohner. Bei der Arbeit kamen sich die Helfer und Einheimischen näher, schlossen echte Freundschaften. Bei dem gemeinsamen Prozess bildeten die Grünhelme die Helfer auch handwerklich weiter. Steverding: „Das war ja eine unsere Hauptaufgaben: Fachkenntnisse zu vermitteln, um nachhaltige Hilfe zu leisten. Wir wollen ja nicht einfach ein Gebäude verschenken.“

Das Leben in Sierra Leone ist einfacher, aber geselliger als in Deutschland

Gelernt aber hat auch Tobias Steverding: dass weniger manchmal auch mehr sein kann. Nicht nur beim einfachen Bauen mit wenigen Materialien, die es vor Ort gab. Der Stadtlohner zeigt sich nach seiner Rückkehr zutiefst beeindruckt vom offenen und einfachen Leben auf dem Land wie vor hundert Jahren: Gekocht wurde im Freien, nach der Arbeit traf man sich im Café oder auf dem Wochenmarkt. Herzliche und freundliche Begegnungen gab es überall.

Schwachen Handyempfang gab es nur nach 20-minütigem Fußmarsch auf einen Hügel. „Obwohl die Zeit im Dorf eher stillsteht, ist das einfache Leben auf dem Land dort oftmals sehr viel geselliger als in Deutschland.“

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Tobias Steverding aber ist kein Romantiker. Er sieht auch die Kehrseite. Bis heute kann in dem Land und in dem Dorf nicht mal jeder Zweite Lesen und Schreiben, die medizinische Versorgung ist mangelhaft und die Infrastruktur ist ausbaufähig: kein fließendes Wasser, kein Strom, kein Netzausbau und unzureichende Straßenverhältnisse begleiten das alltägliche Leben in dem Dorf. Mehrtagesreisen vom nächsten Krankenhaus entfernt kann eine einfache Verletzung oder Erkrankung hier schnell zu einem Todesurteil werden.

Stadtlohner Grünhelm Tobias Steverding baut Schule in einem der ärmsten Länder der Welt

Kein seltenes Bild: Immer wieder werden die Helfer von Kindern und Jugendlichen besucht, um ihnen gespannt über die Schultern zu schauen. © Tobias Steverding

Die Schule ist noch nicht fertig. Ein neues Grünhelm-Team hat im Januar den Staffelstab von Tobias Steverding und seinem Mitstreiter übernommen. Der Stadtlohner würde später gerne die fertige Schule und seine Freunde in Mansadu besuchen. Aber dazu wird es wohl nicht kommen. „Als Privatreisender erscheint mir ein Besuch in Sierra Leone zu risikoreich. Dennoch würde ich gerne noch einmal die Grünhelme bei einem neuen Hilfsprojekt unterstützen,“ sagt der junge Architekturabsolvent, der sich jetzt mit noch mehr Begeisterung fürs Bauen in seinen Traumberuf stürzen will.

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