Stadtlohner Landwirt will das Klima mit seinem Ackerboden retten

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Klimaschutz und Landwirtschaft müssen keine Widersprüche sein. Im Gegenteil, sagt Heinrich Steggemann. Der Almsicker Landwirt sucht neue Wege, wie sich mehr CO2 im Boden speichern lässt.

Stadtlohn

, 21.09.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Heinrich Steggemannn hält die schwarze Erde seines Ackers in den Händen. Für ihn ist der Humus mehr als nur die Grundlage seiner landwirtschaftlichen Arbeit. Der Almsicker Landwirt ist überzeugt, noch etwas anderen in den Händen zu halten: eine Chance auf Klimarettung und eine neue Chance für die Landwirtschaft. Dafür investiert der 49-Jährige viel Zeit und Geld.

Heinrich Steggemann zeigt den Humusboden, in dem CO2 gespeichert werden kann.

Heinrich Steggemann zeigt den Humusboden, in dem CO2 gespeichert werden kann. © Stefan Grothues

Das Prinzip ist bekannt: Bei dem Prozess der Photosynthese wird aus CO2 Biomasse: Pflanzen und Wurzeln. Im Boden sind Pflanzenteile, Lebewesen und damit viel Kohlenstoff enthalten. Bei der Humusbildung wird CO2 aus der Luft gebunden und im Boden gespeichert. „Für ein Prozent mehr Humus in den oberen 30 Zentimetern werden pro Hektar Ackerland der Atmosphäre rund 60 Tonnen CO2 entzogen“, sagt Heinrich Steggemann.

Eine gesunde Humusschicht hat aber noch weitere Vorteile: Sie ist fruchtbar, speichert und filtert das Wasser, was in den immer trockener werdenden Sommern von großer Bedeutung ist.

Urgroßvater war Landbau-Pionier auf Almsicker Sandboden

Als Heinrich Steggemanns Urgroßvater in Almsick als Pionier begann, den sandigen Boden zu bewirtschaften, da war die Humusneubildung das A und O des Ackerbaus. Mist, Kompost, Zwischenfrüchte – das waren und sind die Mittel der Wahl. Über Jahrzehnte ist die Humusschicht gewachsen.

„Aber die Bedeutung der Humusbildung haben wir in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren“, sagt der Almsicker Landwirt selbstkritisch. Chemische Dünger, Pestizide und maschinelle Verdichtungen reduzierten das Leben in der oberen Bodenschicht und damit Humus und Fruchtbarkeit.

„Wir brauchen nicht mehr Ordnungsrecht“

Mit ihren sogenannten Greening-Prämien will auch die EU gegensteuern. Doch Heinrich Steggemann sagt: „Wir brauchen nicht mehr Ordnungsrecht und Vorschriften.“ Er setzt auf Freiwilligkeit und Wissenschaft. Und auf praktische Experimente. „Ich fühle mich heute auch wieder wie ein Pionier, wie damals mein Urgroßvater“, sagt Heinrich Steggemann.

Sein Kernbegriff fasst er unter dem Fachbegriff Liquid Carbon Pathway zusammen. „Das sollte jeder mal googlen“, empfiehlt der Landwirt. „Ganzjährig lebende Wurzeln im Boden zu haben“, das sei der Kern der von ihm praktizierten Methode.

Die Zwischenfrucht wird klein gehäckselt in den Boden eingearbeitet. Aufgesprühte Mikroorganismen optimieren den Zersetzungsprozess ohne Fäulnis.

Die Zwischenfrucht wird kleingehäckselt in den Boden eingegrubbert. Aufgesprühte Mikroorganismen optimieren den Zersetzungsprozess ohne Fäulnis. © Stefan Grothues

Die ausgewählten Zwischenfrüchte lässt er nicht einfach auf der Flächen verrotten, sondern besprüht sie mit Mikroorganismen. „Die Pflanzenreste sollen nicht einfach verfaulen, sondern von Milchsäurebakterien umgewandelt werden, so wie Weißkohl zu Sauerkraut“, so Heinrich Steggemann. „Es geht darum, die Pflanze wieder mit dem Bodenleben zu verzahnen.“

Nicht in die Bio-Schublade

Will Heinrich Steggemann nun Bio-Landwirt werden? Er schüttelt den Kopf. Er will sich in keine Schublade stecken lassen. „Mit einem Mehr an mineralischem Stickstoff und mehr Pflanzenschutz funktioniert der Humusaufbau nicht. Ganz ohne aber auch nicht. Ich bin ein konventioneller Landwirt und ich will es auch bleiben.“ Aber er fühle sich durchaus auch als Hybridlandwirt: „Ich nehme gerne das Beste aus beiden Bereichen.“

Vor drei Jahren hat Heinrich Steggemann begonnen, sich mit Forschungsergebnissen zu befassen, hat das Gespräch mit Wissenschaftlern gesucht. „Weil es mir ein Herzensanliegen ist“, sagt er. Und weil er gerne knifflige Aufgaben löst. 20 Jahre hat er Sondermaschinen entworfen, bevor er den Hof in Almsick von seinen Eltern übernahm.

Jetzt versucht er, die wissenschaftliche Erkenntnisse auf seinem Hof mit 28 Hektar Ackerland und 220 Sauen umzusetzen. Das macht nicht nur mehr Arbeit und kostet einige Tausend Euro im Jahr. „Ich gehe in Vorleistung“, sagt Heinrich Steggemann.

Landwirtschaft in den C02-Zertifikathandel einbeziehen

„Aber natürlich muss die Landwirtschaft auf Dauer Geld damit verdienen.“ Ihm schwebt vor: „Ein Teil der Lösung wäre ein HAG, ein Humusaufbaugesetz in Anlehnung ans EEG, mit freiwilliger Teilnahme interessierter Landbewirtschafter. Je tiefer der zusätzliche Humus gefunden wird, umso mehr Vergütung pro Tonne CO2 erhält man.“

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Er denkt an eine Vernetzung mit der lokalen Bevölkerung und Wirtschaft und an einen Zertifikatehandel. „Wir müssen die ganz großen Räder drehen und in größeren Kreisläufen denken“, sagt Heinrich Steggemann. Er lässt den trockenen Humus durch die Finger rieseln, klopft sich sich die Hände ab, um mit dem Traktor die blühenden Zwischenfrüchte einzugrubbern. Er will das große Rad mitdrehen.

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