Vorstandswechsel bei der VR-Bank erfolgte in Coronazeiten ohne Handschlag

hzInterview

Bei der VR-Bank Westmünsterland endet eine Ära. Vorstandsvorsitzender Dr. Wolfgang Baecker (68) hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Redakteur Peter Berger sprach mit ihm.

von Peter Berger

Stadtlohn, Südlohn

, 17.04.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Der Vorstandsvorsitzende der VR-Bank Westmünsterland, Dr. Wolfgang Baecker, hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Über Krisen, Corona und dolce vita sprach er mit Redakteur Peter Berger.

Herr Dr. Baecker, wie fällt Ihre Bilanz nach rund 20 Jahren im Vorstand der VR-Bank Westmünsterland aus?

Mir persönlich hat es sehr viel Spaß gemacht. Ich habe keinen einzigen Tag bereut, das Amt angetreten zu haben. Es war immer herausfordernd. Es gab nie eine Ruhephase, alles andere hätte auch nicht zu mir gepasst.

Ich schaue gern zurück, weil Vorstand und Mitarbeiter so viele Herausforderungen gemeinsam geschultert und gemeistert haben: 2005 zum Beispiel die erfolgreiche Fusion der Volksbanken in Borken und Coesfeld, oder die Umsetzung der Filialstrategie, der Aufbau des Private Banking und natürlich der Kauf der Münsterländischen Bank Thie & Co.. Es wurde nie langweilig. Aber letztlich sollte nicht ich, sondern sollten die Mitglieder und Kunden der VR-Bank Bilanz ziehen.

Ein solche Lage wie jetzt durch die Corona-Pandemie haben Sie sich vor zwei Monaten höchstwahrscheinlich nicht ausgemalt, oder?

Nie und nimmer. Ich fing im Februar an, mir Sorgen zu machen. Die schlechten Nachrichten aus China über die unfassbaren Auswirkungen und Maßnahmen rissen nicht mehr ab. Hinzu kamen die ersten Fälle in Bayern, ausgelöst durch einen Kontakt zu einem Chinesen. Weil wir in Deutschland weltweit vernetzt sind, ahnte ich: da kommt etwas auf uns alle zu.

Als dann überall der Karneval gefeiert wurde, hatte ich schon starke Befürchtungen, dass sich das Virus dadurch weiter ausbreitet. Das ganze Ausmaß konnte man nicht absehen.

Wie gehen Sie persönlich mit der gegenwärtigen Krise um?

Ich habe absolutes Verständnis für die von der Bundesregierung verhängten Maßnahmen. Die für die Bank geplante Veranstaltung ‚BankLIVE‘ für unsere Kunden, anlässlich derer ich mich auch von allen Vertretern, Beiräten und zahlreichen weiteren mit der VR-Bank Westmünsterland Verbundenen verabschieden wollte, haben wir aufgrund der Corona-Pandemie schon Anfang März absagen müssen.

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Ich halte mich an die Regeln. In den vergangenen Tagen bin ich mehr spazieren gegangen als die ganzen Jahre zuvor. Ich telefoniere viel mit Freunden und hole gute Bücher hervor, Thomas Manns Buddenbrooks zum Beispiel. Corona entschleunigt…

Mit welchen Herausforderungen werden die regionalen Banken in der nun anbrechenden Wirtschaftskrise zu tun haben?

Sie haben sich so intensiv wie nie auf den genossenschaftlichen Ansatz von Raiffeisen zu konzentrieren. Die Volksbanken, aber auch die Sparkassen, sind für die Region notwendig, sie haben den regionalen Geldkreislauf, die Versorgung mit Krediten sicherzustellen.

Kurzum, sie müssen dafür sorgen, dass die vielen großen und kleinen Unternehmen in der Region den Rückhalt spüren und weiterhin ausreichend Liquidität haben. Gedacht werden muss auch an den Privatkunden. Er hat Sorgen um seine Ersparnisse, vielleicht ist er aktuell von Kurzarbeit betroffen. Alle Banken werden derzeit überhäuft mit Kreditanfragen. Die Liquiditätshilfen der staatlichen KfW werden sehr zahlreich nachgefragt und in den meisten Fällen bewilligt. Das kann aber auch ein bisschen trügerisch sein.

Warum?

Wer Liquiditätsmittel in Anspruch nimmt, muss sie irgendwann auch zurückzahlen. Es sind meist keine Geschenke des Staates, sondern zinsgünstige Liquiditätshilfen, die innerhalb von vier Jahren zurückzuzahlen sind. Daher ist es ratsam, dass die Unternehmen vor der Beantragung die Unterstützung ihres Bankberaters in Anspruch nehmen.

Ist die Coronakrise mit früheren Krisen vergleichbar?

Die Entstehung der Krise ist natürlich überhaupt nicht vergleichbar– aber die Auswirkungen letztlich schon. 470.000 Unternehmen haben Kurzarbeit angemeldet, mehr als damals.

Die Krise 2008 war zunächst eine reine Finanzkrise, die aus den USA nach Europa übergeschwappt war. Gegenwärtig geht es um die Gesundheit der Menschen und, als Folge der Schutzmaßnahmen, um die Auswirkungen auf unsere Wirtschaft. Die Politiker versuchen hier einen Weg zu finden. Wahrlich keine einfache Aufgabe.

Relativieren sich dadurch manche Probleme, mit denen die Banken bis vor kurzem noch zu tun hatten?

Oh ja. Die Wirtschaft und die Banken werden sich neu positionieren müssen. Die Europäische Zentralbank steht vor der ungeheuer schwierigen Aufgabe, die richtige Geldpolitik zu betreiben. Sie muss den Euro stabil halten und gleichzeitig Staaten helfen, die jetzt eine riesige Verschuldung eingehen.

Sind die derzeit diskutierten gemeinschaftlichen Anleihen, die Corona-Bonds, ein Mittel?

Ein deutscher Banker kann kein Freund von Corona-Bonds sein. Wir werden aber dazu kommen müssen, dass wir als vermögende Bundesrepublik anderen Ländern helfen. Darauf muss sich die deutsche Finanzwirtschaft und -politik einstellen. Die Initiative der EU-Kommission, einen europaweiten Fond für die Finanzierung der Kurzarbeit aufzustellen, für den alle Mitgliedsstaaten haften, ist ein interessanter Weg.

Es wird eine Zeit nach der akuten Pandemie geben. Haben Sie eine Vorstellung, wie die aussehen könnte?

Die hätte ich gerne, ich habe sie aber leider noch nicht. Es wird an vielen Stellen eine Neujustierung und Rückbesinnung geben. Wir werden wahrscheinlich erkennen, dass es nicht der richtige Weg war, allein auf die Globalisierung zu setzen. Wir sehen es schon jetzt bei dringend benötigten medizinischen Artikeln: Die dringend notwendige Versorgung aus Asien stockt. Es wird daher notwendig sein, Lieferketten zu überdenken.

Wie steht es um Europa?

Gegenwärtig schotten sich alle Staaten, auch Deutschland, ab. Europäische Solidarität wird nicht gelebt. Schon vor der Coronakrise drohte Europa im Wirtschaftskonflikt zwischen den USA und China ins Hintertreffen zu geraten. Nach Corona wird das nicht einfacher werden. Dabei liegt der Zusammenhalt Europas in unserem ureigenen Interesse.

Sollte man angesichts akuter Finanzprobleme vieler Menschen das Thema Geldanlage lieber ausklammern?

Überhaupt nicht. Mein Tipp: Lassen Sie sich nicht von irgendwelchen Finanz-Gurus in den Medien verunsichern. Wenden Sie sich vielmehr an den Berater Ihres Vertrauens und bilden sich dann Ihre eigene Meinung.

Bei der Anlagestrategie gilt nach wie vor: Man sollte, bildlich gesprochen, nicht alles auf eine Karte setzen. Das heißt, unabhängig von der Höhe des Betrags sollte man das, was man hat, auf verschiedene Anlageformen verteilen, Immobilien, Aktien, Fonds oder auch Versicherungen.

Glauben Sie, dass die Pandemie den Trend zum Online-Banking weiter forcieren wird?

Was die Banken und natürlich viele Unternehmen innerhalb weniger Arbeitstage an digitalen Möglichkeiten umgesetzt haben, ist schier unglaublich. Ein Servicecenter im Home Office?

Vor einem Monat hätte das noch total verrückt geklungen. Uns bei der VR-Bank kam in dieser Lage entgegen, dass wir sehr früh auf digital persönliche Beratung“ gesetzt haben, Stichwort VRanzi, unser digitaler Chatbot. Uns liegt nach wie vor viel an einer persönlichen Beziehung zum Kunden, das macht den großen Unterschied zu Großbanken.

Wichtig bleibt, dass der Kunde mit seinem persönlichen Anliegen bei uns nach wie vor ein offenes Ohr findet. In der Filiale ebenso wie in unserem Service- und Kompetenz-Center. Der Kunde allein bestimmt seinen Weg zu uns.

Bei Ihrer Amtsübergabe an Ihren Nachfolger Dr. Carsten Düerkop mussten sie auf einen Handschlag verzichten ...

In Zeiten von Corona ist das nicht möglich. Wir haben uns mehrfach in den vergangenen Monaten persönlich ausgetauscht. Dr. Düerkop findet eine gut aufgestellte Bank mit super motivierten Mitarbeitern vor. Da bedarf es meiner Mitwirkung nicht mehr.

Was machen Sie im Ruhestand?

Ich hatte mir eine längere Auszeit in Italien vorgestellt, in der Nähe von Venedig. Ja, auch ein wenig la dolce vita genießen, aber nicht nur. Ich wollte zugleich Italienisch lernen und in das dortige Alltagsleben eintauchen. Ich kam mir immer ein wenig blöd vor, mich als Tourist nur auf Deutsch oder Englisch zu verständigen. Sobald es gefahrlos möglich ist, werde ich das nachholen. Natürlich werde ich auch weiter engagiert bleiben. Das ist aber für die Zeit nach Corona.

Was war Ihr Traumberuf als Junge?

Puh, schwere Frage. Ich kann mich wirklich nicht mehr daran erinnern. Mein Vater war selbstständiger Unternehmer in der Stahlbranche, das Unternehmerische habe ich daher früh kennengelernt. Als Jurist ergab sich eine Affinität zum Bankwesen. Mein Amt als Vorstandsvorsitzender der VR-Bank habe ich stets als eine unternehmerische Aufgabe verstanden.

Was für ein Chef waren Sie?

Da fragen Sie am besten meine Mitarbeiter...

Die sind leider gerade nicht hier...

Also gut: Bestimmt hat jede Führungskraft Stärken und Schwächen. Sicherlich habe ich immer viel von meinen Mitarbeitern gefordert, bei mir musste es immer etwas genauer und innovativer sein. Das war sicherlich manchmal anstrengend. Anderseits schätzten die Mitarbeiter den großen persönlichen Freiraum. Ich habe immer erwartet, dass die Aufgaben selbständig gelöst werden.

Das klingt danach, dass Sie stolz auf Ihre Mitarbeiter sind...

Und wie ich das bin. Es war einfach klasse, mit ihnen zusammenzuarbeiten, ihre Ideen aufzunehmen, gemeinsam neue Herausforderungen anzupacken. Was man geschaffen hat, schafft man nie allein. Das geht nur im Team. Sonst wären wir als VR-Bank nicht so erfolgreich.

Was ist für Sie in Ihrem neuen Lebensabschnitt bisher am erfreulichsten?

Noch bin ich nicht wirklich angekommen. Ich freue mich darauf, die Zeit frei einteilen zu können. Es gibt keinen fremdbestimmten Kalender mehr. Man kann nun Spontaneität entfalten, darauf freue ich mich.

  • Zur Person: Nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann studierte Wolfgang Baecker Jura in Münster. 1985 wechselte er zum Westfälischen Genossenschaftsverband. 1999 kam Baecker als Generalbevollmächtigter zur Borkener Volksbank, wo er seit 2000 dem Vorstand angehörte. Seit 2005 leitete er als Vorstandsvorsitzender die VR-Bank Westmünsterland. Dr. Baecker ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder
  • Nachfolger von Dr. Wolfgang Baecker als Vorstandsvorsitzender der VR-Bank ist Dr. Carsten Düerkop (54). Er wurde in Hildesheim geboren, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Er war bislang Vorstandsmitglied der größten deutschen Immobilien- und Pfandbriefbank, der DZ Hyp AG in Hamburg.
  • Dem Vorstand der VR-Bank gehören weiterhin Matthias Entrup und Berthold te Vrügt aus Stadtlohn an.
  • Die VR Bank-Gruppe betreut ein Kundenvolumen von 5,8 Milliarden Euro. Sie hat im Westmünsterland insgesamt 21 Filialen und Niederlassungen. In der VR-Bank Gruppe sind 530 Mitarbeiter beschäftigt.
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