Werner Sicking zieht Känguru im Rucksack und mit Hundeersatzmilch auf

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Erst hüpfte das falsche Känguru-Baby in Mutters Beutel, dann wollte sie das richtige Junge nicht zurück. „Es ist ein Wunder, dass es lebt“, sagt Werner Sicking. Er ist jetzt Sunnys „Mutter“.

Stadtlohn

, 13.05.2020, 14:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Neugierig schaut Sunny aus dem Rucksack heraus, der an einer Kofferwaage baumelt. Werner Sicking aus Stadtlohn ist zufrieden mit dem Ergebnis. Knapp 2000 Gramm wiegt das Känguru-Junge jetzt. Vor vier Wochen hätte er das kaum zu hoffen gewagt. Damals ließ das Muttertier ihr Junges nicht mehr in den Beutel. Ein Todesurteil normalerweise.

Was war passiert? Heute kann Werner Sicking gelassen darüber reden. Drei Kängurus zogen ihre drei Jungtiere im Beutel auf, zwei weiße und ein naturfarbenes. Doch dann hüpfte eines der weißen Tiere in den Beutel von Sunnys Mutter und machte es sich bequem. „Das Kleine versuchte dann in den Beutel der Weißen zu hüpfen. Aber da gab es Haue“, erzählt der Stadtlohner. Er zeigt auf die Ohren von Sunny. Sie weisen deutliche Bissspuren auf.

Ein Rucksack ist der Beutel des kleinen Kängurus Sunny.

Ein Rucksack ist der Beutel des kleinen Kängurus Sunny. © Ronny von Wangenheim

Später dann, als nach drei Tagen das weiße Jungtier wieder zur richtigen Mutter zurückwechselte, hat er noch mal versucht, Sunny wieder in den Beutel seiner Mutter zu stecken. Doch diese wollte ihr Junges nicht mehr. „Klar, das hat schon nach mir gerochen“, sagt Werner Sicking. Damit war endgültig klar, dass er die Mutterrolle übernehmen musste.

Ein alter Rucksack wird zum sicheren Känguru-Beutel

Einen Tag lang hatte Werner Sicking zuvor die vergeblichen Versuche von Sunny beobachtet, in einen sicheren Beutel zu hüpfen. Hat gehofft, dass das weiße Jungtier wieder in den richtigen Beutel zurückfindet und Platz macht. Doch als er merkte, dass das Jungtier auskühlte, hat er es erst mal unter die Wärmelampe gesteckt. Und beschlossen, es mit der Flasche aufzuziehen.

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Seitdem gehört Sunny zur Familie. Ein alter Rucksack wurde zum Beutel, in dem das kleine Känguru wie im Beutel der Mutter aufwachsen kann. Werner Sicking hat das Tier viel mit sich herumgeschleppt. Abends beim Fernsehen hängt der Rucksack über der Stuhllehne, das Kleine wird neugierig beäugt vom Hund. 1140 Gramm wog es am Anfang, inzwischen ist es fast das Doppelte. Und Sunny sitzt auch schon auf der Wiese oder in einem kleinen Stall. Gras und Heu gehören heute schon fest zum Speiseplan. Aber auch Sonnenblumenkerne, Möhren oder Blätter vom Apfelbaum mag das Känguru-Junge.

Sunny wird mit der Flasche großgezogen.

Sunny wird mit der Flasche großgezogen. © Ronny von Wangenheim

Vor vier Wochen sah das anders aus. Woher Milch nehmen, war die entscheidende Frage für Sicking, der seit rund sieben Jahren Kängurus züchtet. „Von Kuhmilch, auch von laktosefreier, werden sie blind“, weiß der Stadtlohner. Eigentlich bräuchte er Beutlermilch. Doch die in Coronazeiten aus Amerika, Australien oder der Schweiz zu erhalten – unmöglich. Abgesehen mal davon, dass die Zeit drängte.

Der Tipp mit Hundeersatzmilch war der richtige

„Ich habe den Tipp bekommen, dass es mit Hundeersatzmilch funktionieren kann. Hast du das schon ausprobiert, habe ich gefragt.“ Nein war die Antwort. Aber was blieb Werner Sicking übrig. Und es hat geklappt. „Das Kleine muss einen robusten Magen haben“, sagt Sicking und lacht. Inzwischen kommen bei ihm Nachfragen anderer Känguru-Halter, wie es gelaufen sei und ob das Kleine noch lebe. „Meistens geht es ja schief“, sagt der Stadtlohner. Aber nicht bei Sunny: „Der größte Krieg ist gewonnen.“

Info

Werner Sicking hält seit etwa sieben Jahren Kängurus. Angefangen hat die Leidenschaft für exotische Tiere mit Papageien und Nandus. Seit der 50-Jährige Frührentner wurde, hat er den Spaß an Tieren zur Hauptaufgabe entwickelt. Inzwischen leben auf seinem Hof in Almsick Alpakas, Emus und Kängurus.

Fünfmal täglich gibt es das Fläschchen, auch nachts. Auch heute hat Sunny das Fläschchen gut angenommen. Die beiden vorderen Pfoten legt sie sofort um den Sauger und in kurzer Zeit ist die Milch verschwunden. Zufrieden kuschelt sich Sunny in die Armbeuge von Werner Sicking und genießt sichtlich ein paar Streicheleinheiten. Gelegenheit für ihn, den kleinen Beutel zu zeigen, den Sunny schon selbst hat.

Werner Sicking zieht Känguru im Rucksack und mit Hundeersatzmilch auf

© Ronny von Wangenheim

Die beiden anderen Känguru-Jungen schauen derweil schon vorsichtig aus den Beuteln ihrer Mutter und fressen auch schon etwas Gras. Bis sie den Beutel endgültig verlassen, wird es noch dauern. Denn anders als beim Menschen ist das Känguru-Baby nach einer kurzen Tragzeit von rund 30 Tagen relativ unterentwickelt. „Das ist so ein Würmchen“, zeigt Werner Sicking mit den Fingern. „Das klettert dann in den Beutel und bleibt da erst mal.“

Känguru-Junge bleiben neun Monate im Beutel

Bevor Werner Sicking also immer den neuesten Nachwuchs sehen kann, vergehen Monate. Auch Sunny ist jetzt schätzungsweise schon sechs bis sieben Monate alt. Bis sie den Beutel endgültig verlassen, dauert es bei den Kängurus etwa neun Monate.

Werner Sicking zieht Känguru im Rucksack und mit Hundeersatzmilch auf

© Ronny von Wangenheim

Ein paar Wochen wird sich Werner Sicking also den Rucksack noch umschnallen und weiter das Fläschchen geben. Ach ja, noch eins erzählt er, während er das Köpfchen streichelt. Sunny wird bei ihm bleiben, auch wenn sie seine Hilfe nicht mehr braucht. „Sie ist unverkäuflich“, sagt er. Da schwingt viel Mutterliebe mit.

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