So stellt sich die Situation der ehemaligen Textilfabrik Niehues heute dar. Im Hintergrund das sogenannte "Brandenburger Tor". © Markus Gehring
Ratsbeschluss

Wohnen statt Weben im ehemaligen Textilunternehmen Niehues

Wenn Friedel Niehues aus dem Fenster schaut, hat er demnächst nur noch die Konturen der alten Textilfabrik seiner Familie vor Augen. Stattdessen blickt er dann auf fünf neue Reihenhäuser.

Kalterweg 56 und 58. Der Besitzer der Gebäude, in dem Jahrzehnte lang das Textilunternehmen Niehues seinen Sitz hatte, möchte hier weiteren Wohnraum schaffen. Fünf Wohneinheiten hat er am südlichen Ende des Gebäudes bereits vor einigen Jahren realisiert. Jetzt will er fünf weitere Wohnungen, verteilt auf fünf Reihenhäuser, bauen. Dafür soll die Fläche, die nach dem Abriss des mittleren Gebäudeteils frei bleibt, genutzt werden. Der Stadtlohner Rat machte dafür die planungsrechtliche Tür auf und stimmte der Änderung des Bebauungsplans zu. Zwar bleibt es bei der Festlegung als Mischgebiet, gleichzeitig werden aber bestimmte Festlegungen getroffen.

Einheitliches Bild für die Reihenhäuser

Zulässig ist kleinflächiger Einzelhandel unter 800 Quadratmetern. Gartenbau und Vergnügungsbetriebe sind ausgeschlossen. Die Geschossflächenzahl wird auf 1,6 begrenzt, liegt damit aber über der für ein Mischgebiet festgelegten Obergrenze von 1,2. Gleichzeitig aber wird die Zahl der ehemaligen Fabrik von 2,0 unterschritten. Mit Blick auf die alte Textilfabrik wird eine geschlossene Bauweise festgeschrieben. Die geplanten Reihenhäuser sind durch den B-PLan abgesegnet, sollen aber mit gleicher First- und Traufenhöhe sowie Dachneigung ein einheitliches Bild ergeben. Optisch werden sie sich der südlichen Bebauung (Klinker) anpassen.

Für Friedel Niehues wie für seine Brüder Ulrich und Alfred, Enkel des Firmengründers Fritz Niehues und seit 1972 auch die dritte Generation an der Spitze, ist die familiäre Firmengeschichte schon seit Anfang der 1980er Jahre vorbei, als die Produktion der Werke in Stadtlohn und Ramsdorf endgültig eingestellt wurde. Allerdings ist Friedel Niehues dennoch sehr viel näher dran. Örtlich gesehen. Der heute 87-Jährige lebt nämlich in der Gründerzeitvilla hinter der alten Fabrik an der Bergstraße 5. Das Haus, in dem vor fast 100 Jahren mal alles begann. Als Opa Fritz, gelernter Weber, dort 1924 zwei Webstühle aufstellte, die zuerst von seiner Ehefrau bedient wurden.

Jahrzehnte lange Erfolgsgeschichte

Ein Jahr später wurde bereits um ein kleines Fabrikgebäude erweitert und nach und nach kamen mehr Webstühle und auch eine Näherei dazu. 1930 wurden an 50 Webstühlen Handtücher, Kissenbezüge mit Stickerei und Bettwäsche – Heimtextilien aller Art – hergestellt. Jahrzehnte dauerte die Blütezeit der mechanischen Weberei Niehues, die auch die Kriegszeit unbeschadet überstand. Nach dem Krieg wurden die Gebäude am Kalterweg von 1945 bis 1947 zwischenzeitlich als Notkirchen genutzt. Im Todesjahr des Firmengründers 1953 zählten 400 Mitarbeiter zum Unternehmen.

Ein Bild aus dem Firmenarchiv: Näherei und Weberei Fritz Nieheus 1959/59.
Ein Bild aus dem Firmenarchiv: Näherei und Weberei Fritz Niehues 1959/59. © Privat © Privat

Stetig wurde erweitert. Schon 1934 hatte man in Ramsdorf eine stillgelegte Weberei samt Färberei übernommen, am Kalterweg wurde 1960 eine neue Produktionshalle für die Näherei gebaut. Über eine Brücke über die Straße wurde sie mit dem Altbau verbunden, womit sie sich den Namen „Brandenburger Tor“ einhandelte. In Wüllen entstand 1965 ein Zweigbetrieb.

Firmen-Aus als Folge der Textilkrise

Der Name Niehues aus Stadtlohn hatte in der Branche lange Zeit einen guten Klang, zwischenzeitlich bot die Firma aus dem Münsterland die größte Stickereikapazität in Europa. Die Textilkrise der 1960er und 1970er Jahre erfasste aber auch den Stadtlohner Textilbetrieb. Daran konnte auch eine Kooperation mit den Nobilis-Textilwerken (1976) nichts ändern. Ab 1982 blieben die Räder still. Quelle: Ulrich Söbbing, Dokument des Monats, Juli 2010 in „Mosaiksteine Stadtlohner Geschichte“

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