Zweite 70-Kilo-Bombe nach 50 Minuten sicher entschärft

hzBombe in Stadtlohn

Nur einen Tag nach dem Bombenfund auf dem Grundstück Vredener Straße/Weststraße wurde dort eine zweite Bombe gefunden. Auch sie konnte sicher entschärft werden.

Stadtlohn

, 22.06.2018, 11:52 Uhr / Lesedauer: 6 min

Alles noch einmal auf Anfang: Nach der gelungenen Entschärfung des Blindgängers am Donnerstagnachmittag ging auch am Freitagmorgen wieder der Alarm: Möglicher Blindgänger auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik van Bömmel. Erst hatten sie noch an einen Aprilscherz gedacht, doch die Alarmierung der Freiwilligen Feuerwehr war auch am Freitag wieder bitterer Ernst. Nur wenige Meter vom ersten Blindgänger tauchte eine zweite Sprengbombe aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Wieder hatte Baggerfahrer Harald te Maat das gefährliche Stück aus dem Boden geholt. Und wieder war es kurz vor 9 Uhr. Also lief auch wieder die gesamte Maschinerie an: Ordnungsamt, Bezirksregierung, Kampfmittelräumdienst, DRK, Sperrung, Notunterkunft einrichten, Evakuierung, Entschärfung.

In 50 Minuten entschärft

Pünktlich um 15 Uhr begann Horst Schöwe vom Kampfmittelräumdienst mit seiner Arbeit. Etwa 50 Minuten später erhielt Thomas Gausling, Leiter des Stadtlohner Ordnungsamtes, den befreienden Anruf: Bombe entschärft. Nur wenige Augenblicke später gab auch der Sirenenton Entwarnung. Die Stadtlohner atmeten auf, der Alltag konnte zurückkehren.

Einfach sei auch diese Entschärfung leider nicht gewesen: „Der Zünder hat schon ordentlich einen mitgekriegt“, sagte Horst Schöwe nach getaner Arbeit. Der Zünder sei stark verformt und in seinen Sitz gepresst gewesen. „Wir haben ihn dann aber überredet, sodass er am Ende nachgeben musste.“ Bevor er mit seiner Arbeit begann, hatte er noch augenzwinkernd gesagt, dass er sich mit der Entschärfung, so gut es gehe, beeilen wolle: „Hier ist doch schließlich Schützenfest.“

Fläche wird untersucht

Thomas Gausling, Leiter des Ordnungsamtes Stadtlohn, erklärte gegenüber der Münsterland Zeitung, dass es für die Fläche, auf der beide Bomben gefunden wurden, vorab keine besonderen konkreten Verdachtsmomente auf Blindgänger gegeben hat. „Aber wir wollen natürlich keinen dritten Zufallsfund riskieren“, sagte er. Deswegen solle die Fläche nun noch einmal genauer unter die Lupe genommen werden, bevor die Bauarbeiten fortgesetzt werden. „Das haben wir mit dem Bauunternehmen so abgestimmt.“ Und das wird auch mit dem Kampfmittelbeseitigungsdienst weiter abgesprochen. Wie das genau ablaufen soll, muss nun in den nächsten Tagen geklärt werden.

Horst Schöwe erklärte noch, dass es sehr schwer sei, diese Art von Sprengbomben zu finden. „Auf Luftbildern sind diese kleinen Kaliber kaum auszumachen“, sagte er unmittelbar nach der Entschärfung im Kreis einiger interessierter Feuerwehrleute. Diese 70-Kilo-Bomben seien oft im Verbund mit größeren von bis zu 500 Kilogramm abgeworfen worden. „Da verschwinden schon mal mehrere in einem Trichter“, sagte er.

Schwer zu finden

Auch seien Abwürfe dieser Munition oft gar nicht verzeichnet – im Gegensatz zu den größeren Kalibern, die sich zumindest ungefähr zurückverfolgen lassen. „Das kann auch ein sogenannter Notabwurf gewesen sein“, so Schöwe weiter: Flugzeugbesatzungen hätten Bomben oft auch ungezielt abgeworfen – etwa, wenn sie selbst angegriffen wurden. „Solche kleinen Blindgänger findet man nur durch Zufall“, erklärte der Fachmann. Dass dieser Zufall nun aber innerhalb von zwei Tagen an fast derselben Stelle gleich zweimal zuschlagen hat, sei allerdings tatsächlich sehr selten.

Vorsicht ist Motto des Baggerführers

Zweite 70-Kilo-Bombe nach 50 Minuten sicher entschärft

Harald te Maat am Baggerhebel, er hatte die beiden Blindgänger gefunden.. © Stefan Grothues

„Ich werde jetzt noch besser aufpassen.“ Das hatte Baggerführer Harald te Maat am Donnerstag gesagt, nachdem er den lebensgefährlichen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg freigelegt hatte. Schon am Freitag war seine Umsicht dringend notwendig. Den Schreck vom Vortag hatte der 45-Jährige gut verdaut, als er um 7 Uhr seine Arbeit auf der Baustelle begann. „Ich habe natürlich nicht wie ein Wilder losgelegt“, sagt er. Vorsichtig hat der Niederländer mit der Schaufel die oberen Erdschichten abgetragen. „Das Problem hier ist, dass es überall Widerstände gibt“, erklärt Harald te Maat, der seit 20 Jahren einen Bagger führt. Immer wieder stößt die Baggerschaufel auf dem Grundstück auf Steine, Beton- und Schrottteile. Kein Wunder: 2011 wurde hier die alte Fabrik van Bömmel abgerissen. Wegen der vielen Schrottteile sei eine Sondierung des Geländes mit einem Metalldetektor auch kaum möglich, sagt Harald te Maat. Der Arbeitstag war am Freitag noch keine zwei Stunden alt, er seinen Bagger verließ: Die Schaufel war auf etwas Hartes gestoßen, das weder nach Schrott noch nach Stein aussah. Senkrecht ragte ein rostiger Zylinder in die Höhe. „Da bin ich doch nervös geworden und habe das Ordnungsamt angerufen.“ Die Baustelle wurde stillgelegt. Am Montag soll es hier weitergehen. Harald te Maat sagt am Freitag das, was er schon am Donnerstag sagte: „Ich werde jetzt noch besser aufpassen.“ Und er fügt hinzu: „Einer muss ja hier baggern.“

1997 explodierte Bombe im Garten

Zweite 70-Kilo-Bombe nach 50 Minuten sicher entschärft

Karin Dieker zeigt den alten Zeitungsbericht. © Stefan Grothues

Karin Dieker geb. Busche hat Glück gehabt. Ihr Kiosk an der Josefstraße darf am Donnerstag und am Freitag nach dem Fund der Weltkriegsbombe geöffnet bleiben. Der Evakuierungsbereich beginnt erst auf der anderen Straßenseite.

Karin Dieker aber weiß nur zu genau, welche zerstörerische Wirkung der Blindgänger auch noch Jahrzehnte nach dem Kriegsende haben kann. Sie weiß es seit dem 22. November 1997, 18.15 Uhr.

Damals explodierte eine Weltkriegsbombe quasi vor ihrer Haustür im Garten der Nachbarn. Karin Dieker war gerade 23 Jahre alt. „Ich habe ferngesehen“, erzählt sie. „Dann hat es geknallt, so wie ich es noch nie gehört habe. Der Raumteiler in meinem Zimmer hat gewackelt.“

Mit ihrem Vater stürzte sie vor die Tür, um zu sehen, was passiert war. „Es war ja dunkel, zuerst konnten wir nichts entdecken. Dann aber sahen wir, dass die Garage gegenüber nicht mehr da war.“ Das Flachdach der Garage hatte das Auto der Busches unter sich zermalmt. Menschen waren glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen.

Ein Sprengstoffexperte der Bezirksregierung kam zu dem Schluss, dass sich eine Zwei-Zentnerbombe im Erdreich des Gartens gezündet hatte. Möglicherweise sei die Bombe mit einem Langzeitzünder versehen gewesen.

Karin Dieker sagt: „Ich bin sicher, dass hier in den Gärten noch mancher Blindgänger schlummert. Wir leben hier heikel.“ Aber sie bleibt gelassen: „Panik hilft uns ja nicht weiter.“

Wenige Minuten nach der Entschärfung haben wir mit Feuerwerker Horst Schöwe gesprochen

16.02 Uhr: Geschafft: Die Bombe ist entschärft. Ein durchgehender Sirenenton gibt Entwarnung. Die Straßen werden wieder freigegeben. Kampfmittelräumer Horst Schöwe hatte wieder alle Hände voll zu tun. Weil die Bombe wie schon der am Donnerstag entschärfte Sprengkörper gestaucht war, ließ sich der Zünder nur mühsam herausdrehen.

15.45 Uhr: Von der Fundstelle der Bombe gibt es aktuell keine Neuigkeiten. Die Arbeitsstelle von Horst Schöwe ist weiträumig abgesperrt. Die Feuerwehrleute an der Einsatzleitstelle warten darauf, dass das Telefon von Thomas Gausling klingelt. Er wird der erste sein, der informiert wird, wenn die Bombe entschärft ist.

15.19 Uhr: Wie auch schon am Donnerstag ist die Stimmung unter den Feuerwehrleuten gut: Sie vertreiben sich mit kleinen Späßen die Zeit. Wirkliche Sorgen scheint sich niemand zu machen. Auch Anwohner, die vorhin noch ein den jetzt evakuierten Straßen miteinander redeten, schienen nicht zu besorgt zu sein. „Klar, dass das an zwei Tagen hintereinander passiert, hat es noch nicht gegeben. Aber es wird schon gut gehen“, sagte einer.
15.11 Uhr:
Für Feuerwehr und die anderen Einsatzkräfte beginnt nun die Wartezeit: Wie Thomas Gausling gerade mitteilt, beginnt der Feuerwerker in diesen Minuten mit der Arbeit.
15 Uhr:
Die Evakuierung ist nun in Kraft. Der Lidl-Markt ist geschlossen. Dennoch versuchen immer wieder Passanten auf den Parkplatz einzubiegen. Sie werden von der Feuerwehr zurückgeschickt.
14.34 Uhr:
Betont ruhig ist gerade noch Horst Schöwe vom Kampfmittelräumdienst. Im Lieferwagen sitzt er auf dem Baugrundstück, nur wenige Meter von dem Blindgänger entfernt bei der Mittagspause. Er wartet darauf, dass die Räumung beginnen kann. Bei der Bombe handelt es sich um exakt das gleiche Modell wie gestern: Amerikanisches Modell, 70 Kilogramm, Sprengbombe, Aufschlagzünder. Mehr kann er aktuell noch nicht zur gefundenen Bombe sagen. „Das sehen wir erst, wenn wir anfangen“, sagt er.
14.26 Uhr:
Während die Evakuierung bis 15 Uhr abgeschlossen sein muss, damit die Entschärfung der Bombe beginnen kann, wird aktuell auf der Vredener Straße noch gearbeitet. Ein Minibagger ist dort beschäftigt, Leitungen zu verlegen.

Zweite 70-Kilo-Bombe nach 50 Minuten sicher entschärft

Die Evakuierung muss um 15 Uhr abgeschlossen sein. Auf der Vredener Straße wird aktuell allerdings noch mit Minibagger und Rüttelplatte gearbeitet. Dort werden Leitungen verlegt. © Stephan Teine


14.12 Uhr:
Mit Blick auf den zweiten Zufallsfund eines Blindgängers auf dem Grundstück an der Ecke Weststraße/Vredener Straße betont Thomas Gausling vom Ordnungsamt noch einmal ganz deutlich: „Es gab keine Anhaltspunkte für Blindgänger auf dem Gebiet.“ Um nun einen dritten Fund in Zukunft auszuschließen, soll die Fläche aber noch einmal eingehend untersucht werden.
14:09 Uhr:
Auf dem Lidl-Parkplatz bereitet sich die Feuerwehr gerade auf die Evakuierung vor. „Gestern war so etwas wie die Generalprobe am scharfen Objekt“, sagt Thomas Gausling vom Ordnungsamt der Stadt Stadtlohn mit einem Augenzwinkern. Heute würde der Einsatz exakt genauso ablaufen.
13:54 Uhr:
An der Stadthalle ist es noch ruhig. Das DRK richtet dort wieder eine Notunterkunft für die Evakuierung ein. „So eine Situation hatten wir auch noch nicht“, sagt Moustapha Abou-Alfe vom DRK Stadtlohn. Mit seinem Team war er am Donnerstag schon an derselben Stelle im Einsatz – übrigens komplett ehrenamtlich. Den Dienst im DRK leistet er aus Spaß an der Freude und um etwas sinnvolles für die Gesellschaft zu tun. Dafür wird er im Alarmfall von seinem Arbeitgeber freigestellt.

13.20 Uhr: Im Buch „Nie wieder – Stadtlohn unterm Hakenkreuz“ wurde ein Luftbild der englischen Luftaufklärung veröffentlicht. Dadurch wird ein Bild von den schweren Luftangriffen vermittelt.

Zweite 70-Kilo-Bombe nach 50 Minuten sicher entschärft

Rot eingekreist ist die damalige Fabrik van Bömmel. Dort befindet sich heute das Baugrundstück. © Buch: "Nie wieder – Stadtlohn unterm Hakenkreuz"

13.18 Uhr: Die Feuerwehr plant wie am Donnerstag die Evakuierung.

Zweite 70-Kilo-Bombe nach 50 Minuten sicher entschärft

Der Evakuierungsbereich rund um das Baugrundstück © Feuerwehr Stadtlohn

13 Uhr: Die Evakuierung wird wieder vorbereitet. Bei der Feuerwehr Stadtlohn ist man da ja inzwischen wirklich routiniert. Die Einsatzleitstelle wurde wieder auf dem Lidl-Parkplatz eingerichtet.

12.27 Uhr: Alles wieder auf Anfang: Herbert Schöwe vom Kampfmittelräumdienst hat vor Ort den Bombenfund bestätigt. Es handelt sich wieder um eine 70-Kilo-Sprengbombe. Die Evakuierung und Entschärfung wird genau wie am Donnerstag ablaufen, erklärte Günther Wewers, Leiter der Stadtlohner Feuerwehr.

Wir berichten aktuell weiter.

Der Fundort und der ungefähre Evakuierungsbereich

Ein Video aus dem englischen Archiv, das zeigt, wie Stadtlohn nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg aussah

Das war unsere Berichterstattung zum ersten Bombenfund auf dem Grundstück:

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Drei Bombenangriffe vom 11., 21. und 22. März 1945 haben Stadtlohn in Trümmer gelegt. 330 Menschen starben in dem Bombenhagel. Fast die Hälfte der Gebäude wurde zerstört. Seither werden bei Erdarbeiten immer wieder Blindgänger entdeckt. Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Westfalen-Lippe haben heute noch alle Hände voll zu tun mit der Auswertung von Luftbildern. Gefahrenpunkte zu erkennen ist schwierig. Ordnungsamtsleiter Thomas Gausling: „Verdachtsmomente sind nichts Ungewöhnliches.“ Auf den Luftbildern seien oft Einschläge zu erkennen, von denen längst keine Gefahr mehr ausgehe.
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