90-Jährige warnt vor Rechtsextremismus in Südlohn: „Werdet wach!“

hzRechte Tendenzen?

Gunilda Hollstegge hat als Kind noch die Zeit des Nationalsozialismus miterlebt. Die 90-jährige Südlohnerin hat angesichts der Beschädigungen der jüdischen Gedenkstele ein mulmiges Gefühl.

Südlohn

, 24.10.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gunilda Hollstegge sieht nicht mehr gut. Auf dem linken Auge hat sie noch 30 Prozent Sehkraft, auf dem rechten ist sie völlig erblindet. Dafür funktionieren viele andere Sinne der 90-jährigen Südlohnerin noch bestens.

Als sie in der Münsterland Zeitung von der erneuten Beschädigung der Gedenkstele für jüdische Mitbürger am Platz der Synagoge erfuhr, schrillten bei Gunilda Hollstegge sofort die Alarmglocken.

Jetzt lesen

„Ich glaube es einfach nicht. Als ich gesehen habe, dass wir schon wieder Rechtsextremisten in Südlohn haben, hat mich die Wut gepackt“, berichtet die Rentnerin von ihrer Reaktion auf die Nachricht. „Südlohner, werdet wach! Wenn wir nicht aufpassen, geht das wieder von vorne los“, appelliert Gunilda Hollstegge mit Nachdruck an die Mitbürger. „Das“ bezieht sich auf ihre Kindheit in der Zeit des Nationalsozialismus.

Erinnerungen an Leben mit jüdischen Mitbürgern

„Wir haben früher mit jüdischen Kindern gespielt. Andere Eltern haben das ihren Kindern verboten“, erinnert sie sich zurück. Mit Sonja, der ältesten Tochter der jüdischen Nachbarsfamilie, habe sie als junges, blondes Mädchen mit krausen Haaren viel Zeit verbracht.

Im Laufe der NS-Zeit wurden alle Juden in Südlohn in einem großen Haus zusammengetrieben und später aus dem Ort abtransportiert. Gunilda Hollstegge hat Sonja und ihre Familie nicht wieder gesehen.

Ihre Eltern versuchten, den jüdischen Mitbürgern noch bestmöglich zu helfen. Ihr Vater, der als Klempner arbeitete, musste mehrfach zur Gestapo und wurde dort einige Tage festgehalten. Da man im Ort aber nicht auf ihn verzichten konnte, habe er Glück gehabt, erzählt Gunilda Hollstegge nachdenklich.

Heimliche Essensbotin

Aber auch für sie und ihre Geschwister war es keine leichte Zeit. „Unsere Eltern redeten offiziell nicht über Politik, aber man spürte ihre Einstellung. Man hat als Kind schon unter Druck gestanden“, meint Gunilda Hollstegge. Sie erzählt davon, wie sie mit ihrer Schwester in der Dunkelheit heimlich mit Essen gefüllte Dosen in das jüdische Quartier gebracht hat.

Video
Gunilda Hollstegge warnt vor Rechtsextremismus

Eine Grundschullehrerin bestand darauf, dass Schüler sie auf der Straße mit dem Hitlergruß grüßen. „Wenn ich von weitem sah, dass sie kam, bin ich zur anderen Straßenseite gegangen und habe bewusst weggesehen“, erinnert sich Gunilda Hollstegge.

Deutliche Mahnung

Aufgrund seiner ablehnenden Haltung wurde ihr Vater, wie er ihr später erzählte, dazu gezwungen, beim Abtransport der Juden dabei zu sein. Als er sich dafür einsetzte, dass zwei ältere Menschen sich wenigstens setzen dürfen, habe er zu hören bekommen: „Wenn Sie nicht den Mund halten, befördern wir Sie auch mit“.

Jetzt lesen

Verhältnisse, die heute undenkbar scheinen. Doch Gunilda Hollstegge mahnt zur Wachsamkeit: „Zu Hitlers Zeiten ist es auch langsam angefangen. Man muss aufpassen und etwas dagegen unternehmen.“ Sie ist sich nicht sicher, wie gut jüngere Leute über die Vergangenheit Bescheid wissen.

Thema darf nicht untergehen

„Wenn keiner darauf achtet, werden die Rechtsextremen Spaltung in unsere Gesellschaft bringen. Islamische Menschen werden jetzt schon oft ausgegrenzt“, beobachtet sie und fragt: „Wenn ich nicht mal ein Denkmal stehen lassen kann, was passiert dann mit Menschen?“

Sie habe jedenfalls ein mulmiges Gefühl und befürchte, dass die Entwicklung angesichts anderer Themen wie Corona untergehe. „Manchmal kommt es mir vor, als wenn die Menschen alle blind sind“, sagt Gunilda Hollstegge mit Skepsis in der Stimme.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt

Die Baustelle im Pingelerhook wirkt sich jetzt auch auf den Verkehr aus: Die Baumwollstraße ist halbseitig gesperrt. Die Anlieger des abgebundenen Wirtschaftswegs sind nach wie vor sauer. Von Anne Winter-Weckenbrock

Lesen Sie jetzt