Südlohner Familie Trovato wird vom Coronavirus in Sizilien eingesperrt

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Die Fenster des Eiscafés Florenz sind wie jeden Winter verhängt. Zum ersten Mal seit 1973 ist unklar, wann das Café wieder öffnet. Das Coronavirus hat Familie Trovato in Sizilien eingesperrt.

Südlohn

, 15.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

1711 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Südlohn und dem 7500-Einwohner-Städtchen Valguarnera Caropepe mitten in Sizilien. Für Valeria Trovato könnte die Entfernung im Moment nicht größer sein.

Eigentlich hatte die Inhaberin des Südlohner Eiscafés Florenz wie in jedem Jahr über den Winter den normalen Heimaturlaub in Sizilien machen wollen. Dann kam das Coronavirus.

Menschen sind kaum noch auf der Straße

Wir erreichen sie am Donnerstagnachmittag per Telefon. „Es ist so schrecklich“, sagt sie und muss dabei ein paar Tränen herunterschlucken. „Kein Mensch ist hier auf der Straße“, sagt sie, „so traurig.“ Seit einigen Tagen dürfen sich die Menschen in Italien nur noch in Ausnahmefällen auf der Straße bewegen. „Wir sitzen den ganzen Tag zuhause und warten auf Neuigkeiten“, sagt Valeria Trovato.

Menschenleere Straßen, wo sonst der sizilianische Alltag tobt: Für Valeria Trovato ist es ein beklemmendes und beängstigendes Gefühl.

Menschenleere Straßen, wo sonst der sizilianische Alltag tobt: Für Valeria Trovato ist es ein beklemmendes und beängstigendes Gefühl. © Valeria Trovato

Morgens darf einer aus der Familie zum Einkaufen. „Immer nur einer. Nicht als Paar. Kinder sollen komplett zuhause bleiben“, schildert sie. Vor dem Supermarkt steht ein Polizist, der genau darauf achtet, dass nicht zuviele Menschen gleichzeitig in den Supermarkt gehen. „Man muss Schlange stehen. Kommt ein Kunde heraus, darf ein neuer hineingehen“, erzählt die Sizilianerin.

Ein bis zwei Meter Abstand auch in der Supermarkt-Schlange

Auch draußen vor dem Supermarkt sei die Stimmung gedrückt. „Man geht auf Abstand. Versucht, sich nicht zu nahe zu kommen“, so Valeria Trovato. Von der Regierung seien ein bis zwei Meter Abstand zwischen den Menschen vorgegeben. Das hielten die meisten ein. „Es tut so weh, den Menschen, die man mag, nicht näher kommen zu dürfen“, erzählt sie.

Zusätzlich werden die Kunden in den Märkten namentlich in Listen erfasst. „Wir haben Angst“, gibt Valeria Trovato zu.

Die Straßen sind menschenleer. Die Polizei kontrolliert jeden, der sich im Freien bewegt.

Die Straßen sind menschenleer. Die Polizei kontrolliert jeden, der sich im Freien bewegt. © Valeria Trovato

Bisher handele es sich dabei wohl nur um Vorsichtsmaßnahmen. In ihrem direkten Umfeld kennt sie niemanden, der krank geworden ist. „Man weiß es aber auch einfach nicht“, erzählt sie. Stand Donnerstagabend haben sich in Italien über 12.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, deutlich über 800 Menschen sind an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Geschäfte und Restaurants sind geschlossen

Die italienische Regierung hat am vergangenen Dienstag die Vorschriften gegen die Ausbreitung des Coronavirus weiter verschärft. Geschäfte müssen schließen, Cafés und Restaurants genauso. Es gilt eine Ausgangssperre. Nur noch der Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen ist erlaubt.

Wie immer hat sich Familie Trovato Ende vergangenen Jahres für den Urlaub aus Südlohn verabschiedet. Wann sie wiederkommen können, ist im Moment noch nicht klar.

Wie immer hat sich Familie Trovato Ende vergangenen Jahres für den Urlaub aus Südlohn verabschiedet. Wann sie wiederkommen können, ist im Moment noch nicht klar. © Stephan Teine

Auch Valeria Trovato muss ein Formular der Gesundheitsbehörden immer dabei haben. „Darin muss ich meine Adresse, mein Ziel und den genauen Grund für meine Reise angeben. Selbst wenn ich nur bis zum nächsten Laden gehe“, sagt sie. Und das werde dann auch tatsächlich häufig kontrolliert. In einen anderen Ort zu fahren, sei auch verboten. Die Beschränkungen sollen erst einmal bis zum 3. April gelten.

„Das Leben und der Alltag werden einem gestohlen“

„Die Straßen sind so leer“, sagt Valeria Trovato. Kinder dürften gar nicht mehr auf die Straße, würden nur noch in den Wohnungen eingeschlossen. Sie hat Verständnis für die Sicherheitsmaßnahmen. Hat Verständnis dafür, dass alles getan werden muss, um das Virus zumindest etwas zu bremsen.

Doch bei allem Verständnis bleibt die Ungewissheit. Und ein schreckliches Gefühl: „Es kommt einem so vor, als würde einem das Leben und der Alltag gestohlen“, sagt sie. An dieser Stelle stockt ihre Stimme noch einmal. Sie muss schlucken.

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Abends versammelt sich die Familie vor dem Fernseher. Italiens Präsident Guiseppe Conte wende sich jeden Abend live an die Menschen. „Wir haben Tränen in den Augen“, erzählt sie. Das sei alles so schlimm.

Ernst gemeinter Rat an die Menschen im Münsterland

Für die Südlohner und alle anderen Menschen im Münsterland hat sie noch einen ernst gemeinten Rat: „Nehmt das Virus nicht auf die leichte Schulter. Ihr dürft es nicht unterschätzen. Die Menschen werden schon krank, nur weil sie in der Nähe eines Kranken waren.“

Die Fenster des Eiscafés Florenz von Familie Trovato sind mit Papier zugeklebt. Eigentlich wollten sie zu den Ostertagen wieder in Südlohn sein. Wegen des Coronavirus' wissen sie aktuell nicht, wann sie aus Sizilien wieder ausreisen können.

Die Fenster des Eiscafés Florenz von Familie Trovato sind mit Papier zugeklebt. Eigentlich wollten sie zu den Ostertagen wieder in Südlohn sein. Wegen des Coronavirus' wissen sie aktuell nicht, wann sie aus Sizilien wieder ausreisen können. © Stephan Teine

Die Familie Trovato führt das Eiscafé Florenz seit 1973 in Südlohn. Valerias Vater Gabriel hat es damals gegründet. Er verkaufte das Eis sogar in den Nachbarorten. Vor vier Jahren übernahmen Valeria und ihre Schwester Carmen den Betrieb. Seit der Gründung des Eiscafés macht die Familie einmal im Jahr Urlaub in der alten Heimat. An eine Situation wie jetzt kann sich niemand von ihnen erinnern.

Zum Abschied grüßt sie die Südlohner. „Ich freue mich so sehr darauf, meine Freunde in Südlohn wiederzutreffen. Ich vermisse sie.“

Wann sie zurückkommt, ist noch nicht klar

Eigentlich hätten sie in diesen Tagen die Koffer gepackt, um zurück nach Südlohn zu kommen. Rund um die Ostertage hätten sie die Winterpause beendet und das Café wieder eröffnet. Wann es in diesem Jahr zurück nach Südlohn geht, kann sie nicht sagen. „Ich weiß ja nicht, wann wir uns wieder frei bewegen können. Im Moment komme ich hier nicht weg“, sagt sie. Den Staat darf sie nicht verlassen. Bevor an eine Rückreise nach Deutschland zu denken ist, müssen erst einmal die Fallzahlen der Neuinfizierungen wieder sinken. Verlässliche Prognosen, wann das passiert, gibt es im Moment nicht.

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