In Oeding baumelt die Kegelkugel am Galgen

hzKroatischer Nationalsport

Im Garten von Goran Milic steht seit ein paar Tagen ein großer Galgen. Doch das hat viel friedlichere Hintergründe, als man zunächst meint. Der gebürtige Kroate zielt nur auf Kegel.

Südlohn

, 10.04.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Goran Milic hat sich einen Galgen in den eigenen Garten gebaut. Doch damit will der 45-jährige Oedinger nicht etwa eine sehr alte Form der Rechtssprechung neu verbreiten. Der gebürtige Kroate hat nur ein friedliches Spiel im Sinn. Denn in Kroatien wird anders gekegelt, als auf den in Deutschland verbreiteten Kegelbahnen.

Kegeln wie in Kroatien

„So einen Kegelplatz gibt es in Kroatien in jedem Dorf und an jedem Spielplatz“, erzählt Goran Milic. Die Kegel werden meist irgendwo in der Nähe gelagert oder verliehen. Und die Gruppen oder Vereine treffen sich dort regelmäßig. „So wie Boccia in Frankreich“, sagt er. Kuglanje heißt das Spiel dort. Die wörtliche Übersetzung von Kegeln. Russisches Kegeln werde es auch genannt, sagt er.

Am Mittelmeer spiele sich das Leben eben immer draußen ab. Den Plan, einen eigenen Kegelplatz zu bauen, hat er schon lange. „Der Galgen hat mindestens ein Jahr in meinem Blumenbeet gelegen“, erzählt seine Frau Marion (43) mit einem mild-kritischen Unterton in der Stimme.

Projekt lag lange in der Ecke

Goran nickt. „Ja, das wollte ich eigentlich längst gemacht haben“, gibt er zu. Doch dabei sei es meist geblieben. Jetzt, durch die Coronakrise, sei Zeit dafür gewesen. „Auch weil ich unseren Sohn ablenken wollte“, erzählt er. Mateo ist fünf Jahre alt und spielt gerade mit dem Hund der Familie. An dem Kegelplatz hat er natürlich mitgeholfen und zeigt auch schon mal, wie man die Kugel genau werfen muss.

An dem Galgen ist die Kegelkugel mit einem Seil befestigt. Die Kegel stehen auf einer ebenen Fläche. Genauso angeordnet wie beim deutschen Kegeln. „Ich hatte keine genauen Maße, deswegen musste ich ein bisschen ausprobieren“, erklärt Goran Milic. Die Kugel darf nicht zu tief hängen, muss auch die äußeren Kegel problemlos erreichen.

Andere Regeln als auf einer Bundeskegelbahn

Wichtig ist, dass die Kegel nur von hinten angespielt werden dürfen. Der Kegler nimmt die Kugel und muss ihr den Schwung so passend geben, dass die Kugel erst an den Kegeln vorbei schwingt und dann möglichst beim Zurückschwingen alle abräumt. Der Vorführeffekt sorgt natürlich dafür, dass es an diesem Nachmittag mit „Alle Neune“ partout nicht klappen will.

Goran Milic macht vor, wie die Kugel zunächst um die Kegel herumgeschwungen werden muss, damit sie schließlich von hinten trifft.

Goran Milic macht vor, wie die Kugel zunächst um die Kegel herumgeschwungen werden muss, damit sie schließlich von hinten trifft. © Stephan Teine

Die Grundplatte und die Kegel stammen aus einer Gaststätte, die ihre Kegelbahn aufgegeben hat. „Die habe ich im Internet gesehen und direkt zugeschlagen“, sagt Goran Milic.

Arbeit war schnell gemacht

Die Idee möchte er mit anderen Leuten teilen. „Das ist ja schnell gemacht und braucht auch nicht viel Platz“, sagt er. Zusammen mit Schwiegervater und Mateo war die Fläche schnell ausgeschachtet und neu gepflastert. Auch der Holzgalgen war schnell aufgestellt. „Alles in allem vielleicht ein Tag Arbeit“, sagt er. „Das könnte doch jeder im eigenen Garten gut machen und hätte dann ein tolles Spiel.“

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Von seiner neuen Kegelanlage einmal abgesehen, bindet ihn nicht mehr viel an Kroatien. „Ich bin Münsterländer“, sagt er und stemmt die Arme in die Hüften. Als in Kroatien der Krieg ausbrach, kam er mit seiner Familie nach Deutschland. „Da war ich 14 oder 15“, sagt er. Die Erinnerungen an seine Heimat verblassen.

Mateo (5) muss noch üben. Hier hat er die Kegel von vorne getroffen. Das ist so etwas wie eine Pumpe beim deutschen Kegeln.

Mateo (5) muss noch üben. Hier hat er die Kegel von vorne getroffen. Das ist so etwas wie eine Pumpe beim deutschen Kegeln. © Stephan Teine

Seine Jugend habe er in Deutschland verbracht. „Das prägt.“ Erst lebten sie in Ahaus, dann kurze Zeit in Burlo. Schließlich kamen sie nach Oeding. „Hier bin ich verwurzelt, habe Fußball gespielt, Freunde gefunden, meine Ausbildung gemacht und Arbeit gefunden“, sagt der Baumaschinenmechaniker. Inzwischen leitet er bei Robers in Stadtlohn die Werkstatt.

Vorräte im Haus – eine Erfahrung aus dem Bürgerkrieg

Doch die Erfahrung aus dem Bürgerkrieg hat ihn geprägt. „Als das hier mit der Kontaktsperre losging, hab ich meiner Frau sofort gesagt, dass sie einkaufen soll“, schildert Goran Milic. Auch wenn die beiden Situationen natürlich kaum vergleichbar seien, erinnerte ihn das an den Kriegsausbruch auf dem Balkan. „Auch dort konnte sich niemand vorstellen, dass sich das Leben von einem auf den anderen Tag so geändert hat“, erklärt er.

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Doch damals wurden über Nacht die Grenzen und die Geschäfte geschlossen. „Plötzlich begann das Schießen“, erzählt er und hält einen Moment inne. Deswegen wollte er auch einige Vorräte im Haus haben. Nur für den Fall der Fälle. Doch dann wischt er diesen düsteren Gedanken mit einer Handbewegung beiseite.

Schöner Flecken Erde am Rand von Oeding

Er steht auf der Terrasse am Hessinghook und blickt über die Felder in Richtung Wald. „Natürlich ist die Kontaktsperre nicht schön, aber hier geht es uns doch super“, sagt er und blickt zur Waldgrenze. „Wenn dort nachher die Sonne untergeht, gibt es keinen schöneren Flecken Erde“, fügt er hinzu.

Goran Milic mit Ehefrau Marion und Sohn Mateo. An seine Heimat fühlt sich der gebürtige Kroate kaum noch gebunden. "Ich bin Münsterländer", sagt er.

Goran Milic mit Ehefrau Marion und Sohn Mateo. An seine Heimat fühlt sich der gebürtige Kroate kaum noch gebunden. "Ich bin Münsterländer", sagt er. © Stephan Teine

Und auch wenn Freunde ihm noch vor einiger Zeit gesagt hätten, dass sie sich die Arbeit um Haus und Hof nicht antun würden und lieber in der Großstadt wohnen würden: „Heute beneiden sie mich“, sagt er und lacht. Das Leben am Rand von Oeding geht auch mit Kontaktsperre fast ganz normal weiter.

Kegelclub hat den Termin schon im Kalender

Den Kegelplatz hinter dem Haus im Hessinghook will Goran Milic erst einmal nicht öffentlich zur Verfügung stellen. Nur sein Kegelclub, der KC Selten Neuner, soll dort spielen. „Wenn wir uns wieder treffen dürfen“, sagt er. Das erste Treffen nach der Kontaktsperre ist schon fest vereinbart. „Dann wird hier gegrillt und gespielt“, freut er sich schon.

Bis dahin spielt er mit Mateo allein. Wobei, ein paar Ideen hätte er für den großen Garten noch. Zeit genug wäre ja gerade...

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