Ein Gartenstuhl wird zum Kunstobjekt: Möglich macht das das EU-geförderte Projekt Artem@Artis – Künstler treffen Handwerker.

von Horst Andresen

Südlohn

, 11.08.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich wollte er „einen Gartenstuhl konzipieren, der höher ist als normal, weil der Tisch im Garten so hoch ist“, sagt Arie Grevers (62) aus Bocholt. Das Sitzteil sollte gleichzeitig als Sonnenliege dienen – nicht so einfach zu verwirklichen für einen schreibenden Hobbykünstler, der im eigentlichen Beruf Journalist ist.

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Der Bocholter lernte Schreiner Laurens Westhoff (48) aus Südlohn kennen. Und der legte fachmännisch Hand ans Kunstprojekt. Herausgekommen ist ein Prototyp, das exemplarisch gilt für das deutsch-niederländische EU-Projekt Artem-Artis steht: Kunst trifft Handwerk.

„Das ist eh ein fließender Übergang“, hat Arie Grevers festgestellt. Und Thomas Venhorst (59) von der Kreishandwerkerschaft sieht sich bei der Vorstellung am Donnerstag in der Westhoff-Werkstatt in Südlohn bestätigt: „Projektziel von Artem-Artis ist es, Kunst und Handwerk zusammenzubringen. Beide sollen sich ergänzen. Und wir hoffen natürlich auf weiteren Input für die Zukunft, Stichwort Gewinnung von Fachkräften.“

Liegestuhl zur Weltausstellung 1929 entworfen

Arie Grevers, gebürtig aus Winterswijk, seit Langem in Bocholt zu Hause und auch Chefredakteur der niederländischen Architekturzeitschrift „Bouwbelang“, nennt sein Kunstwerk „Rambla“ – angelehnt an Architekt Ludwig Mies van der Rohe, der zur Weltausstellung 1929 einen Liegestuhl entwarf. „Er hat mich inspiriert“, sagt Grevers, „und er gehörte zum Bauhaus-Team“.

„Bauhaus“ steht für ein neues Denken in Kunst und Architektur; Walter Gropius begründete 1919 eine bedeutende Schule für Gestaltung.

So ganz einfach war die Umsetzung des Stuhls in die Praxis denn doch nicht, wirft Laurens Westhoff (48) ein, wie Grevers Niederländer, gebürtig aus Eibergen unweit von Vreden und seit zehn Jahren in Südlohn. Dort baute der gelernte Elektriker eine Schreinerei auf – in einem alten Gebäude an der Eschstraße 7. „Hier waren früher schon Kneipe und Standesamt drin.“ Westhoff fertigt unter anderem Designklassiker, individuelle und Antikmöbel.

„Gespannt, was dabei herauskommt“

Die beiden Holländer lernten sich in der Kunsthalle Weseke bei Stefan Demming kennen – und fanden schnell handwerklich-künstlerisch zusammen, auch wenn Westhoff einräumt: „Ich musste erst mal eine maßstabsgerechte Zeichnung anfertigen, um arbeiten zu können. Und Arie musste ein Modell basteln, damit ich sehen konnte, was er wollte.“ Ein Hamminkelner Metaller fräste 15 Löcher in Edelmetallscheiben: Mit ihnen kann die Stuhllehne passgenau und flexibel fixiert werden.

Sechs Wochen verbleiben Laurens Westhoff bis zur großen Artem-Artis-Ausstellung mit allen Exponaten am 19. September in Bocholt, aus dem Modell aus Fichtenholz und Multiplex (geklebte Platten) ein filigranes Glanzstück zu zaubern: „Das ist zeitlich kein Problem.“

Kunstschaffendes Trio verfeinert Arbeit

Ein kunstschaffendes Bocholter Trio soll es weiter verfeinern: Theo Janssen wird Teile seines Motivs „einstürzendes Bauhaus“ aufmalen, Modedesignerin Anke Hochgartz das Sitzkissen nähen und Werbedesigner Michael Spogahn den Stuhl bedrucken. „Wir kennen uns alle aus der Bocholter Freien Kulturkommune FKK“, erzählt Arie Grevers: „Ich bin selber echt gespannt, was am Ende dabei herauskommt.“ Eines ist klar: Der Grevers-Gartenstuhl „Rambla“ wird eine Sitzhöhe von 45 Zentimetern haben.

Bauhaus: „Handwerk und Kunst stehen sich nahe“

Artem und Artis bedeuten (aus dem Lateinischen übersetzt): Kunst und Handwerk. Das EU-geförderte Projekt Artem@Artis soll auch als Hommage an das Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 sein. Kunst und Handwerk kommen im Sinne des Bauhaus-Mottos zusammen: „Handwerk und Kunst stehen sich nahe“.

Für das Kunstprojekt wurden Künstler aus Deutschland und den Niederlanden eingeladen, sich bei Artem-Artis mit einer Idee zu bewerben. Eine fünfköpfige Jury wählte 26 Kunstschaffende aus. 32 Betriebe machen nun mit.

Gemeinsame Ausstellung geplant

Ziel des Projektes ist eine gemeinsame Ausstellung, die am 19. September, 19 Uhr, im Kunsthaus Bocholt beginnen wird, berichtet der Euregio-Kunstkreis im Kunsthaus Bocholt als Veranstalter. Kuratorin der Ausstellung ist Verena Winter, Leiterin der Galerie Grenzblickatelier in Suderwick bei Bocholt.

Das Artem-Artis-Projekt ist – wie berichtet – Teil der vierjährigen grenzüberschreitenden Fördermaßnahme Leonardo da Vinci-Innovation. Sie gehört zum euregionalen Interreg-Programm Deutschland-Nederland. Sie wird durch die Europäische Union, die Provinz Gelderland und das Land Nordrhein-Westfalen mitfinanziert. Das Da-Vinci-Gesamtvolumen beträgt rund 1,2 Millionen Euro.

Kooperation mit der Kreishandwerkerschaft

Veranstalter von Artem@Artis ist der Fachbereich Kultur und Bildung der Stadt Bocholt in Kooperation mit der Kreishandwerkerschaft Borken, dem Europe Direct Informationszentrum Bocholt und dem deutsch-niederländischen Netzwerk Grenzhoppers. Auf der niederländischen Seite arbeitet der Projektpartner Warmgroen gemeinsam mit der Kunstgruppe Breekijzers mit.

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