Vedder: „Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Gemeinschaft eine Gemeinschaft bleibt“

hzEuropawahl

Der Südlohner Bürgermeister Christian Vedder hat die Idee von Europa jeden Tag direkt vor Augen. Nicht nur zur Europawahl. Er sagt, was das für ihn bedeutet.

Südlohn

, 26.05.2019, 17:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Europa-Wahl ist gerade vorbei. Das Thema wird in den kommenden Wochen wieder etwas in den Hintergrund treten. In Südlohn nicht. Denn Südlohn und Oeding mit der Grenze zu den Niederlanden leben jeden Tag mit der europäischen Idee. Bürgermeister Christian Vedder spricht in unserem Interview darüber, was Europa für die kleine Gemeinde bedeutet.

Jetzt lesen


Was macht für Sie Europa aus?

Die Europäische Union ist eine Wertegemeinschaft. Sie steht vor allem für Werte wie Frieden und Freiheit. Das wir seit fast 75 Jahren in Frieden leben ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Errungenschaft der Europäischen Gemeinschaft mit ihren Menschen.

Muss man rund um Südlohn und Oeding eigentlich noch erklären, wie wichtig Europa ist?

Eigentlich nicht. Wir leben ja direkt an der Grenze. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit oder der tägliche Grenzverkehr zwischen den Niederlanden und Deutschland sind ja hier seit Jahrzehnten Alltag. Seit 1993 ganz ohne Grenzkontrollen. Die Niederländer sind die am stärksten vertretene Nation der in unserer Gemeinde lebenden ausländischen Mitbürger. Viele Südlohner und Oedinger arbeiten auf der anderen Seite der Grenze. Wir arbeiten im Tourismus, bei der Bildung und in der Wirtschaft zusammen. Erklären muss man da nicht viel. Wir haben die direkte Beziehung zu den Niederlanden und können uns deswegen besser in die Idee Europa hineindenken.

Wie sieht die Zusammenarbeit über die Grenze denn aus?

Zum Beispiel, indem wir über die Grenzhoppers zusammenarbeiten. Ein Zusammenschluss von inszwischen fast 250 Gemeinden, Unternehmen, Organisationen und Personen. Oder indem wir auf vielen Konferenzen die Zusammenarbeit verbessern. Oder indem wir uns zwischen den Verwaltungen der Städte in Deutschland und den Niederlanden austauschen.

Geht es auch etwas konkreter?

Naja, zum Beispiel lernen die Kinder in den Grundschulen die Sprache ihrer Nachbarn. In Oeding und Kotten haben wir damit vor Jahren schon angefangen. Für dieses und weitere grenzüberschreitende Projekte ist die Gemeinde Südlohn als Europaaktive Kommune von der Landesregierung NRW ausgezeichnet worden. Das Pilotprojekt wird inzwischen in der gesamten Euregio durchgeführt und soll zukünftig auch in Lehrplänen verankert werden.

Die Zusammenarbeit beruht also nur auf einem Schulprojekt?

Nein, natürlich nicht. Aber das ist ein wichtiger Anfang. Gleichzeitig arbeiten wir daran, die Arbeitsmärkte in den Niederlanden und Deutschland offener zu gestalten. Beispielsweise passen die unterschiedlichen Ausbildungen oder Universitätsabschlüsse oft nicht zueinander. Auch die Steuer- oder Sozialversicherungsgesetze sind grundlegend unterschiedlich. Dass es in diesem Bereich viele offene Fragen gibt, zeigen die Euregio-Sprechstunden. Die sind immer hervorragend besucht.

Sie sagen, Winterswijk und Südlohn rücken enger zusammen. Woran machen Sie das fest?

Einmal die offensichtlichen Dinge: Die Fahrt zum Wochenmarkt nach Winterswijk ist heute überhaupt kein Problem mehr. Keine Grenzkontrollen, keine Schlagbäume, keine Zollkontrollen. Gerade die ältere Generation wird sich ja noch daran erinnern, wie sie früher mit den Taschen voller Kaffee über die Grenze gefahren ist. Das ist Geschichte. Wir haben angefangen, auch kulturell oder touristisch zusammenzuarbeiten. Fahrradrouten führen über die Grenze. Als in Winterswijk ein großes Sandskulpturenprojekt stattfand, haben wir auch hier Werbung gemacht und die Leute mit Shuttlebussen dorthin gebracht. Es sind unendlich viele kleine Schritte, die nötig sind, um enger zusammen zu rücken.

Führen die immer über die ganz offiziellen Kanäle?

Nicht unbedingt. Es gibt viel informellen Austausch. Ein simples Beispiel ist eine Whatsapp-Gruppe für die Bürgermeister in der Region. Ich muss nicht erst umständlich über irgendwelche Sekretariate gehen, um ein Gespräch zu vereinbaren. Ich schreibe eine kurze Whatsapp-Nachricht und der Termin steht. So läuft vieles über den ganz kleinen Dienstweg und manchmal auch so, dass die Öffentlichkeit gar nichts davon mitbekommt.

Spürt man die Grenze denn überhaupt noch?

Oft höre ich, dass eine Fahrt über die Grenze wie ein kleiner Urlaub ist. Die Grenze ist also noch da. Aber ich sehe sie lieber als verbindendes statt als trennendes Element.

Muss die Zusammenarbeit denn immer von den Rathäusern vorgegeben werden?

Es fängt mit den Bürgermeistern, die sich regelmäßig treffen, an. Beim nächsten Mal kommen Mitarbeiter der Verwaltung mit. Danach vielleicht ein paar Vereinsvertreter. Über diese Schiene kommt die Zusammenarbeit dann nach und nach mitten in der Gesellschaft an.

Ticken die Deutschen und die Niederländer eigentlich gleich?

(lacht) Dazu kann ich nur mit einem eindeutigen „Jein“ antworten. Grundsätzlich kann man beide Länder schon gut vergleichen. Aber es gibt schon noch eine Reihe von Unterschieden. Die Deutschen sind deutlich förmlicher als die Niederländer. Zum Beispiel in den Projekten: Wenn ein Deutscher sagt ‚Ja, so machen wir‘s‘ macht er es genau so, wie er gerade gesagt hat. Wenn ein Niederländer ‚Ja, so machen wir‘s‘ sagt, ist er noch mitten im Projekt und kann noch zig Dinge ändern.

War die Europawahl in diesem Jahr wichtiger als in den vergangenen Jahren?

Europa war, ist und bleibt wichtig. Aber die Menschen merken glaube ich langsam, dass eine Abschottung droht. Sie merken, dass das Miteinander infrage gestellt wird und dass auch die europäischen Errungenschaften Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Ich glaube nicht, dass die Mehrheit eine Rückkehr zum Nationalismus möchte.

Wo liegen in der Zukunft die großen Aufgaben?

Kurzfristig wollen wir die Projekte, die jetzt laufen, verallgemeinern und verstetigen. Das, was wir hier zwischen den Niederlanden und Deutschland vorantreiben, könnte man ja auch über andere Ländergrenzen hinweg machen. Wir müssen insgesamt dafür sorgen, dass die Gemeinschaft in Europa eine Gemeinschaft der Menschen bleibt.

Lesen Sie jetzt
Halterner Zeitung Kirchenturmsanierung in Oeding

Kirchturmsanierung: Finanzierung bereitet weiter Sorgen – Jugendliche klettern Gerüst hoch