Coronavirus

Corona-Mutationen: Die Welt weiß nicht, welche Varianten noch zirkulieren

Weltweit können sich unbemerkt Corona-Varianten verbreiten, die den Impferfolg gefährden. Ein Beispiel dafür ist die lange unbemerkt in Europa zirkulierende Variante B.1.620.
Eine Frau mit Mundschutz geht an einem Graffito, das eine Abbildung des Coronavirus zeigt, vorbei. © picture alliance/dpa/PA Wire

Die Coronavirus-Variante B.1.620 ist aus Sicht eines Team europäischer Wissenschaftler eine Warnung für die Welt. Nicht etwa, weil sie sich, wie gerade bei der zuerst in Indien entdeckten Variante B.1617 zu beobachten, gegenwärtig in der ganzen Welt ausbreitet.

Sondern weil litauische Forscher erst Anfang April diese bereits länger zirkulierende Variante per Zufall entdeckt hatten – und bei der Suche nach ihrem Ursprung wegen fehlender Hinweise in internationalen Datenbanken scheiterten.

Dabei trägt ebendiese Variante nach ersten und noch zu begutachtenden Untersuchungen auffallend viele Mutationen im für Sars-CoV-2 und auch für die Impfungen so wichtigen Spike-Protein. Manche davon lassen sich auch in den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als besorgniserregend klassifizierten Varianten B.1.1.7 (Großbritannien), P.1 (Brasilien) und B.1.351 (Südafrika) finden. Die Mutation E484K etwa.

Sie steht im Verdacht, die Immunantwort durch schützende Antikörper zu verringern. Ein Immunschutz nach einer natürlichen Infektion oder auch nach einer Corona-Impfung könnte bei einer Ansteckung nach diesen Erkenntnissen geringer ausfallen. Ein guter Grund also, um auch diese Variante international auf dem Radar zu haben – und weiter zu beobachten. Doch genau das ist schwierig, wenn der Ursprung nicht bekannt ist.

Evolutionsbiologen verfolgen Corona-Linie von Litauen nach Kamerun

Wissenschaftler wurden in Litauen auf die neue Variante aufmerksam, weil es dort einen größeren Covid-19-Ausbruch gab. Bei der Analyse mehrerer PCR-Proben Infizierter wurde die Mutation E484K nachgewiesen, eigentlich untypisch für diese Region.

Eine aufwändigere Genomsequenzierung bestätigte das dann später. Damit begann die Spurensuche eines Teams von Evolutionsbiologen aus Litauen und Schweden. Sie suchten, wie sie es Anfang Mai auch in einem ersten Bericht auf dem Preprint-Server „medrxiv“ beschreiben, nach Verwandten dieser Linie.

Interessanterweise stellte sich heraus, dass ein beträchtlicher Teil der europäischen Fälle Reisende waren, die aus Kamerun zurückkehrten.

Sie entdeckten dabei passende Genomnachweise von Laboren aus Frankreich, der Schweiz, Belgien, Deutschland (Bayern), England, Spanien, den Niederlanden, Irland und Portugal sowie aus den USA. Und viele hatten eines gemeinsam: „Interessanterweise stellte sich heraus, dass ein beträchtlicher Teil der europäischen Fälle Reisende waren, die aus Kamerun zurückkehrten“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Analyse.

Kamerun selbst hatte allerdings nur 48 Genome in der internationalen Datenbank hochgeladen – und keine enthielt die Variante, die in Litauen für Stirnrunzeln gesorgt hatte. Verwunderlich ist das nicht: Denn das Land untersucht weniger als ein Prozent der ins Labor geschickten PCR-Proben auf neue Virusvarianten. Es ist zu vermuten, aber nicht nachweisbar, dass die Linie in Kamerun ihren Ursprung nahm – und sich von dort aus weiterverbreitet.

Schwierige Spurensuche an Kameruns Grenze

Fachsprachlich meint das laut dem europäischen Team aus Evolutionsbiologen: „Angesichts der begrenzten Sequenzierungskapazität an diesen Standorten können wir den endgültigen Ursprung von B.1.620 nur durch Nachbarländer in Afrika begrenzen, die kürzlich eine ausreichende Sequenzierung durchgeführt haben, um eine hohe Prävalenz von B.1.620 auszuschließen: Angola und Südafrika im Süden, Kenia im Osten und Togo mit Nigeria im Nordwesten.“

Immerhin ein Vorfall brachte die Wissenschaftler ein Stück weiter. Nahe der Grenze zu Kamerun in der Zentralafrikanischen Republik gab es einen größeren Covid-19-Ausbruch. Bei PCR-Analysen vor Ort wurde festgestellt, dass sechs Personen dort die neue Variante trugen. Ein Hinweis – aber auch dort gibt es keine standardisierte Sequenzierung von Virusnachweisen.

„Wo die Pandemie derzeit nicht kontrolliert wird, können wir erwarten, dass Varianten auf dem Vormarsch sind“, wird der Studienleiter Gytis Dudas in einem Bericht der Fachzeitschrift „Science“ zitiert. „Es wäre viel interessanter, die letzten 1000 Fälle in der Zentralafrikanischen Republik zu sequenzieren als die nächsten 100.000 Fälle in Deutschland.“

Pandemiegefahren: Mangel an weltweiter Virusüberwachung und Impfstoffen

Das Problem betrifft die ganze Welt. Von 152 Ländern hatten bis Mitte Mai 100 weniger als ein Prozent Sequenzierungsdaten an die Plattform „Gisaid“ geschickt. Indien, Russland, Brasilien, große Teile Afrikas gehören beispielsweise dazu. Aber auch Länder wie Deutschland haben – wie in den letzten Monaten vermehrt von Virologen betont –, noch Spielraum nach oben. Aktuell werden 2,8 Prozent der Fallsequenzen weitergeleitet. Zum Vergleich: Das Nachbarland Dänemark schneidet mit 34,8 Prozent sequenzierter Fälle deutlich besser ab.

Die mangelnde Überwachung von Virusvarianten werde die Bemühungen zur Pandemiebekämpfung weltweit weiter untergraben, fürchten deshalb die Studienautoren. „Unsere Arbeit zeigt, dass globale Ungleichheiten in Bezug auf die Überwachung von Infektionskrankheiten weltweit spürbare Auswirkungen haben und dass es nirgendwo lange sicher ist, bis die Sars-CoV-2-Pandemie überall zum Erliegen kommt“, heißt es.

Es sei wichtig, Sequenzdaten, beobachtete Entwicklungen zum Immunschutz bei unterschiedlichen Varianten und Informationen zu einzelnen Reisegeschichten zu sammeln – und auch Impfstoffe besser zu verteilen.

Der Artikel "Corona-Mutationen: Die Welt weiß nicht, welche Varianten noch zirkulieren" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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