Corona-Impfung

Der ungeliebte Impfstoff – Fragen und Antworten zum Astrazeneca-Impfstau

Von den eineinhalb Millionen gelieferten Astrazeneca-Impfdosen wurde erst eine Viertelmillion verimpft: Warum es weiter Vorbehalte gegen das Vakzin gibt und wieso es zum Impfstau kommt.
Um den Astrazeneca-Impfstoff ranken sich einige Mythen. © picture alliance/dpa/ZUMA Wire

Zuerst wurde über einen Mangel an Impfstoff-Dosen geklagt, jetzt warten mehr als eine Million Dosen des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca darauf, verimpft zu werden. Warum ist das Vakzin so unbeliebt und wie kommt es zum Impfstau in den Bundesländern? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Welche Vorbehalte gibt es gegen den Impfstoff von Astrazeneca – und sind sie gerechtfertigt?

Im Vergleich zu den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna hat das Vakzin von Astrazeneca in Studien eine geringere Wirksamkeit gezeigt. Die europäische Arzneimittelagentur EMA geht davon aus, dass eine Impfung die mittleren Altersgruppen zu etwa 60 Prozent vor einer Erkrankung schützt. Die Impfung von Biontech/Pfizer soll diese Altersgruppen hingegen zu 95 Prozent schützen, die Impfung von Moderna zu 94 Prozent.

Der Hersteller verweist allerdings darauf, dass sein Impfstoff alle Geimpften sicher vor schweren Verläufen von Covid-19 schützen soll, auch wenn nicht alle Infektionen und leichten Verläufe verhindert werden.

Zudem werden mehr Impfreaktionen befürchtet. Tatsächlich können teilweise so starke Reaktionen auftreten, dass dies zu Krankschreibungen bei Geimpften führt. Diese Auswirkungen sind jedoch nur vorübergehend. Dabei soll es sich laut Paul-Ehrlich-Institut um grippeähnliche Beschwerden handeln.

Mediziner und Politiker warnen jedoch davor, das Astrazeneca-Vakzin als Impfstoff zweiter Klasse zu sehen. „Ich bedauere, dass Berichte über Zweifel an der Wirksamkeit von Astrazeneca viele verunsichern“, sagte der Berliner CDU-Vorsitzende Burkard Dregger dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Für mich gibt es überhaupt keine Veranlassung zu zweifeln. Würde man mir anbieten, mich mit AstraZeneca impfen zu lassen, ich würde nicht zögern.“

Dregger sprach sich dafür aus, die Bevölkerung mit Fakten vom Astrazeneca-Impfstoff zu überzeugen. „Es gab 94 Prozent weniger Klinikaufenthalte von Geimpften nach der ersten Dosis. Darüber muss gesprochen werden, um den Menschen die Unsicherheit zu nehmen.“

Die SPD-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitikerin Bärbel Bas sagte dem RND, es seien viele „falsche Fakten“ über das Vakzin im Umlauf. „Wir müssen daher immer wieder deutlich machen: Der Impfstoff von AstraZeneca ist verlässlich und sicher. Das hat die bisherige Anwendung sehr deutlich gezeigt.“

Warum wird die Impfung nur Personen unter 65 angeboten?

Dabei handelt es sich um eine Empfehlung des Robert Koch-Instituts. Laut RKI kann anhand der Daten aus den Zulassungsstudien nicht zuverlässig beurteilt werden, wie gut die Impfung höhere Altersgruppen vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützt. Mit zunehmendem Alter ist bei allen verfügbaren Impfstoffen davon auszugehen, dass ihre Wirkung abnimmt. Bei Astrazeneca wird befürchtet, dass die Schutzwirkung in der Hauptrisikogruppe der älteren Menschen nicht mehr ausreicht.

Wie viele der bisher gelieferten Astrazeneca-Impfdosen wurden bislang verimpft?

Bis zum 23. Februar hat Astrazeneca laut Angaben des Bundesgesundheitsministeriums 1.452.000 Impfdosen nach Deutschland geliefert. Davon wurden laut dem Impfmonitoring des RKI erst 238.556 Dosen verimpft, also etwas mehr als 16 Prozent.

Und wie sieht es mit den anderen beiden Impfstoffen aus?

Biontech und Pfizer haben bis zum 23. Februar 5.740.995 Impfstoff-Dosen geliefert. Fast 87 Prozent davon wurden bereits für Erst- und Zweitimpfungen eingesetzt. Der Hersteller Moderna hat im selben Zeitraum 336.000 Impfdosen geliefert. Davon wurden bislang etwa 44 Prozent verimpft. Ein großer Teil der gelieferten und noch nicht verimpften Dosen wird allerdings für noch anstehende Zweitimpfungen zurückgehalten.

Wird der Astrazeneca-Impfstoff schlecht, wenn er nicht bald verbraucht wird?

Nein, denn er lässt sich deutlich besser lagern, als die mRNA-Impfungen von Biontech/Pfizer und Moderna. Er kann nach Angaben des Herstellers bei Kühlschranktemperaturen zwischen zwei und acht Grad Celsius aufbewahrt werden und ist dann sechs Monate lang haltbar.

Bleiben Astrazeneca-Impfdosen tatsächlich ungenutzt, weil Menschen sich gegen diesen Impfstoff entscheiden?

Das ist laut Auskünften mehrerer kommunaler Impfzentren zumindest teilweise der Fall. „Wir merken, dass das Image, das der Astrazeneca-Impfstoff bekommen hat, sich direkt auf die Impfbereitschaft niederschlägt“, sagte der Kölner Feuerwehrchef Christian Miller dem „Kölner Stadtanzeiger“.

Callcenter-Mitarbeiterinnen berichteten demnach, dass viele Impfkandidaten bei der Terminvergabe darauf drängten, mit dem Biontech/Pfizer-Vakzin geimpft zu werden. Die Impfbereitschaft sei ganz schnell weg, wenn sie erführen, dass sie sich nicht für einen bestimmten Impfstoff entscheiden können. Neuerdings würden sogar bereits gebuchte Impftermine storniert, um nicht mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft zu werden.

Welche Verantwortung trägt die Politik für den schleppenden Verlauf der Astrazeneca-Impfungen?

Die geringe Impfquote mit dem Astrazeneca-Vakzin ist nicht bloß eine Auswirkung der Entscheidung von Einzelpersonen gegen den Impfstoff. Gemäß der Impfverordnung des Bundesgesundheitsministeriums sollen zuerst Angehörige der höchsten Risikogruppen geimpft werden, außerdem Mitarbeiter in der Pflege und Menschen, die in Bereichen mit einem hohen Corona-Ansteckungsrisiko arbeiten.

Ein großer Teil der unter 65-jährigen Angehörigen dieser ersten Prioritätsstufe ist in mehreren Bundesländern jedoch bereits geimpft – meist mit dem Biontech-Impfstoff. „Dort sollte jetzt schnell mit der Impfung der Prioritätsgruppe zwei und insbesondere von Lehrerinnen und Lehrern begonnen werden“, sagte die SPD-Politikerin Bärbel Bas dem RND.

Wer den Impfstoff vorrangig bekommt, liege in der Hand der Politik, betont die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Der KBV-Vizechef Stephan Hofmeister sagte der Deutschen Presseagentur, es sei Sache der Länder, festzulegen, wer die Hunderttausenden freien Dosen Astrazeneca erhalte. Er kritisierte, dass die Länder die Impfkampagne nun aber sehr unterschiedlich für einzelne Gruppen öffneten. „Die einen wollen Lehrer impfen, die anderen Polizisten.“

Welche Pläne und Vorschläge gibt es aus der Politik um die Astrazeneca-Dosen besser verimpfen zu können?

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern haben sich am Montag darauf verständigt, dass Grund- und Förderschullehrer und Erzieher sich schneller impfen lassen können, als die Impfverordnung es zuvor vorsah. Damit soll ein sicherer Schul- und Kitabetrieb ermöglicht werden. Dadurch könnte auch die Nachfrage nach dem Astrazeneca-Impfstoff steigen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht die Bundesländer nun im Zugzwang und dringt auf höheres Tempo in den Impfzentren. Die Länder hätten Kapazitäten von bis zu 300.000 Impfungen am Tag gemeldet, im Moment fänden bis zu 150.000 am Tag statt, sagte Spahn am Mittwoch im ZDF. Deswegen gehe er davon aus, „dass das jetzt auch deutlich hochgefahren wird“. Die Länder hätten nachvollziehbarerweise beim Bund genügend Dosen angemahnt. „Jetzt ist Impfstoff da.“

Auch mehrere Bundesländer ergreifen nun die Initiative, um schnell möglichst viele weitere Menschen aus der Prioritätsgruppe zwei zu impfen. In Niedersachsen gilt beispielsweise seit Dienstag ein entsprechender Erlass. Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) will mit einem Teil der bislang übrig gebliebenen Astrazeneca-Dosen die rund 3000 Obdachlosen in den Berliner Notunterkünften gegen Corona impfen. „Wir könnten und sollten allen Obdachlosen in Notunterkünften jetzt so schnell wie möglich ein Impfangebot machen“, sagte sie der Funke Mediengruppe. Andere Bundesländer sollten dem Beispiel folgen.

SPD-Politikerin Bärbel Bas fordert, Jens Spahn müsse „gemeinsam mit den Ländern die Impflogistik verbessern.“ Die gelieferten Impfstoffmengen nähmen zu, weitere Impfstoffe könnten bald zugelassen sein. „Wir müssen in der Lage sein, diese Impfstoffe dann auch zu verimpfen.

Deshalb wird auf Drängen der SPD und von Olaf Scholz derzeit das künftige Impfgeschehen modelliert, um auf die steigenden Impfstoffmengen – die wir uns ja alle wünschen – vorbereitet zu sein. Es darf nicht passieren, dass wir in den kommenden Wochen wesentlich mehr Impfstoff erhalten, diesen aber nicht zügig verimpft bekommen“, sagte sie dem RND.

Der Artikel "Der ungeliebte Impfstoff – Fragen und Antworten zum Astrazeneca-Impfstau" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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