Krieg gegen die Ukraine

Energie als Waffe: Drohen uns Gas­rechnungen von 1000 Euro und mehr im Monat?

Russlands Krieg in der Ukraine versetzt die Energiemärkte in Panik – und das Schlimmste könnte noch kommen. Ein vollständiges Embargo für russische Energie würde eine tiefe Rezession bedeuten.
Im Vergleich zum Dezember haben sich die Gaspreise bereits vervierfacht. (Symbolbild)
Im Vergleich zum Dezember haben sich die Gaspreise bereits vervierfacht. (Symbolbild) © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Der Clip hat etwas Verstörendes. Da steht ein deutscher Regierungs­chef vor einer Tankstelle – strubbelige Haare, wacklige Kameraführung, schlechter Ton – und spricht gegen den Verkehrslärm an. „Das ist wirklich irre, Diesel, 2,12 Euro, da muss man handeln!“, sagt der Mann.

Der Staat bereichere sich an den gestiegenen Energiekosten, „nicht nur Gering­verdiener“ seien betroffen, sondern auch die „vielen fleißigen Leute, die tanken müssen“.

Der Mann, der das verbreitet, ist Tobias Hans, 44, CDU, amtierender Minister­präsident des Saarlandes. Und natürlich muss er sich für seine missglückten Formulierungen eine Menge Spott und Häme im Netz anhören.

Zu der Fremdscham gesellt sich die Angst

Das Video ließe sich leicht als Patzer eines um seine Wiederwahl fürchtenden Politikers abtun, was es ohne jeden Zweifel ist. Aber es gibt da noch eine andere Ebene, dieses Gefühl, das neben der Fremdscham übermittelt wird: Angst. Um die Energie­versorgung in Deutschland. Seit den Ölpreis­schocks in den 1970er-Jahren hat es das nicht mehr gegeben.

Ein Rohstoffanalyst, der seit vielen Jahren im Geschäft ist, räumt die Panik offen ein. „Das ist noch nie da gewesen“, sagt er dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) am Dienstag­vormittag. „Die Märkte sind nicht mehr analysierbar. Was ich Ihnen heute sage, kann schon morgen nicht mehr gelten.“

Das also hat Russlands Präsident Wladimir Putin inzwischen geschafft: Sein brutaler Überfall auf die Ukraine versetzt nicht nur die Menschen in Osteuropa in Angst und Schrecken, sondern auch die Politiker, Markt­teilnehmer, Autofahrer, Strom-, Heizöl- und Gaskunden im westlichen Teil des Kontinents. Und damit auch die gesamte Wirtschaft.

Energie ist zur Waffe geworden, und sowohl Putin als auch der Westen haben sie gezückt. Mitunter hat es den Anschein, als sei die Frage nur noch, wer zuerst abdrückt.

Steigende Energie­preise, galoppierende Inflation, einbrechende Wirtschaft

Russland droht mit dem Ende der Gaslieferung über die bestehende Ostsee­pipeline Nord Stream 1. Man habe „das volle Recht“, ein Embargo zu erlassen, auch wenn man den Schritt noch nicht gehe, sagte der russische Vize­regierungs­chef Alexander Nowak am Montagabend. Im Westen wiederum wird immer lauter über ein Ende der Abnahme von Öl, Kohle und Gas aus russischer Förderung diskutiert.

Die US-Regierung hat sich bereits entschieden: Am Dienstag verkündete sie, kein Öl aus Russland mehr importieren zu wollen. Doch die USA sind in der Frage russischer Energie­exporte nicht der entscheidende Akteur. Es geht in erster Linie um Europa.

Die EU-Staaten müssten sich auf massiv steigende Energiepreise einstellen, galoppierende Inflation, den Einbruch der Wirtschafts­leistung, und womöglich auch auf Versorgungs­eng­pässe beim Gas, wenn es zu einem vollständigen Lieferstopp kommt. Russland droht nicht weniger als der Staats­bankrott.

Deutschland ist sich beim Energie­embargo noch nicht so sicher

Der Verkauf von Gas und Öl sei die Lebensader des Putin-Regimes, sagt CDU-Außenpolitiker Nobert Röttgen. Man müsse nun „alle wirtschaft­lichen Register ziehen“, um das System „so hart wie möglich“ zu treffen und „finanziell auszutrocknen“, findet der CDU-Mann.

Röttgen ist Oppositions­politiker, er kann solche Forderungen stellen ohne die Konsequenzen, politisch handeln zu müssen. Bei Bundes­kanzler Olaf Scholz (SPD) ist das anders, und deshalb stemmt sich der Sozial­demokrat mit aller Macht gegen eine weitere Eskalation des Energiekriegs. „Energie aus Russland ist von essenzieller Bedeutung für das tägliche Leben der Bürgerinnen und Bürger“, ließ Scholz am Montag mitteilen. Deshalb habe man die Energie­lieferungen bei den Sanktionen „bewusst“ ausgenommen.

Scholz ist mit dieser Sichtweise nicht alleine. Bei einer Besprechung der Energie- und Wirtschafts­minister von Bund und Ländern am Dienstag­vormittag soll es laut RND-Informationen vor allem in einem Punkt große Einigkeit gegeben haben: Bitte kein Embargo für russisches Öl oder Gas.

Die Bundesregierung will erst mal nichts riskieren

Dass die USA in dieser Frage inzwischen weiter sind, nehmen Regierungs­vertreter in Deutschland mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Mit einem Importanteil aus Russland von etwa 10 Prozent seien die Amerikaner weit weniger abhängig als Deutschland, das 35 Prozent seines Öls, 50 Prozent seiner Kohle und 55 Prozent seines Gases aus Russland importiere, heißt es.

Dass die USA die russischen Liefermengen nun ausgerechnet mit Importen aus Venezuela ersetzen wollen, dessen Machthaber Nicolás Maduro treu an der Seite Moskaus steht, lässt die Zweifel in Berlin eher noch wachsen.

Auf die Einschätzung von Ökonomen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, wonach ein kurzfristiger Lieferstopp von russischem Gas für die deutsche Volkswirtschaft handhabbar wäre, will man sich in der Bundesregierung lieber nicht verlassen. Die Folgen eines solchen Schrittes seien so gewaltig, dass man sie heute gar nicht seriös berechnen könne, heißt es in Regierungskreisen. Eine lang anhaltende und tiefe Rezession sei bei einem kompletten Lieferstopp russischer Energie unausweichlich.

Diese Markt­schwankungen kannte man noch nicht

An den Märkten lassen sich die Folgen schon jetzt betrachten. Die europäischen Börsen für Öl- und Gashandel funktionieren nicht mehr, die Preise fahren Achterbahn. Am Dienstagmorgen gegen 8 Uhr kostete europäisches Erdgas (Dutch TTF Gas) zur Lieferung im April an der Londoner Roh­stoff­börse knapp 300 Euro pro Mega­watt­stunde. Die Notierung sank bis 12 Uhr auf 187 Euro – verlor also mehr als ein Drittel innerhalb von vier Stunden. Derartige Schwankungen hat es laut Markt­teilnehmenden nie zuvor gegeben. Nicht mal im Ansatz.

Die Folge ist, das praktisch niemand mehr Transaktionen abschließt. Die Unsicherheit ist viel zu groß. „In der gegenwärtigen Situation ist es weder aus Sicht der Käufer noch aus Sicht der Verkäufer verantwortbar, sich auf langfristige Termin­kontrakte einzulassen“, sagt der Energieanalyst. Der Markt mit längerfristigen Lieferverträgen sei mehr oder weniger zusammen­gebrochen.

Die deutsche Gazprom-Tochter Wingas ist gerade als einer der letzten Akteure aus dem Geschäft ausgestiegen. Wingas hatte bislang vor allem Stadtwerke und große Industrie­unternehmen beliefert. Wenn diese nun Ersatz für auslaufende Lieferverträge suchen, können sie quasi nur noch kurzfristig einkaufen – und zwar zu Preisen, die bis vor Kurzem noch als astronomisch gegolten hätten.

Scholz wollte die Märkte beruhigen – geholfen hat das wenig

Die Notierung für TTF Gas zur Lieferung im Dezember 2022 hat sich seit Jahres­beginn fast verdreifacht. Die Gefahr für den Käufer besteht, dass der flüchtige Brennstoff in den nächsten Monaten doch wieder für erheblich weniger zu haben sein wird. Er hätte dann viel zu teuer eingekauft, was heftige Konsequenzen für das Unter­nehmen haben könnte. Der Verkäufer wiederum hat das umgekehrte Risiko eines viel zu billigen Verkaufens – ihm entgehen Einnahmen. Beides ist derzeit vorstellbar. Die Modelle der Rohstoff-Fachleute, die Entwicklungen abschätzen sollen, funktionieren nicht mehr.

Mit seiner Ankündigung, dass die Bundes­regierung weiter auf russische Energieimporte setzt, hatte Kanzler Olaf Scholz die Märkte beruhigen wollen. So richtig funktioniert hat das noch nicht.

Und als ob das alles nicht genug wäre, drohen seit einigen Tagen zusätzliche Risiken. Russische Exporteure müssen inzwischen 80 Prozent ihrer Devisen­einnahmen an der Moskauer Börse verkaufen, zu einem von der Notenbank vorgegebenen Rubelkurs – das soll die heimische Wirtschaft stabilisieren, kann die Unter­nehmen aber destabilisieren.

Preise um das Vierfache höher als im Dezember

Zudem unterzeichnete Präsident Wladimir Putin am Wochenende ein Dekret, demzufolge Geschäfte mit Unternehmen in „feindlichen Ländern“ in jedem Fall in Rubel und nicht in der jeweiligen Landes­währung abgerechnet werden. Auch das könnte massive Folgen für die hiesige Energie­branche haben, Experten prüfen derzeit noch, wie genau das Dekret auszulegen ist.

Für Gaskunden in Deutschland ist die Entwicklung schon jetzt dramatisch, wie ein Blick auf die Verbraucher­portale zeigt: Private Haushalte, die heute einen Gasanbieter suchen, müssen mindestens das Vierfache im Vergleich zum Dezember zahlen.

Und es könnte noch viel, viel schlimmer kommen, wenn der Krieg in der Ukraine weiter eskaliert. Die aktuellen Preise an den Energie­börsen seien für End­verbraucher nicht mehr bezahlbar, sagt der Rohstoff­analyst. „Auf dem gegenwärtigen Preisniveau müsste für ein durchschnittliches Eigenheim eine Gasrechnung von mehreren Tausend Euro im Monat gezahlt werden“, hat er ausgerechnet. „Die meisten Menschen ahnen noch nicht, was für ein Inflations­schock da auf sie zukommen könnte.“

Der Artikel "Energie als Waffe: Drohen uns Gas­rechnungen von 1000 Euro und mehr im Monat?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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