Coronavirus

Faktencheck: Wie zutreffend waren die Hochrechnungen der Virologen?

Ging Deutschland aufgrund ungenauer Hochrechnungen in den Lockdown? Einige Prognosen haben sich zumindest nicht bewahrheitet. Die Bedeutung der britischen Variante wurde offenbar überschätzt.
Das Robert Koch-Institut hatte für April mit weitaus höheren Inzidenzen gerechnet.
Das Robert Koch-Institut hatte für April mit weitaus höheren Inzidenzen gerechnet. © picture alliance/dpa

Seit Beginn der Pandemie verlassen sich Politiker auf die Einschätzungen von Wissenschaftlern. Hochrechnungen und Prognosen zum Infektionsgeschehen dienen als Entscheidungsgrundlage, um Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus zu beschließen. Lagen die Berater mit ihren Einschätzungen dabei immer richtig?

Prognose besagte Sieben-Tage-Inzidenz von 2000 im Mai

Das RKI hatte Mitte März vorhergesagt, dass die Inzidenz bei gleichbleibendem Wachstum zu Ostern bei 350 liegen sollte. Sogar Inzidenzwerte von über 500 seien möglich, hatte es damals geheißen. Man gehe wegen einer Ausbreitung der britischen Variante B.1.1.7 von einer starken Zunahme der Fallzahlen aus, hatte das RKI mitgeteilt. Der Anteil der britischen Variante hatte damals bereits bei mindestens 50 Prozent gelegen, die 7-Tages-Inzidenz der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner aber lediglich bei etwa 70.

Noch drastischer waren die Hochrechnungen des Berliner Physikers Kai Nagel vom 19. März ausgefallen. Nagel ist Professor für Verkehrssystemplanung an der TU-Berlin und gehört zum Team, das das Kanzleramt in Corona-Fragen berät. Er hatte aufgrund der Ausbreitung von B.1.1.7 eine Erhöhung des R-Wertes um 35 bis 70 Prozent vorhergesagt. Im Mai sei in Deutschland mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von etwa 2000 zu rechnen, hatte Nagel prognostiziert.

Lauterbach erwartete massive Zunahme bei Todesfällen

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte angesichts von Nagels Prognosen gewarnt, es sei dann mit „einer massive Zunahme der Covid Toten und Invaliden“ zu rechnen. Sterben könnten „weit mehr, als in allen Wellen bisher“. Auch die Schnelltests könnten das „nur bremsen, nicht voll vermeiden.“ Pro Tag werden momentan im Durchschnitt 237 an und mit dem Coronavirus Verstorbene gemeldet. Zum Höhepunkt der zweiten Welle waren es mehr als dreimal so viele.

Nagel entgegnete gegenüber der „Bild“: Bei seinen Berechnungen habe es sich nicht um Vorhersagen, „sondern Szenarien“ gehandelt. Seit dem 19. März seien außerdem Schutzmaßnahmen hinzugekommen, wie zum Beispiel mehr Schnelltests und Impfungen sowie nächtliche Kontaktbeschränkungen in Berlin. Auch das „warme Wetter in der Woche vor Ostern“ sei in die Berechnungen nicht eingeflossen.

Allerdings berichtete der Berliner „Tagesspiegel“ am 26. März über Nagels „Modellierungen“: „An der steigenden Inzidenz könne den Simulationen zufolge die Corona-Notbremse, wie sie auf dem Corona-Gipfel am Montagabend beschlossen wurde, das fortschreitende Impfprogramm und das wärmere Wetter im Frühjahr nichts ändern“.

Bedeutung von B.1.1.7 wurde in Deutschland überschätzt

Zutreffend ist auf jeden Fall, dass die Auswirkungen der britischen Variante auf das Infektionsgeschehen in Deutschland überschätzt wurden. So ist B.1.1.7. mittlerweile die vorherrschende Variante in Deutschland, die Inzidenz liegt aber nur bei 169.

Experten wie der ehemalige WHO-Epidemiologe Klaus Stöhr hatten im Unterschied zu Nagel schon früh darauf hingewiesen, dass B.1.1.7 zwar vermutlich leichter übertragen wird. Gleichzeitig sei aber nicht mit einer drastischen Auswirkung auf die Infektionszahlen zu rechnen, da sich die Variante mit den gleichen Maßnahmen eindämmen lasse wie der ursprüngliche Erreger, hatte Stöhr bereits im Januar im Interview mit dem RND gesagt. Stöhr war nie in den Beraterstab der Regierung berufen worden, obwohl SPD Politiker dies gewünscht hatten.

Auch die Befürchtung der Bundesregierung, die britische Variante könnte zu mehr schweren Verläufen oder Todesfällen führen, hatte sich letztendlich nicht bewahrheitet, wie das RND am 13. April berichtete. Bereits in Großbritannien hatte sich schnell gezeigt, dass B.1.1.7 nach einem kurzen Anstieg der Infektionszahlen gut unter Kontrolle gebracht werden konnte. Inzwischen sind dort Pubs und Restaurants wieder geöffnet. In Deutschland werden neue Maßnahmen wie die „Bundesnotbremse“ hingegen immer noch mit dem Auftreten neuer Varianten begründet.

RND

Der Artikel "Faktencheck: Wie zutreffend waren die Hochrechnungen der Virologen?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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