Coronavirus

Hausarzt zum Thema Impfneid: „Alle wollen Biontech, der Druck in den Praxen nimmt zu“

In der Hausarztpraxis von Wolfgang Kreischer melden sich immer mehr Menschen, die sich impfen lassen wollen, einige werden aggressiv. Vor allem auf einen Impfstoff haben sie es dabei abgesehen.
Immer mehr Menschen in Deutschland melden sich in den Hausarztpraxen, um sich für eine Impfung gegen das Coronavirus anzumelden. © picture alliance/dpa

Seit rund drei Wochen können Hausärzte wie der Berliner Wolfgang Kreischer, der gleichzeitig Vorsitzender des Hausärzteverbandes Berlin und Brandenburg ist, Patientinnen und Patienten in ihren Praxen gegen das Coronavirus impfen. Ein Gespräch über Drängler, die mögliche Aufhebung der Impfpriorisierung – und warum es in Ausnahmefällen Sinn machen kann, eine Erzieherin vor einem 80-Jährigen zu impfen.

Herr Kreischer, wie viele Menschen haben Sie in der letzten Woche gegen das Coronavirus geimpft?

Das müssen rund 120 gewesen sein, wir haben unsere Praxisöffnungszeiten wegen der Corona-Impfungen an vier Tagen zusätzlich erhöht. Unser Arbeitspensum ist fast am Maximum, mehr Personal einzustellen ist nicht möglich, weil es keines auf dem Arbeitsmarkt gibt. Derzeit überlegen wir, noch Samstagvormittag zu öffnen.

Wie viele Menschen sind auf Ihrer Warteliste? Gibt es mittlerweile einen Ansturm auf die Impfungen?

Seitdem auch Menschen aus der Priorisierungsgruppe drei geimpft werden dürfen, gibt es einen immensen Ansturm, wir können uns vor Anfragen kaum retten. Allerdings gibt es bei der Nachfrage nach den unterschiedlichen Impfstoffen starke Unterschiede. Unsere Warteliste für den Biontech-Impfstoff ist jetzt schon so lang, dass die Patienten vier Wochen warten müssen – und sie wird länger und länger. Allein heute Morgen hatten wir mehr als 100 E-Mails im Eingang. Bei Astrazeneca dagegen ist die Liste viel kürzer, hier müssen die Leute derzeit etwa eine Woche warten.

Gibt es dafür noch einen anderen Grund als dass Astrazeneca laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) nur an Menschen ab 60 Jahre verimpft werden soll?

Ja, ein weiterer Grund ist der kürzere Abstand zwischen den Impfungen. Bei Biontech sind es nur sechs Wochen. Bei Astrazeneca zwölf.

Warum ist das wichtig?

Einige Menschen spekulieren darauf, dass sie mit Biontech schneller durchgeimpft sind und dann von Öffnungen profitieren können. Das ist auch ein Grund dafür, dass der Druck in den Praxen zunimmt. Alle haben erwartet, dass es bald Lockerungen für Geimpfte gibt – und wollen davon profitieren und ihre Freiheit zurück. Ob es schlau vonseiten der Politik war, das schon so früh zu kommunizieren, wird sich zeigen. Andererseits waren die Politiker im Zugzwang, weil viele unserer Nachbarländer Lockerungen beschlossen haben.

Wie macht sich dieser Druck in Ihrer Praxis bemerkbar?

Wir haben immer mehr Menschen, die es nicht akzeptieren wollen, wenn wir sie nicht auf unsere Warteliste aufnehmen wollen, weil sie noch nicht dran sind. Sie diskutieren mit den Praxishelferinnen, stören den Betrieb und werden teils aggressiv, einige Male musste ich auch schon dazwischengehen.

Was ärgert Sie daran besonders?

Dass es Drängler gibt, die sich bei sehr vielen Praxen auf die Warteliste setzen lassen, in der Hoffnung, besonders schnell an einen Impftermin zu kommen, und dann ihren Warteplatz bei uns nicht absagen, wenn sie schon woanders geimpft wurden. Wir können es uns derzeit nicht leisten, dass Impfungen wegfallen. Mein Personal ist dann damit beschäftigt, schnell Ersatz zu besorgen.

Können Sie verstehen, dass Menschen derzeit versuchen, sich impfen zu lassen, obwohl sie ganz objektiv eventuell noch nicht an der Reihe sind?

Ich kann es nachvollziehen, aber das heißt nicht, dass ich Verständnis dafür habe oder es toleriere. Neulich kam jemand, der sagte, aufgrund einer Pollenallergie allergisches Asthma zu haben und daher impfberechtigt zu sein. Er hatte bei uns in der Vergangenheit allerdings nie Asthmaspray verschrieben bekommen oder Ähnliches geäußert. Ich habe ihm dann empfohlen, sich bei seinem Lungenarzt zu melden. So jemanden können wir nicht vorziehen. Zu uns kommen auch Personen, die eine Bescheinigung haben, dass sie ältere Angehörige pflegen – allerdings leben diese dann Hunderte Kilometer entfernt. Bei unseren eigenen Patienten und Patientinnen weiß ich in der Regel, wer seine Eltern pflegt. Und wenn eine Patientin dann sagt, auch ihre 22- oder 23-jährigen Söhne würden helfen, die Oma zu pflegen, und eine Bescheinigung hat, muss ich das glauben.

Mittlerweile steht auch die vollständige Aufhebung der Impfpriorisierung im Raum. Würden Sie diesen Schritt begrüßen oder befürchten Sie Impfneid?

Impfneid gibt es bereits jetzt schon, der würde weiter zunehmen und der Ansturm auf die Praxen auch. Andererseits würde es den Praxen Handlungsfreiheit geben, selbst abzuwägen. Meine Praxis liegt in einem wohlhabenden Stadtteil, in dem die über 80-Jährigen in ihren eigenen Häusern wohnen und bisher oft gut durch die Pandemie gekommen sind, weil sie sich isolieren können und vielleicht nur noch Kontakt zur Putzkraft haben. Diese Menschen könnten noch einige Monate warten, da wäre die Kita-Erzieherin früher dran. Auch Neueinzüge in Altenheimen zu impfen macht nur noch bedingt Sinn, weil dort mittlerweile Herdenimmunität herrscht. Auch hier wäre es gegebenenfalls sinnvoller, andere vorzuziehen.

Sie haben – bevor auch in den Praxen geimpft werden durfte – in einem Impfzentrum als Impfarzt gearbeitet. Jetzt impfen Sie in Ihrer Praxis. War es richtig, auch die Hausarztpraxen für Impfungen zu öffnen?

Das war richtig, inklusive der Entscheidung, die Impfzentren offen zu lassen. Es ist allerdings nicht fair, dass Biontech dort verfügbar ist und in den Praxen fehlt. Dass in Impfzentren ältere Menschen mit Biontech geimpft werden, die auch Astrazeneca bekommen könnten, ist Verschwendung, es wird in den Praxen für jüngere Menschen gebraucht.

RND

Der Artikel "Hausarzt zum Thema Impfneid: „Alle wollen Biontech, der Druck in den Praxen nimmt zu“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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