„Ich töte dich“: Kita-Kinder spielen „Squid Game“ nach - Erzieher appellieren an Eltern

Kinder tragen Kostüme, die von der koreanischen Netflix-Originalserie «Squid Game» inspiriert sind. Bei der Streamingserie sollten Eltern die Altersfreigabe ab 16 Jahren beachten.
Kinder tragen Kostüme, die von der koreanischen Netflix-Originalserie „Squid Game“ inspiriert sind. Bei der Streamingserie sollten Eltern die Altersfreigabe ab 16 Jahren beachten. © Kin Cheung/AP/dpa
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In einer Kita mit angeschlossenem Hort in Pinneberg bei Hamburg haben Kinder und Jugendliche die blutige Netflix-Serie „Squid Game“ nachgespielt. In einem Brief an die Eltern warnte der zuständige Ansprechpartner der Kita vor der Serie. Sie sei „brutal, gewaltverherrlichend und insbesondere für Kinder verstörend“, zitiert der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag (SHZ) aus dem Schreiben. Alpträume, Ängste und psychische Probleme könnten die Folge sein. „Deshalb unser dringender Aufruf: Lasst eure Kinder nicht diese Serie sehen. Auch nicht, wenn ihr dabei seid.“ Die Serie ist mit der Altersfreigabe 16 versehen.

Eine Kitasprecherin sagte der Deutschen Presse-Agentur, es gehe um fünf- bis sechsjährige Kinder in Vorschulklassen und um Schulkinder bis 13 Jahre im Hortbereich. Sie verlangte von den Eltern mehr Verantwortung. „Hier sind Eltern gefordert, eine Schranke zu setzen für ihre Kinder.“ Kinder könnten die Brutalität und den in der Serie dargestellten gnadenlosen Konkurrenzkampf nicht verarbeiten. Es sei klar, dass auch kleinere Kinder Hintergrundwissen hätten und wohl mit Eltern oder größeren Geschwistern die Serie gesehen hätten. Die Kita suche nun das Gespräch mit den Eltern.

„Ihr fügt euren Kindern seelischen Schaden zu“

Die südkoreanische Serie „Squid Game“ ist die bisher erfolgreichste Netflix-Produktion. Dabei wird in neun Folgen die Geschichte von knapp 500 Menschen erzählt, die sich alle hoch verschuldet haben. Sie treten in scheinbar harmlosen Kinderspielen gegeneinander an, um ein Preisgeld in Millionenhöhe zu gewinnen. Doch der makabere Wettbewerb lässt keine zweite Chance zu: Wer es nicht in die nächste Runde schafft, wird umgehend getötet.

Dem Bericht zufolge waren Kita-Erzieherinnen aufmerksam geworden, als sich die Kinder am Ende eines Spiels gesagt hätten: „Ich töte dich“. „Ihr fügt euren Kindern seelischen Schaden zu, wenn ihr sie derartiges sehen lasst“, warnt der für die Elternarbeit zuständige Ansprechpartner in dem Schreiben.

Auch in Bayern beschäftigt die Serie die Schulen. Nach Angaben des dortigen Landeskriminalamtes (LKA) waren an mindestens drei Grund- und Mittelschulen „Visitenkarten“ aufgetaucht, die als Einladung zum „Squid Game“ gelten. Das LKA spricht von „vereinzelten verdächtigen Wahrnehmungen im Zusammenhang mit der Fernsehserie“.

Es seien aber keine Fälle von Körperverletzungen oder Gewalttaten im Zusammenhang mit dem Spiel an bayerischen Schulen bekannt. „Lehrerinnen und Lehrer haben berichtet, dass diese Serie auch an ihren Schulen nachgespielt wird“, hatte die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, in München der Deutschen Presse-Agentur gesagt.

Unbedingt an Altersangabe ab 16 Jahren halten

Experten plädieren dafür, die Altersangabe von Netflix ab 16 Jahren unbedingt zu beachten. Die vielen Gewaltszenen stellten für Kinder eine sehr hohe psychische Belastung dar, da sie das Gesehene noch nicht gut verarbeiten könnten, sagte Psychotherapeutin Katajun Lindenberg von der Goethe-Universität in Frankfurt der Deutschen Presse-Agentur.

Es bestehe auch die Gefahr, dass sich im Sinne des Modellernens die Gewaltbereitschaft bei Kindern erhöhe, wenn sie Gewalt derartig vorgelebt bekämen, erläuterte die Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Die Gesellschaftskritik von „Squid Game“ könnten Kinder noch nicht erfassen.

„Aus ästhetischer Sicht und mit viel innerem Abstand kann die Serie als innovativ und vielleicht sogar aufrüttelnd verstanden werden“, sagte die Medienpädagogin Maya Götz vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk. Dafür brauche es aber ein hohes Maß an Abgrenzung und Medienwissen, welches insbesondere Kinder nicht hätten.

Eltern sollten ihren Kindern klar machen, dass „stark sein“ heißt, die Serie nicht oder nicht weiter zu schauen, sagte Medienpädagogin Götz. Ohne freiwilligen Verzicht lasse sich gerade bei schon etwas älteren Kindern oft schwer verhindern, dass sie im digitalen Raum die Serie oder Teile davon sehen. Zudem sei „Squid Game“ bereits weit verbreitet: Die Spiele aus der Serie würden auch in Videospielen wie „Minecraft“ nachgespielt und auf Tiktok oder Instagram gebe es zahlreiche sogenannte Memes, also Sketche, in denen die Serie aufgegriffen wird oder entsprechende Witzbildchen. Und auch bei Freunden oder Geschwistern könnten Kinder die Serie schauen.

Mit Kindern über Gesehenes sprechen

Wichtig sei es, gegebenenfalls über das Gesehene zu sprechen, um bei der Verarbeitung zu helfen, sagte Götz. Besonders für Kinder bis zehn Jahren könne das Anschauen von „Squid Game“ eine traumatische Erfahrung sein und zu Alpträumen führen. Das massenhafte emotionslose Abschlachten von Menschen im Zusammenhang mit den Kinderspielen und grellen Farben der Serienschauplätze könnten Kinder nicht begreifen – und gerade Kindergartenkinder könnten mitunter nicht einmal ihre Gefühle dabei ausdrücken.

Bei älteren Kindern zwischen 10 bis 15 Jahren sei davon auszugehen, dass viele betont cool über die Serie sprechen – „auch wenn sich die Bilder dann doch tiefer eingeschrieben haben, als sie es vermutlich zugeben“, sagte Götz. Auch bei ihnen sollten Eltern aufmerksam sein und das Gespräch anbieten.

Neben den psychischen und emotionalen Belastungen sieht Therapeutin Lindenberg noch weitere mögliche Gefahren durch sogenannte sozialpsychologische Gruppenphänomene. Da Kinder beim Nachspielen von „Squid Game“ eine Rolle einnehmen und ein hierarchisches System mit Machtgefälle nachstellen, könne es leichter passieren, dass Grenzen überschritten werden und die Situation eskaliert.

Darüber hinaus könne eine Situation entstehen, in der andere Kinder so ein Verhalten tolerieren. Schließlich sei es ja nur ein Spiel und alle machten es so. „Wenn Kinder in so etwas erst einmal drin sind, kommen sie da ohne die Hilfe von Erwachsenen nicht so leicht wieder raus.“

dpa

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