Kinderkliniken am Limit Kinderschutzbund entsetzt – Lauterbach kündigt Maßnahmen an

Ein am Respiratorischen Synzytial-Virus (RS-Virus oder RSV) erkrankter Patient liegt auf einer Kinderstation einer Klinik in einem Krankenbett.
Wegen einer RS-Virus-Welle kommen Kinderkliniken in Deutschland an ihre Belastungsgrenzen. © Marijan Murat/dpa
Lesezeit

Der Deutsche Kinderschutzbund hat ein „rasches finanzielles Notprogramm“ für Kinderklinken gefordert. „Das ist ein Gefühl völliger Ohnmacht. Der Mangel in der Kinderpflege ist sehr dramatisch. Ich bin wirklich entsetzt, dass man es so weit hat kommen lassen“, sagte Präsident Heinz Hilgers dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Wegen einer Welle an Atemwegsinfekten sind viele Kinderkliniken gerade überfüllt. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) sprach bereits von einer „katastrophalen Lage“ auf den Kinder-Intensivstationen.

Die aktuelle Krise ist nach Hilgers Ansicht das Ergebnis einer „jahrzehntelangen Vernachlässigung“ durch die Politik. Aufgrund eines Mangels an Fachkräften könne sie „kurzfristig nicht bewältigt werden“. Hilgers zufolge wird seit Jahren vor einer solchen Überlastung in Kliniken und Arztpraxen gewarnt. Leider seien keine Verbesserungen angegangen worden „wegen der ausschließlich betriebswirtschaftlichen Orientierung des Systems, das auf Vollauslastung ausgelegt ist“.

Kinderkliniken überlastet: Lauterbach kündigt Maßnahmen an

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der Deutschen Presse-Agentur, es brauche jetzt Maßnahmen, um die Versorgung von Kindern kurzfristig zu verbessern. So müsse die Koordination freier Klinikbetten ausgebaut werden. In Kinderstationen könnten Fachkräfte anderer Bereiche einfache Aufgaben übernehmen. Ambulante Angebote in Notfallpraxen sollten ausgeweitet werden.

„Die Versorgungssituation von Kindern in Kliniken und Arztpraxen ist derzeit alarmierend“, sagte Dahmen. Es gebe Not in vielen Krankenhäusern. Dies sei das Ergebnis saisonbedingt ansteigender Atemwegserkrankungen und zunehmenden Personalmangels.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat schon Hilfsmaßnahmen angekündigt. So soll Pflegepersonal aus Erwachsenen- in Kinderstationen verlegt werden. Er forderte die Krankenkassen auf, Vorgaben zur Personalbesetzung vorerst nicht zu prüfen und Sanktionen auszusetzen. Zudem appellierte er an Eltern und Kinderärzte, nicht unmittelbar nötige Vorsorgeuntersuchungen zu verschieben.

Am Freitag hatte der Bundestag ein Gesetzespaket zu Krankenhäusern beschlossen, das mehr Geld für Kinderkliniken und Entlastungen bei dringend benötigten Pflegekräften bringen soll. Für Kinderkliniken soll es 2023 und 2024 jeweils 300 Millionen Euro zusätzlich geben.

Kinderkliniken in NRW: Zunehmende Belastung

Auch in Nordrhein-Westfalen klagen viele Kinderkliniken über eine starke Belastung aufgrund vermehrter Lungen-Erkrankungen bei Kindern. Derzeit seien zwei Erkrankungswellen feststellbar, sagte der Sprecher der Düsseldorfer Universitätsklinik, Tobias Pott: „Eine RSV-Infektionswelle, die vor allem die ganz Kleinen im ersten Lebensjahr trifft, sowie eine Grippewelle, die vornehmlich den Kindern bis ins Grundschulalter massiv zu schaffen macht.“ Ein Höhepunkt der Infektionen mit Influenza und RSV sei aktuell deutschlandweit nicht abzusehen, betonte Pott.

Das NRW-Gesundheitsministerium räumte mit Blick auf die Lage in der kinderärztlichen Versorgung eine „angespannte Versorgungslage“ ein. Die laufende Infektionswelle führe teilweise zu „langen Wartezeiten, zur Verschiebung von planbaren Behandlungen und Verzögerungen im Behandlungsverlauf“. Auch seien Personalausfälle als Folge der Corona-Pandemie in den Kliniken von NRW ein zunehmendes Problem. Einen Mangel an niedergelassenen Kinderärztinnen und -ärzten sehe das Ministerium aber nicht. Sollte es in einer Region zu Versorgungsausfällen kommen, komme das „Kleeblatt-System“ zu tragen.

dpa/seh