Corona-Impfung

Lauterbach: Bis zu 14.000 Tote weniger bei anderem Impfschema

Ein Verschieben der zweiten Impfdosis könnte helfen, mehr Todesfälle zu verhindern: Das hat eine Simulationsrechnung ergeben, an der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach beteiligt war.
Karl Lauterbach findet: Mit einer guten Teststrategie wären Lockerungen möglich. © picture alliance/dpa

Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, hat zusammen mit Wissenschaftlern der Humboldt Universität Berlin und des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung eine Simulationsrechnung durchgeführt. Demnach würde es Todesfälle verhindern, wenn die zweite Impfdosis bei den mRNA-Impfstoffen hinausgezögert wird und dafür schneller mehr Menschen eine erste Dosis erhalten.

Die ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (Stiko) empfiehlt derzeit, die erste und zweite Impfdosis mit einem Abstand von drei Wochen (Biontech/Pfizer) oder vier bis sechs Wochen (Moderna) zu verabreichen, spätestens aber innerhalb von 42 Tagen nach der ersten Impfdosis. In Großbritannien hingegen werden die beiden Dosen der mRNA-Impfstoffe mit einem Abstand von zwölf Wochen verabreicht.

Vorgegebenes Impfschema voll ausreizen

Das britische Modell mit dem Abstand von zwölf Wochen würde Lauterbach derzeit nicht in Deutschland umsetzen wollen: „Bei einem Impfabstand von zwölf Wochen würde man sich klar außerhalb der Zulassung bewegen.“ Darüber könne man vielleicht nachdenken, wenn sich die Lage noch stärker als erwartet zuspitze. Vorerst empfiehlt Lauterbach, den vorgegebenen Zeitraum einfach voll auszureizen – und die zweite Impfdosis 42 Tage nach der ersten Dosis zu verabreichen.

„In der Simulationsrechnung haben wir zwei Szenarien durchgerechnet“, so Lauterbach. „Im Fall einer mittelschweren dritten Welle könnte das Hinausschieben der zweiten Impfdosis etwa 8000 Todesfälle verhindern, bei einer schweren Welle bis zu 14 000 Todesfälle.“

Ob die Berechnungen sich so bewahrheiten werden, hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab. Je stärker die nächste Welle ausfällt, desto mehr Todesfälle ließen sich aber wohl mit einem veränderten Impfschema vermeiden, geht aus der Analyse von Lauterbach und den anderen Experten hervor. Hierbei gehen die Wissenschaftler davon aus, dass schon eine erste Impfdosis Todesfälle fast gänzlich verhindern kann.

Stiko sichtet derzeit die Simulationsrechnung

Offen bleibt, wie stark sich die Impfungen in der Realität beschleunigen ließen. So ist momentan nicht klar, wie viele Impfstoffdosen tatsächlich für die Zweitimpfung zurückgehalten werden, denn jedes Bundesland kann selbst darüber entscheiden.

Wenn die zweite Impfung aufgeschoben wird, könnten also zwar schneller mehr Menschen einmalig geimpft werden, es ist aber nicht sicher, wie viele. Eine Reserve wäre zudem wohl auch bei einem größeren Impfabstand nötig: Damit sich die zweite Impfdosis bei möglichen Lieferschwierigkeiten nicht über die maximal vorgesehenen 42 Tage hinaus verzögert.

Die Stiko lehnt einen Impfabstand von zwölf Wochen wie in England bisher ab, weil unklar sei, ob die Schutzwirkung nach nur einer Dosis in der Hochrisikogruppe der älteren Menschen über einen so langen Zeitraum hinweg ausreicht. Den maximal vorgegebenen Impfabstand auszureizen, könnte aber ein Kompromiss sein. Nach Informationen des RND sichtet die Stiko derzeit die Simulationsrechnung.

Schnelltests würden Lockerungen möglich machen

Zusätzlich beschleunigen könnte man die Impfungen, wenn der Vektorimpfstoff von Astrazeneca bald auch für ältere Menschen freigegeben wird, so Lauterbach. Die Impfung einfach in Gruppen mit niedrigerer Priorisierung anzubieten, wie zuletzt diskutiert wurde, lehnt er hingegen ab: „Um Todesfälle zu verhindern, muss man so viele Menschen in der höchsten Priorisierungsgruppe impfen, wie möglich.“

Ein verändertes Impfschema ist dabei nicht der einzige Vorschlag des Gesundheitspolitikers zum Umgang mit der dritten Welle. „Der jetzige Lockdown schafft es nicht, eine dritte Welle aufzuhalten“, so Lauterbach. Er will deshalb regelmäßig Schnelltests in Schulen und Betrieben durchführen lassen: „Das sind die Orte, an denen es noch zur Clusterbildung kommen könnte.“

Bei der neuen britischen Variante des Coronavirus, die sich derzeit in Deutschland ausbreitet, sei die Gefahr großer Cluster erhöht. Gleichzeitig könne jeder, der negativ getestet sei, am selben Tag wieder ins Restaurant oder zum Einkaufen gehen. „In Kombination mit einer guten Teststrategie wären also sogar Lockerungen möglich. Ich glaube, dass man damit – bei weniger strengen Maßnahmen – sogar mehr Fälle verhindern könnte.“

Der Artikel "Lauterbach: Bis zu 14.000 Tote weniger bei anderem Impfschema" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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