Sexismus auf Platz 1 der Charts: Warum ist „Layla“ so erfolgreich?

Menschen spazieren auf der Strandpromenade von Arenal auf Mallorca an Show-Bars vorbei.
Menschen spazieren auf der Strandpromenade von Arenal auf Mallorca an Show-Bars vorbei. © picture alliance/dpa
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Treffen sich zwei Männer und unterhalten sich über eine Frau. „Geile Figur, blondes Haar“, meint der eine. Ein echtes „Luder“, findet der andere. Und mal abgesehen davon sei „Puffmutter Layla“ auch noch „schöner, jünger und geiler“.

Diese Geschichte klingt Ihnen ein bisschen zu sexistisch? Nun, einem Großteil der deutschen Musikfans offenbar nicht. Denn ein Song mit genau dieser Storyline steht gerade auf Platz 1 der deutschen Charts.

„Layla“ heißt der Ballermann-Überraschungshit von DJ Robin und dessen Gesangspartner Schürze. Er stammt aus der Hitschmiede von Summerfield Records, deren erfolgreichster Partyschlager bislang der Song „Johnny Däpp“ von Lorenz Büffel war. Auch die Mallorca-Stars Ikke Hüftgold (Gründer von Summerfield Records) und Mia Julia gehören zum Label. Letztere ist etwa bekannt für lyrische Meisterwerke wie „Mallorca (Da bin ich daheim)“ oder ihren neuen Hit „Malle Beste Leben“.

Der neueste Streich „Layla“ vereint musikalisch sämtliche Erfolgsrezepte erfolgreicher Ballermann-Hits: Er hat eine eingängige Melodie, einen Text, den man sich auch bei zwei Promille noch merken kann, und einen Refrain zum Mitgrölen. Vor allem aber hat er eines: einen mindestens fragwürdigen Songtext, der irgendwie so gar nicht in das Jahr 2022 passen will. Bricht der Song trotz oder gerade deswegen nun einen Rekord nach dem anderen?

„Toxische Männlichkeit als Prollo-Hit“

„Das Lied ist kalkuliert hochgradig sexistisch“, sagt der Musikwissenschaftler Markus Henrik, auch bekannt als Musik-Comedian „Dr. Pop“, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Vermutlich ist das auch eine schräge, unterbewusste Antwort auf die Me-Too-Debatten der letzten Jahre, nach dem Motto: ‚Hier ist jetzt mal kurz alles egal‘“. Der Song sei „toxische Männlichkeit in einen Prollo-Hit gegossen“, sagt Henrik. „Konzeptionell aber clever gemacht. Man könnte immer sagen: Habt Euch nicht so, ist doch nur Spaß.“

„Spaß“ jedenfalls hat die Mallorca-Community an dem Song. Seit seinem Erscheinen im Frühjahr dieses Jahres läuft „Layla“ auf der Lieblings-Partyinsel der Deutschen rauf und runter – und mit Beginn der Urlaubssaision entwickelte sich das Lied zu einem Mega-Hit. Auf Spotify wurde „Layla“ bislang 26 Millionen Mal gestreamt. Zum Vergleich: DJ Robins bislang größter Hit, ein Cover des Josh-Songs „Cordula Grün“, hat gerade mal 1,3 Millionen Aufrufe.

Der Song „Layla“ erzählt von einem Bordellbetreiber, der einen anderen Mann – den Sänger des Songs – in seinen Laden locken will. Im Refrain tönt es dann: „Er hat ´nen Puff und seine Puffmama heißt Layla. Sie ist schöner, jünger, geiler.“ Für „Dr. Pop“ Markus Henrik ein raffiniertes Spiel mit dem Tabubruch.

Auch bei Ballermann-Hits gibt es Grenzen

„Das Spiel mit Tabus ist bei Ballermann-Hits elementar“, sagt der Experte. „Man denke nur an ‚Zehn nackte Frisösen, mit richtig feuchten Haaren‘ oder ‚Bist Du braun, kriegst Du Frau‘n‘.“ In den Musikstudios der Produzenten werde aber, so glaubt Henrik, durchaus abgewogen, wie weit man gehen könne. Auch da gebe es „Grenzen“, die nicht überschritten werden sollten. „Dumm sind die meisten Leute an den Mischpulten und Laptops ganz bestimmt nicht – nur manchmal ein wenig dreist“, sagt Henrik. „Und das scheint für Partyschlager eine erfolgsfördernde Eigenschaft zu sein.“

Auch den Produzenten des neuen Ballermann-Hits ist offenbar sehr bewusst, was sie da erschaffen haben. Dem „Spiegel“ sagte Do­minik de Léon, Mitbegründer von Summerfiel Records: „Der Song (…) ist alles an­dere als politisch korrekt. Wir wissen, dass ein Song eine eingängige Melodie braucht und ein Thema haben muss, mit dem man sich entweder identi­fiziert oder das polarisiert.“

Dass „Layla“ aber so erfolgreich wurde, sei auch für die Macher überraschend: „Es verwundert wahrscheinlich nicht nur uns, wie extrem gut diese Nummer nach zwei Jahren Corona, Unter­haltungsverbot und dem Krieg in der Ukraine an­gekommen ist, in Zeiten, in denen #MeToo noch in allen Köpfen steckt und die Genderdiskussion rauf und runter geführt wird. Aber wahrscheinlich ist das genau der Grund, warum die Leute den Song so begeistert feiern.“

Sänger sehen keinen Sexismus

Die Interpreten des Ballermann-Hits wollen von dem Sexismus-Vorwurf derweil nichts wissen. Man solle sich „die ganze Geschichte“ mal „im Kopf durchgehen“ lassen, sagt Sänger Schürze dem Sender RTL. Und noch dazu solle man sich das Musikvideo des Songs anschauen: da werde „Layla“ nämlich von einem Mann gespielt. „Weil wir gar nicht drauf aus sind irgendwie Sexismus da reinzubringen.“

Dass es gerade ein Song mit mindestens fragwürdigem Inhalt auf Platz 1 der Charts geschafft hat, wird innerhalb der Musikszene übrigens noch nicht offen diskutiert. Künstlerinnen und Künstler haben sich zum Thema bislang weder zu Wort gemeldet, geschweige denn empört – offenbar gehört das zum Ballermann wohl einfach dazu.

Sehr wohl sorgt „Layla“ aber außerhalb der Szene für Diskussionen.

Junge Union sorgt für Eklat

Die Junge Union in Hessen hatte den fragwürdigen Song im Juni auf dem eigenen Parteitag angestimmt. „Layla“ lief als Begleitmusik, der Vorsitzende Sebastian Sommer klatschte erfreut mit.

Juso-Landeschefin Sophie Frühwald empörte sich später darüber bei Twitter: „Der Jungen Union #Hessen liegt die Förderung von Frauen am Herzen. Oder so… Da ist man sich nicht mal zu schade auf der Bühne blanken #Sexismus zur Schau zu stellen. Nächster Höhepunkt einer unendlichen Geschichte…“, heißt es in ihrem Tweet. „Musikgeschmäcker waren schon immer verschieden“, verteidigte sich Sommer später auf Anfrage von Medien. „Neben der Arbeit“ dürfe auch „das Feiern“ nicht zu kurz kommen.

Das „Feiern“ dürfte in diesem Jahr, insbesondere am Ballermann, wohl so ausgelassen sein wie selten zuvor. „Dr. Pop“ Markus Henrik glaubt, dass auch Ballermann-Hits in den kommenden Monaten eine ungewöhnliche Hochkonjunktur in den Charts haben könnten: „Ich kann mir gut vorstellen, dass sich für einige Menschen einiges aufgestaut hat und das raus muss“, sagt Henrik. „Im normalen Kulturbetrieb gibt es noch Zurückhaltung; Festivals laufen da etwas besser an. Viele Menschen haben sich ein Stück weit von Konzerten entwöhnt. Wenn Malle helfen kann, bei diesem Trend gegenzusteuern, bitte schön!“

Ausgeklügelte Produktion

Ein Beispiel für diesen Trend ist auch ein anderer Song, der auf Mallorca hoch und runter läuft – und ebenfalls eine hohe Position in den deutschen Charts erzielt hat: Der Song „Dicht im Flieger“ des Mallorca-Newcomers Julian Sommer. Er steht aktuell auf Platz 7 der Chart – und lässt ebenfalls kein Klischee aus. „Der Chef ruft wieder an, die Alte stresst daheim. Ist mir scheißegal, ich will (besoffen sein)“, heißt es da etwa im Songtext.

Ganz so einfach wie es klingt, ist das Schreiben eines erfolgreichen Ballermann-Hits aber nicht, wie Markus Henrik erklärt. „Unzählige Menschen probieren es jedes Jahr. Wenn es glückt, kommen einige günstige Faktoren zusammen“, sagt er. „Layla“ jedenfalls sei für das Genre gut gemacht: Der Song habe ein schnelles Tempo von 140 BPM. „Das ist so schnell, wenn da jemand beim Springen, Tanzen alkoholbedingt aus dem Takt kommt, fällt das gar nicht auf“, sagt Henrik.

Auch die Akkordfolge trage zum Erfolg bei: „Der Song hat vier Akkorde, die im Kreis laufen: G-Moll, Es-Dur, Bb-Dur, und F-Dur. Und die Hookline, also der Refrain, ist sehr diszipliniert geschrieben. Eine leicht absteigende Melodie innerhalb einer Oktave, die jeder mitsingen, pardon, mitgrölen kann“, sagt Henrik. „Es klingt alles so, dass man es irgendwie kennt, aber trotzdem eigenständig ist. Die Produktion ist modern, international – mit stadiontauglichen Sounds à la Jason Derulo. Da ist wenig Muff drin.“

Maximales Identifikationspotential

Neben dem Song selbst spielten bei Ballermann-Hits aber auch die Interpreten eine Rolle für den Erfolg. Im Falle von DJ Robin und Schürze sagt Henrik: „Die Interpreten sind zwei Männer, denen man sofort abnimmt, dass sie Bier und Cocktails lieber trinken als Ingwer-Tee. Sie tragen Jeans, T-Shirt und kurze Haare. Da wird der Grill auch mal mit Spiritus angefeuert, damit es schnell geht. Maximales Identifikationspotential für die Malle-Feier-Meute.“

Fragwürdige Texte allerdings seien nicht zwangsläufig ein Erfolgsrezept von großen Ballermann-Hits. Auf Mallorca werde schließlich auch „Country Roads“ oder das Gitarrenriff von „Seven Nation Army“ mitgegrölt.

„Ein Lied über anstößige Themen führt nicht unmittelbar zum Erfolg“, sagt Henrik. „Man braucht gute Produktionen, Interpreten, die Identifikationspotential bieten und pointierte Textzeilen.

RND

Der Artikel "Sexismus auf Platz 1 der Charts: Warum ist „Layla“ so erfolgreich?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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