Krieg

Mit dem Krieg kommt die Angst: Tritt Finnland nun doch der Nato bei?

Der russische Einmarsch in die Ukraine vor drei Wochen hat in Finnland alte Ängste wachgerufen. Plötzlich wünscht sich in dem Land sogar die Mehrheit einen Nato-Beitritt.
In Finnland wünscht sich die Mehrheit des Landes den Nato-Beitritt.
In Finnland wünscht sich die Mehrheit des Landes den Nato-Beitritt. © picture alliance/dpa

Markus Komu ist kein ängstlicher Mensch. Aber als der Finne miterlebte, wie Russland am 24. Februar den Krieg gegen die Ukraine startete, war er, genau wie seine Freunde und Familienmitglieder, schockiert. „Wir haben alle gedacht, das machen sie nicht, das passiert nicht“, erzählt der 60-Jährige, der mit seiner Familie in Lahti nördlich von Helsinki wohnt. „Als es dann doch passiert ist, haben wir alle darüber gesprochen, was 1939 geschehen ist. Das geht uns wirklich unter die Haut.“

So wie Komu geht es vielen in Finnland. Der Angriff Russlands weckt Erinnerungen an den Winterkrieg, als sowjetische Truppen während des Zweiten Weltkriegs in das nordische Land einmarschierten. Am Ende musste Finnland einen Teil Kareliens im Osten des Landes an die Sowjetunion abtreten. „Für die Finnen ist es, als würde sich die Geschichte wiederholen“, sagt Iro Särkkä, Politikwissenschaftlerin an der Universität Helsinki. „Sie sehen die Ukraine in derselben Situation, in der Finnland sich vor 80 Jahren befunden hat.“ Viele in der Großeltern-Generation erinnerten sich noch gut daran, wie ihre Häuser bombardiert worden seien.

Viele Menschen dieser Generation waren über die Jahre misstrauischer als die Jüngeren, wenn es um Russland ging. Und ängstlicher. Sie vergaßen die Bedrohung nie, die von dem riesigen Land ausgehen konnte, aber mit der Zeit heilten auch Wunden.

Finnland und Russland: Respektable Beziehung, dann kam der Krieg

Zuletzt pflegte Finnland eine pragmatische Beziehung zu dem großen Nachbarn, deren Führung es nicht ganz über den Weg traut, den zum Feind zu haben es sich aber nicht leisten kann. Es gab wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen, russische Touristen kamen nach Finnland, erwarben Ferienhäuser, kauften auf der anderen Seite der Grenze ein.

„Seit dem Kalten Krieg hat sich das Verhältnis zwischen Finnland und Russland verbessert. Wir haben friedlich nebeneinander gelebt. Die Leute haben verdrängt, dass so etwas wie jetzt passieren könnte“, sagt die Forscherin Särkkä. Erst die Annexion der Krim 2014 habe bei ihren Landsleuten wieder ein leises Gefühl der Angst wachwerden lassen. Der Krieg gegen die Ukraine hat es massiv verstärkt.

Regelmäßig untersuchen Meinungsforscher in Finnland, wie die Bevölkerung zu einem Nato-Beitritt steht. Noch im Januar hatte sich nicht einmal ein Drittel der Befragten für eine Mitgliedschaft Finnlands in dem Verteidigungsbündnis ausgesprochen. Als ein Meinungsforschungsinstitut die Finnen im Auftrag des öffentlichen Rundfunks an den Tagen rund um den russischen Angriff erneut befragte, befürwortete zum ersten Mal überhaupt eine Mehrheit der Finnen den Nato-Beitritt. Seitdem ist der Zuspruch nur gewachsen. In einer der letzten Umfragen lag er bei 62 Prozent.

„Ich könnte mir vorstellen, dass es tatsächlich passiert“, sagt Politikwissenschaftlerin Iro Särkkä,. „Die Bevölkerung war immer sehr unentschieden, was dieses Thema angeht. Aber jetzt sehen wir eine dramatische Veränderung.“ Viele Menschen hätten erkannt, dass eine Nato-Mitgliedschaft die Sicherheit des Landes verbessern könnte, und sähen sie zum ersten Mal als ernsthafte Option.

Wie wahrscheinlich ist ein Nato-Beitritt Finnlands?

Dafür, dass sich das Parlament überhaupt erst mit dem Thema beschäftigen musste, hatte eine Bürgerinitiative gesorgt, die in kürzester Zeit 50.000 Stimmen erreicht hatte. Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin und Präsident Sauli Niinistö halten sich mit ihrer Meinung zu einem NATO-Beitritt bislang zurück. Im kommenden Monat will die Regierung aber einen Bericht zur Neuausrichtung der finnischen Sicherheitspolitik vorstellen, der anschließend im Parlament debattiert werden soll. Womöglich noch im Sommer könnte es dann eine Entscheidung in der NATO-Frage geben.

Doch kaum war das Thema in Finnland auf dem Tisch, drohte die russische Regierung dem Nachbarn mit „ernsthaften militärischen und politischen Konsequenzen“, sollte es der Nato beitreten. Russland nicht zu provozieren sei Teil der finnischen DNA, meint Markus Komu: „Es ist sehr Finnisch zu denken: Was wird unser Nachbar denken, wenn wir dies oder jenes tun?“

Die Angst davor, Russland zu reizen, habe immer eine Rolle gespielt, wenn die Finnen eine Nato-Mitgliedschaft diskutiert hätten, sagt Särkkä. Doch auch das Selbstverständnis der Finnen als friedliches, defensives und neutrales Land hänge damit zusammen. Die Neutralität habe Finnland aber bereits mit dem EU-Beitritt 1995 aufgegeben, erklärt die Forscherin. „Und ich denke, viele beginnen gerade zu realisieren, dass wir es mit einem komplett unberechenbaren Nachbarn zu tun haben, und dass die besondere Beziehung, die wir zu ihm hatten, nicht mehr existiert.“

Wie viele seiner Landsleute ist auch Markus Komu inzwischen der Meinung, dass Finnland dem Bündnis beitreten sollte. „Klar ist da auch eine Angst, aber im Moment denke ich, dass wir das Risiko eingehen müssen. Wenn wir kein Nato-Mitglied sind, wer wird uns dann helfen?“ Dann, fürchtet er, könnte sich die Geschichte tatsächlich wiederholen. „Wenn wir nicht dazu gehören, kann das, was vor 82 Jahren passiert ist, wieder passieren.“

RND/dpa

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