Katholische Kirche

#OutInChurch: Wie eine Initiative die katholische Kirche in Aufruhr versetzt

Vor mehr als drei Wochen ging die Initiative #OutInChurch an die Öffentlichkeit und forderte die Anerkennung von LGBTIQ+ in der katholischen Kirche. Seitdem ist einiges passiert.
Die Kombo zeigt Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative «#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst» – eine Szene aus der ARD-Dokumentation «Wie Gott uns schuf» (undatiert). In der Doku und dem multimediales Projekt von Hajo Seppelt, Katharina Kühn, Marc Rosenthal und Peter Wozny treten einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative erstmals vor die Kamera. Sie berichten von einem oft jahrelangen Versteckspiel und der Angst vor dem Outing. Das Netzwerk ruft alle LGBTIQ+-Personen, die h
Die Kombo zeigt Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative «#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst» - eine Szene aus der ARD-Dokumentation «Wie Gott uns schuf» (undatiert). In der Doku und dem multimediales Projekt von Hajo Seppelt, Katharina Kühn, Marc Rosenthal und Peter Wozny treten einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative erstmals vor die Kamera. Sie berichten von einem oft jahrelangen Versteckspiel und der Angst vor dem Outing. Das Netzwerk ruft alle LGBTIQ+-Personen, die haupt- oder ehrenamtlich für die katholische Kirche tätig sind, dazu auf, sich der Initiative anzuschließen. © picture alliance/dpa/EyeOpeningMedia/rbb

Es war ein Medienecho, wie es nur bei den großen Gesellschaftsthemen hervorgerufen wird. Die Initiative #OutInChurch, die die Anerkennung von LGBTIQ+ in der katholischen Kirche fordert, schaffte es in die „Tagesschau“ um 20 Uhr. In viele weitere TV- und Radio-Nachrichtensendungen zur Primetime. Und auf die Titelseiten vieler Tageszeitungen. Auch wir berichteten in Print und online. So will #OutInChurch etwa eine Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts, das noch immer nicht heterosexuelle Menschen diskriminiert, und die Erlaubnis der Segnung homosexueller Paare. 125 Menschen outeten sich dafür öffentlich als queer.

Doch was bleibt? Zuerst mal die Frage, ob 125 Menschen – mittlerweile sind es noch einige mehr – eine alteingesessene Institution wie die katholische Kirche tatsächlich verändern können.

Sie können. Den Eindruck hat man rund drei Wochen nach Öffentlichwerden der Initiative, die die katholische Kirche zu einem Zeitpunkt getroffen hat, in dem sie wegen des Missbrauchsgutachtens sowieso massiv unter Druck steht und sich in einer heftigen Vertrauenskrise befindet. Es ist eine gute Zeit, Reformen zu fordern.

Erste Schritte bei Synodalversammlung

Bei der dreitägigen Synodalversammlung Anfang Februar wurden bereits erste Schritte gegangen. Mit großer Mehrheit sprachen sich die Delegierten für Änderungen im kirchlichen Arbeitsrecht aus, in dem nicht heterosexuelle Menschen immer noch diskriminiert werden und im schlimmsten Fall gekündigt werden können. Die von Beschäftigten zu erwartende Loyalität werde „auf ein Mindestmaß“ begrenzt, sagte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing. „Die persönliche Lebensführung bleibt außen vor.“

Rainer Teuber aus Essen, einer der Gründungsmitglieder von #OutInChurch, spricht zwar gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland auch von einer „überwältigenden Mehrheit“, die für diese Änderung gestimmt habe, betont aber auch: „Zunächst hörten wir in erster Linie wohlklingende Worte, die aber inzwischen erfreulicherweise in verbindlichen, schriftlichen Zusagen mündeten. Bei der Bischofskonferenz Anfang März können die Zuständigen die Passage im kirchlichen Arbeitsrecht dann verbindlich aussetzen und die kirchliche Grundordnung diesbezüglich grundlegend reformieren.“

Denn schon jetzt haben einige Bistümer öffentlich mitgeteilt, die Passage des kirchlichen Arbeitsrechts, in der Homosexualität als „Loyalitätsverstoß“ gesehen wird, nicht mehr anzuwenden. So teilten etwa die Bistümer Osnabrück und Essen – in letzterem ist auch Teuber tätig – am vergangenen Montag mit, niemanden wegen seiner sexuellen Orientierung zu entlassen.

Das gleiche Versprechen hatten zuvor unter anderem auch das Würzburger, Paderborner und Hildesheimer Bistum gegeben. Zudem forderten am Montag elf Generalvikare der katholischen Kirche einen Verzicht auf arbeitsrechtliche Sanktionen für kirchliche Mitarbeitende wegen ihrer privaten Lebensführung. In einem offenen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sprechen sie sich dafür aus, die Neuformulierung des kirchlichen Arbeitsrechts bis zum Sommer abzuschließen. Generalvikare sind die Stellvertreter eines Bischofs in allen Verwaltungsaufgaben.

#OutInChurch-Gründer: Ereignisse überschlagen sich

#OutInChurch-Gründer Jens Ehebrecht Zumsande bilanziert dazu am Montag auf Twitter: „Momentan überschlagen sich die Ereignisse. Nun haben also ungefähr die Hälfte der Bistümer/Bischöfe/Generalvikare auf #OutInChurch reagiert und sichern in Selbstverpflichtungen zu, gegenüber queeren Mitarbeitenden z. B. im Fall einer gleichgeschlechtlichen Ehe keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen folgen zu lassen.“ Er spricht zunächst mal von einem „wichtigen Meilenstein“.

Auch der schwule Katholik Teuber zeigt sich in dem Punkt zuversichtlich: „Wir hoffen, dass wir nach der Bischofskonferenz einen Haken hinter diese Forderung machen können“, sagt er dem RND. „Eigentlich kann die Bischofskonferenz da nicht mehr hinter die bereits jetzt getroffenen Zusagen einzelner Bistümer zurück“, meint er – und doch müsse man abwarten.

Änderung des Arbeitsrechts nicht die einzige Forderung von #OutInChurch

Doch die Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts ist nicht die einzige Forderung von #OutInChurch. Auch in Ehebrecht-Zumsandes Statement folgt noch ein Aber: Er kritisiert, dass die Bistümer die Situation von Transmenschen und nicht binären Personen nicht in ihren Reaktionen nicht erwähnen. „Hier ist die Unsicherheit nach wie vor groß, denn die rechtliche Situation ist noch viel prekärer“, meint er und fordert, dass die Kirchenleitungen auch hierzu zeitnah Stellung nehmen. „Die Sektflaschen bleiben erst mal noch in der Kühlung, bis alle LGBTIQ+-Personen in einer #kircheohneangst leben und arbeiten können“, so sein Zwischenresümee.

Was steht noch auf dem Zettel der Initiative? „Die Frage nach den Segensfeiern für Homosexuelle ist auch aktuell“, so Teuber. Zurzeit dürfen homosexuelle Paare und auch Geschiedene nicht kirchlich gesegnet werden. Dieses Verbot erneuerte der Papst im vergangenen Jahr. Dennoch gab es 2021 unter dem Hashtag #liebegewinnt Aktionen in Deutschland, bei denen katholische Pfarrer entgegen der Vorgabe aus Rom homosexuelle Paare segneten.

Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare durch Rom verboten

Die Initiative #OutInChurch setzt sich dafür ein, dass diese als normal angesehen und anerkannt werden. Auch zu diesem Thema gab es bei der Synodalversammlung ein Votum, das der Bischofskonferenz den klaren Hinweis gibt, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare zuzulassen. „Das wäre eine Art Ungehorsam gegen Rom“, sagt Teuber – und hofft doch auf Erfolg.

Auch die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, rief die Bischöfe beim Synodalen Weg zu eigenständigen Reformen auf. Man dürfe nicht erwarten, dass die Weltkirche Probleme löse, die man selbst in die Hand nehmen müsse.

Um weiteren Druck aufzubauen und sichtbar zu bleiben, hatte die Initiative auch eine Petition gestartet – die, Stand 15. Februar, schon mehr als 110.000 Menschen unterschrieben haben. Die Unterschriften werden am 9. März an Bischof Bätzing am Rande der deutschen Bischofskonferenz übergeben, berichtet Teuber, der als Leiter der Museumspädagogik und des Besucherservices der Schatzkammer am Essener Dom arbeitet. Dann habe die Steuerungsgruppe von #OutInChurch, zu der er gehört, auch einen Gesprächstermin mit dem Bischof.

Initiative #OutInChurch wächst weiter

Bis dahin wächst die mit 125 Teilnehmenden gestartete Initiative weiter. „Nach der Veröffentlichung von #OutInChurch haben sich inzwischen rund 350 weitere queere Menschen bei uns gemeldet, die haupt- oder ehrenamtlich für die katholische Kirche arbeiten“, berichtet Teuber. Davon hätten sich 70 Menschen auch damit einverstanden erklärt, öffentlich sichtbar zu werden. Auf der Website von #OutInChurch sowie dem Instagram-Kanal der Initiative werden sie alle nach und nach vorgestellt.

Für sie alle hat dieses Coming-out auch persönlich Folgen. Sie können – auch wenn vieles noch in Bewegung ist – schon jetzt angstfreier in ihrer Kirche leben. „Es wurde niemandem gekündigt“, berichtet Teuber über die 125 Gesichter hinter der Initiative. „Das war die Idee des Gruppenschutzes.“ Sie scheint aufzugehen.

Teuber warnt vor Pinkwashing

Sie alle hätten größtenteils eine Welle der Solidarität erfahren. „Ich war zunächst verwundert, wie viele Bischöfe und Generalvikare plötzlich Freunde der queeren Community sind“, sagt der 53-Jährige. Nicht ohne ein bisschen Ironie in der Stimme. „Wir hoffen, dass das nicht nur eine Pinkwashing-Kampagne ist.“ Als Pinkwashing bezeichnet man es, wenn etwa Institutionen oder Unternehmen LGBTIQ+ nur unterstützen, um dadurch moderner zu wirken, ohne sich aber wirklich damit zu identifizieren.

Der Katholik wünscht sich, dass sich nun alle Bistümer gemeinsam gegen die Diskriminierung stellen. „Was nicht ginge, wäre ein Flickenteppich“, findet Teuber. Wie es ihn gerade gibt, weil ein Bistum nach dem anderem sein eigenes Statement zu dem Thema herausgibt. Teuber selbst wird mit seiner gleichgeschlechtlichen Ehe schon länger im Bistum Essen akzeptiert. Er hatte sein Coming-out schon vor der Initiative, vor rund drei Jahren. Doch trotz all der positiven Zuschriften und dem großen Medienecho berichtet Teuber auch: „Im direkten Arbeitsumfeld am Essener Dom herrscht selbst in einem liberalen Bistum noch immer eine große Unsicherheit, ein Schweigen. Kaum jemand hat sich mir gegenüber zur Initiative geäußert.“

Es ist überraschend, sprach doch ganz Deutschland am Tag des Öffentlichwerdens von #OutInChurch darüber. „Mein Gesicht ist an vielen Stellen zu sehen, aber hier kommt so gut wie keine Reaktion. Das erlebe ich nicht so, als wäre alles gut. Es ist ein Schweigen, durch das ich Unklarheit und auch eine gewisse Ablehnung spüre“, sagt er. „Ich fühle mich damit nicht wohl.“ Es ist viel in Bewegung – und doch muss sich auch abseits von rechtlichen Vorgaben noch vieles mehr bewegen.

mit dpa und epd

Der Artikel "#OutInChurch: Wie eine Initiative die katholische Kirche in Aufruhr versetzt" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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