1800 Beamte in Berlin im Einsatz

Putin-Verehrung, Rangeleien, „Nachtwölfe“ – ein unruhiger Gedenktag am „Tag des Sieges“ in Berlin

Der zweite Tag der Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen zum Kriegsende 1945 stand im Zeichen der Putin-freundlichen Seite. Immer wieder kam es zu handfesten Auseinandersetzungen.
Mitglieder und Unterstützer der Motorradgang "Nachtwölfe" besuchen das Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park anlässlich des 77. Jahrestages des Sieges Russlands im Zweiten Weltkrieg. © picture alliance/dpa

Auf der nördlichen Seite des Tiergartens, am sowjetischen Ehrenmal, stehen an diesem „Tag des Sieges“ die Russen. Durch sechs gesperrte Fahrspuren und Absperrgitter getrennt, stehen auf der südlichen Seite die Putin-Gegner. Die einen tragen im Demonstrationszug des „unsterblichen Regiments“ Schwarz-Weiß-Aufnahmen ihrer Vorfahren, die im „Großen Vaterländischen Krieg“ gekämpft haben, die anderen lassen ukrainische Musik aus den Lautsprechern schallen.

Die Berliner Polizei steht dazwischen. Mit bis zu 1800 Beamtinnen und Beamten ist sie wie bereits am Sonntag vor Ort und muss die weitreichenden Verbote durchsetzen, mit denen der Senat der Hauptstadt ein „würdevolles Gedenken“ durchsetzen will. Immer wieder wird es hektisch. Vor den Gedenkkränzen am Ehrenmal kommt es zu einer kurzen Prügelei, mehrere Personen werden abgeführt. Kurze Zeit später ist wieder lauter Protest zu hören. Nach einer Beschwerde eines russlandfreundliche Demonstranten wird eine Infowand der russischen Oppositionellen abgerissen, weil dort blau-gelbe Schrift zu sehen war.

Sie seien extra aus Osnabrück angereist, hätten sich für diesen Montag freigenommen, sagen zwei Demonstrationsteilnehmer, die Fotos ihrer Großväter hochhalten. Er sei 1944 verschollen, im Kampf gegen die Faschisten, sagt die Frau. Ist es für sie ein besonderer 9. Mai? „Ja, es ist schlimm“, antwortet sie. Was genau? „Die Diskriminierung gegen uns Russischsprachige in Deutschland“, meint sie. Und Putins Krieg gegen die Ukraine? „Die Ukrainer sind schlimmer als Faschisten“, bricht es aus dem Mann heraus. Er habe Verwandte in Saporoschje (ukrainisch Saporischschja), die berichteten ihm aus erster Hand von den Untaten der Ukrainer. Die sollten ihre Waffen niederlegen, dann herrsche endlich wieder Frieden.

Auch im Osten der Stadt, vor dem Eingang zum Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park, setzt die Polizei penibel das Verbot durch. Vor einem Anhänger sammeln Polizeibeamte Plakate und Flaggen ein, beschriften diese und lassen sich von den Eigentümern ein blaues Formular ausfüllen. Auch die 22-jährige Marharyta aus Charkiw, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen möchte, füllt die Bescheinigung über die „Sicherstellung und Beschlagnahme“. Sie musste sich blau-gelbes Schleifenband aus ihrem geflochtenen Haar entfernen. Die Ukrainerin ist wütend: „Ich sehe Menschen mit russischer Flagge auf dem Pullover. Wieso ist das wiederum erlaubt?“, fragt sie und wirkt empört.

Russische Fahnen am Ehrenmal

Das gigantische Ehrenmal im Treptower Park ist wie an jedem 9. Mai gut besucht. Am Morgen kam bereits der russische Botschafter Sergei Netschajew mit einer Delegation zur Kranzniederlegung, kurzzeitig verwandelte sich der Gedenkort in ein weiß-blau-rotes Fahnenmeer – für Diplomaten und ihre Begleiter gelten die Verbote nicht.

Und anscheinend auch nicht so wirklich für Putins Rockerfreunde von den „Nachtwölfen“. Ein Grüppchen des kremltreuen Rockerklubs taucht am Mittag im Tiergarten auf, macht ein Gruppenbild mit einer riesigen russischen Flagge. Wer sich aber mit Ansteckern im Blau-Gelb der Ukraine dem Gelände nähert, wird abgewiesen.

Natalia Niemann legt an der Statue der „Mutter Heimat“ rote Blumen nieder: „Ich wünsche mir, dass der Krieg in der Ukraine aufhört und wünsche mir Frieden“, sagt die 50-Jährige. Die Menschen in der Ukraine seien für sie wie Brüder und Schwestern. Vor elf Jahren ist die Weißrussin nach Deutschland gekommen. Seitdem komme sie jedes Jahr am 9. Mai zum Sowjetischen Ehrenmal, das für sie ein Zeichen gegen Krieg sei.

RND

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