Gesundheit

Thromboserisiko für Covid-19-Kranke deutlich höher als für Geimpfte

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Hirnvenenthrombosen nach einer Covid-19-Erkrankung häufiger auftreten können als nach einer Astrazeneca-Impfung. Die Studie hat jedoch Schwächen.
Ein Arzt füllt eine Spritze mit der indischen Version des Coronavirus-Impfstoffs von AstraZeneca in einem Krankenhaus in Kabul. © picture alliance/dpa/AP

Es kommt zwar sehr selten vor, beinhaltet aber ein gewisses Risiko: Nach der Astrazeneca-Impfung kann es insbesondere bei jüngeren Menschen zu gefährlichen Hirnvenenthrombosen kommen. Inzwischen ist das auch in der Liste möglicher Nebenwirkungen der EMA vermerkt, und Deutschland impft vorbeugend nur die über 60-Jährigen mit dem Mittel.

Derzeit steht auch der Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson im Verdacht über einen möglichen Zusammenhang und wird diesbezüglich gerade von den europäischen Gesundheitsbehörden überprüft, bevor weitere Dosen nach Deutschland geliefert werden können. Bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna sind derzeit keine Sicherheitsbedenken bezüglich Thrombosen auf dem Prüfstand.

Die Folge beim Auftreten speziell dieser Thromboseform kann schwerwiegend sein, Krankenhausaufenthalt und Tod zur Folge haben. Wie kann also vor diesem Hintergrund eine Empfehlung lauten, weiter zu impfen?

Risiken und Nutzen unter pandemischen Bedingungen abwägen

Die Argumentation der EMA: Der Gesamtnutzen des Impfstoffs bei der Vorbeugung von Covid-19 überwiegt mit Blick auf die Daten weiterhin deutlich die Risiken seiner Nebenwirkungen. Eine an diesem Donnerstag erschienene Studie von Forschenden aus Oxford mit einem Datenvergleich von Geimpften und an Covid-19 Erkrankten verdeutlicht nun ebenfalls, wie eindeutig die Abwägung ausfällt.

Auch wenn, wie es auch die Studienurheber einräumen, alle Vergleiche mit Vorsicht interpretiert werden müssen, weil während der Impfkampagnen weltweit fortlaufend weitere Daten zu aufgetretenen Fällen im zeitlichen Zusammenhang mit Impfungen generiert werden.

Vorläufig schließen die Wissenschaftler: Die Wahrscheinlichkeit solch einer Thrombose sei nach einer Covid-19-Infektion um den Faktor 100 erhöht. Dagegen falle das Thromboserisiko nach einer Impfung gegen Covid-19 deutlich geringer aus. Im Vergleich zu den mRNA-Impfstoffen sei das Risiko bei Erkrankung zehnmal höher, im Vergleich zu Astrazeneca achtmal. In absoluten Zahlen in Bezug auf eine Million Menschen heißt das laut Mitteilung zur Studie:

Bei rund 39 von einer Million Covid-19-Patienten wird ein Blutgerinnsel beobachtet.

Bei etwa fünf auf eine Million Menschen sind die Blutgerinnsel nach der ersten Dosis von Astrazeneca aufgetreten.

Bei vier von einer Million Geimpften wurden solche Fälle beobachtet, wenn ein mRNA-Impfstoff von Moderna oder Biontech erhalten wurde.

Ein Schwachpunkt der Studie: Die absoluten Zahlen erwecken den Eindruck, dass das Thromboserisiko nach einer Impfung mit Moderna und Biontech fast so hoch sei wie nach einer Impfung mit Astrazeneca.

Wahrscheinlichkeiten nicht unbedingt miteinan
der vergleichbar

Die Wahrscheinlichkeiten sind aber nicht unbedingt direkt miteinander vergleichbar, wenn es um das Risiko geht. Die in der Studie genutzten Daten kommen teilweise aus Patientendatensätzen, teilweise von der Erhebung der EMA, an die die nationalen Gesundheitsbehörden jeweils aufgetretene Nebenwirkungen melden. Unter den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna wurden zumindest laut EMA bislang keine Sicherheitsbedenken bezüglich eines erhöhten Sinusvenenthromboserisikos geäußert.

Zwei Schlussfolgerungen treten durch die Studie aber deutlich hervor, die auch der Studienautor und Oxforder Psychiatrieprofessor Paul Harrison in einer Mitteilung zur Studie benennt: „Erstens erhöht Covid-19 das Risiko einer zerebralen Venenthrombose deutlich und ergänzt die Liste der Blutgerinnungsprobleme, die diese Infektion verursacht. Zweitens ist das Covid-19-Risiko höher als bei den derzeitigen Impfstoffen, selbst bei Personen unter 30 Jahren.“ Das sei etwas, das berücksichtigt werden solle, wenn es um die Abwägung zwischen Risiko und Nutzen für die Impfung gehe.

Astrazeneca: Dänemark wägt anders als Deutschland ab

Die Länder gehen mit der Risikoabwägung der statistisch erwartbaren Nebenwirkung bei Astrazeneca mitten in der dritten Infektionswelle und einer hohen Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus zu infizieren und in der Folge schwer zu erkranken, aber ganz unterschiedlich um. In Dänemark wird die Impfkampagne nun beispielsweise ganz ohne das Vakzin von Astrazeneca fortgesetzt. Tschechien hingegen will Dänemark seine Dosen abkaufen.

Und in Deutschland hat man sich für die Aussetzung der Impfung bei den Jüngeren entschieden. Das Argument der Ständigen Impfkommission: „Basierend auf der momentanen Datenlage empfiehlt die Stiko im Regelfall die Impfung mit der Covid-19 Vakzine Astrazeneca nur Menschen im Alter über 60 Jahre, da in dieser Altersgruppe aufgrund der ansteigenden Letalität einer Covid-19- Erkrankung die Nutzen-Risiko-Abwägung eindeutig zu Gunsten der Impfung ausfällt.“

Einsatz von Astrazeneca für unter 60-Jährige nach ärztlichem Ermessen

Der Einsatz von Astrazeneca unterhalb dieser Altersgrenze bleibe indes nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoakzeptanz nach sorgfältiger Aufklärung möglich. Es bleibt von der EMA abzuwarten, wie das Urteil zum Johnson & Johnson-Impfstoff ausfällt.

Die Oxford-Forscher weisen in ihrer Studie darauf hin, dass weiter untersucht werden müsse, wie sowohl nach Covid-19-Infektionen als auch nach Impfungen so eine spezielle Hirnvenenthrombose entstehen könne. Es gibt bereits erste Erklärungsansätze. Greifswalder Forscher halten bestimmte Moleküle des Immunsystems für relevant, was auch die EMA in Betracht zieht.

Auch Wissenschaftler aus Oslo vermuten, dass die Bildung der Gerinnsel über eine starke Immunantwort und dabei entstehende Antikörper, die an die Blutplättchen andocken und diese aktivieren, laufen könnte.

Was ist eine Hirnvenenthrombose?

Hirnvenenthrombosen, auch Sinusvenenthrombosen genannt, sind Blutgerinnsel, die sich in den großen venösen Blutgefäßen im Gehirn bilden. Sie sorgen dafür, dass sauerstoffarmes Blut nicht mehr schnell genug aus dem Kopf in Richtung Herz transportiert werden kann.

Damit steigt der Druck im Schädelinneren. Betroffene entwickeln häufig Kopfschmerzen, Krampfanfälle und neurologische Ausfallerscheinungen. Auch Schlaganfälle können daraus resultieren. Frauen sind der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zufolge häufiger betroffen als Männer. Eine Hirnvenenthrombose sollte so schnell wie möglich im Krankenhaus behandelt werden.

Der Artikel "Thromboserisiko für Covid-19-Kranke deutlich höher als für Geimpfte" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland
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