Ehemaliger Soldat Putins: „Wir haben einen fürchterlichen Krieg begonnen“

Auf diesem während einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommenen Foto, bewacht ein russischer Soldat einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja.
Auf diesem während einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommenen Foto, bewacht ein russischer Soldat einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja. © picture alliance/dpa/AP
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Überraschend ist das, was Pawel Filatiew zu Papier bringt, eigentlich nicht. Geahnt haben wir es ja schon immer, dass die „schlagkräftigste“ und „gefährlichste“ Armee der Welt aus einem Haufen kränkelnder, um ihren Sold, ihre Zukunft und jede Information betrogener Männer besteht, die vieles wollen – aber keinen Krieg.

Überzeugend klingt es, weil es mal nicht von einem westlichen Experten aufgeschrieben wurde, sondern von einem, der in Putins Krieg in der ersten Reihe mitkämpfen musste. Jener Filatiew, angeblich 33 Jahre alt, hat ein Buch veröffentlicht, in dem er mit Putins Krieg, der vor allem ein Krieg Tausender namenloser Filatiews ist, gnadenlos abrechnet.

„(Am 24. Februar) wachte ich um 2 Uhr morgens (auf der Ladefläche eines Kamas-Lastwagens) auf. Die Kolonne stand irgendwo in der Wildnis, und alle hatten ihre Motoren und Scheinwerfer ausgeschaltet. Rechts und links von unserer Kolonne operierte Raketenartillerie. Ich konnte nicht verstehen: Schießen wir auf vorrückende Ukrainer? Oder vielleicht auf Nato-Streitkräfte? Oder greifen wir an? An wen richtet sich dieser höllische Beschuss?“, beschreibt der ehemalige Fallschirmjäger den Tag des Kriegsbeginns.

Ex-Soldat: Keiner wusste, was gerade passiert

Nicht einmal sein Kommandeur wusste, was da gerade passiert. Irgendwer im fernen Moskau hatte entschieden, dass ab sofort scharf geschossen würde – auf Menschen eines anderen Landes.

Weiter schreibt er im Buch, das den Titel „ZOV“ trägt, jene lateinischen Buchstaben also, die russische Soldaten an ihre Panzer schreiben. „Unsere Gefechtsbereitschaft gab es nur auf dem Papier, unsere Technik war hoffnungslos veraltet. Wir haben immer noch die gleiche Taktik wie unsere Großväter! Diejenigen, die zuerst durchbrachen, wurden zerstört. Die Jungs sagen mir, dass noch 50 Leute in ihrer Brigade sind.“

Filatiew beschreibt, dass es trotz der Kälte nur Sommeruniformen gab, dass man sich selbst Winterjacken kaufte, dass die Gewehre verrostet waren und klemmten, dass es wohl zum Selbstverständnis der russischen Streitkräfte gehörte, sich selbst zu versorgen: „(Am nächsten Tag) kamen wir im Hafen von Cherson an. Alle begannen, die Gebäude nach Nahrung, Wasser, Duschen und einem Schlafplatz zu durchsuchen. Einige fingen an, Computer und alles Wertvolle, was sie finden konnten, zu stehlen. Ich war keine Ausnahme: Ich fand einen Hut in einem kaputten Lastwagen und nahm ihn mit.“

Filatiew hat überlebt, weil er glücklicherweise nur eine leichte Verletzung davontrug, die ihn aber trotzdem tagelang peinigte. Wegen verschmutzter Augen aufgrund von Artilleriefeuer erkrankte er. Fünf Tage habe er, teilweise mit einem geschlossenen Auge, weiterkämpfen müssen, bis er evakuiert wurde.

„Der Sanitäter sagte mir, ich solle den Ärzten sagen, er habe weder Schmerz­mittel noch Spritzen.“ Er habe im Lazarett Soldaten gesehen, die stotterten, die Gedächtnisverlust hatten, und andere, die heftig tranken. Seine medizinische Versorgung habe er selbst bezahlen müssen.

Ex-Soldat wurde vorgeworfen, sich zu drücken

„Zwei Monate lang versuchte ich, mich von der Armee behandeln zu lassen: Ich ging zur Staatsanwaltschaft, ich ging zum Kommando, zum Leiter des Krankenhauses, und ich schrieb an den Präsidenten.“ Als das nichts brachte, habe er seine Entlassung aus medizinischen Gründen beantragt. Ihm sei vorgeworfen worden, sich zu drücken. „Das war ein oft genutzter Bluff, damit die Leute wieder zurück zu ihrer Einheit gehen.“

Mittlerweile hat er die Armee verlassen. Sein Buch, einige Passagen wurden von der lettischen Plattform Meduza jetzt übersetzt, zuvor waren Teile bei der Rechercheplattform Istories veröffentlicht worden, ist eine Abrechnung mit dem Krieg und seinen Führern.

„Der größte Teil der Truppen ist unzufrieden mit dem, was passiert – mit den Kommandeuren, mit Putin und seiner Politik, mit dem Verteidigungs­minister, der sich nicht um die Armee kümmert“, schreibt Filatiew. Sein Resümee: „Wir haben einen fürchterlichen Krieg begonnen. Ein Krieg, in dem Städte zerstört werden und der zum Tod von Kindern und Frauen und Älteren führt.“

Sich selbst sieht er in großer Gefahr: „Sicherlich wird es ein ‚faires‘ Gericht geben, (…), sie werden mir sagen, dass man mich gekauft hat, als Agent des Westens, aber ich kann mir das alles nicht mehr still ansehen“, so der 33-Jährige am Ende des Buches.

Der Artikel "Ehemaliger Soldat Putins: „Wir haben einen fürchterlichen Krieg begonnen“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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