Coronavirus

Wie lässt sich die Impflücke schließen – und welchen Effekt hätte eine Impfpflicht?

Angesichts immer neuer Rekorde bei den Infektionszahlen wird der Ruf nach einer allgemeinen Impfpflicht lauter. Aber welchen Effekt hat eine vorgeschriebene Impfung auf die Pandemie?
Lange Menschenschlange vor einer Impfstelle: Starke Einschränkungen für Ungeimpfte können auch zur Entscheidung für die Schutzimpfung gegen Covid-19 beitragen. © picture alliance/dpa

Lange Zeit galt in Deutschland eine Impfpflicht als ausgeschlossen. Doch die aktuellen Corona-Zahlen sind dramatisch: Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz ist erneut auf einen Höchststand gestiegen. Der Präsident der Intensivmedizinervereinigung Divi hat an die Politik appelliert, sich für den Fall einer weiter ungebremsten Corona-Ausbreitung zu wappnen. Und so nimmt die politische Debatte über eine Impfpflicht plötzlich an Fahrt auf.

Auch Fachleute aus Wissenschaft und Medizin plädieren vermehrt für diese Option. „Impflicht ist ok“ heißt etwa der Titel des neuesten Videos der bekannten Youtuberin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim. Und Umfragen zeigen: Auch immer mehr Menschen in Deutschland befürworten eine Impfpflicht.

Impfungen entlasten das Gesundheitssystem

Der Zusammenhang zwischen Impfungen und einem Pandemieende ist klar: Wer nicht geimpft wird, wird sich früher oder später mit dem Virus infizieren. Das ist unvermeidbar, weil Sars-CoV-2 immer weiter in der Welt kursieren wird. Eine Impfung bietet Schutz vor schwerer Erkrankung und Tod – und trägt so zur Entlastung des Gesundheitssystems bei. Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung betrifft in diesem Kontext nicht nur die eigene Person.

In der Gruppe der 18- bis 59-Jährigen sind bisher rund 25 Prozent nicht geschützt, bei den über 60-Jährigen und besonders für einen schweren Verlauf Anfälligen sind es rund 15 Prozent. Welche Möglichkeiten gibt es, diese Impflücken zu schließen – und welchen Effekt hätte das?

Indirekte und direkte Impfpflicht

Eine Möglichkeit, ist die indirekte Impfpflicht, von der bereits Gebrauch gemacht wird. Durch Regeln wie 2G in der Öffentlichkeit und 3G am Arbeitsplatz nimmt der gesellschaftliche Druck auf Ungeimpfte in Deutschland bereits zu. Es gibt gesetzlich vereinbarte Regeln, die Menschen ohne Impfung den Zugang verweigern oder erschweren – etwa bei Konzerten, bei Veranstaltungen, im Restaurant oder beim Fahren mit Bus und Bahn. „Dies hat in anderen Kontexten zur Steigerung der Impfquote geführt“, heißt es in der aktuellen Cosmo-Auswertung von der Universität Erfurt, an der zur Impfbereitschaft geforscht wird.

Ein strikteres Vorgehen ist die direkte Impfpflicht, entweder für bestimmte Gruppen wie Pflegende und Lehrkräfte – oder für alle im Land. Wer dagegen verstößt, dem droht dann ein Bußgeld. Ein Beispiel dafür sind die Pocken. Das war die erste Krankheit, gegen die überhaupt geimpft werden konnte. Der britische Arzt Edward Jenner entdeckte 1798 die Möglichkeit, Menschen zu immunisieren. 1874 wurde dann in Deutschland eine breite Impfpflicht gegen Pocken eingeführt.

Kinder im Alter von einem und zwölf Jahren mussten sich impfen lassen. Die Infektionskrankheit konnte, auch durch das Vorantreiben einer globalen Impfkampagne durch die Weltgesundheitsorganisation, bis 1979 ausgerottet werden. Eine Impfpflicht ist kein Impfzwang, erklärt der Bochumer Staatsrechtler Stefan Huster der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Denn niemand würde von der Polizei abgeholt.

Niedrigschwellige Impfangebote und Verpflichtung zur Aufklärung

Bevor es zu einer Corona-Impfpflicht kommt, könnte es aber zum Beispiel auch eine Verpflichtung zur Aufklärung geben, sagt Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation. Studien in den USA zeigten, dass so ein verpflichtendes Aufklärungsgespräch mit Arzt oder Ärztin Erfolg haben kann. „Das hat die Durchimpfung erhöht“, sagte die Wissenschaftlerin bei „Anne Will“. Menschen hätten so besser verstanden, dass Impfen ein sozialer Vertrag ist, der die eigene Person und das Gegenüber schützt.

Aus repräsentativen Umfragen weiß man zudem: Menschen mit einer niedrigen Impfbereitschaft und Impfverweigerer haben weniger Vertrauen in die Sicherheit der Impfung. Impfverweigerer halten die Impfung eher für überflüssig, sie wägen auch mehr Risiken und Nutzen ab. Deshalb helfen Forschenden zufolge sehr niedrigschwellige Impfangebote, mobile Impfteams, Impfen bei Betriebsärzten sowie möglicherweise Impfangebote in Geschäften oder Apotheken – begleitet von klarer Kommunikation.

Corona-Wellen auch in 2022 erwartet: Impfpflicht könnte helfen

Eine schnelle Entscheidung zur Impfpflicht wird es nicht geben. „Eine Entscheidung darüber gibt es jetzt nicht und sie würde auch von dieser Bundesregierung nicht mehr gefällt“, kündigte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin an. Sie hätte aber auch keinen kurzfristigen Effekt auf die derzeitige Infektionsdynamik. Die mindestens zwei notwendigen Dosen für die Grundimmunisierung werden im Abstand von vier bis sechs Wochen verabreicht – erst zwei Wochen nach dem zweiten Impftermin ist der Immunschutz ausreichend gewährleistet.

Anders sieht das mit Blick auf das kommende Jahr aus: Denn auch dann wird das Coronavirus weiter kursieren und es wird Menschen ohne Immunschutz geben. „Die Zeit rennt uns gerade weg. Wir sollten alle Instrumente nutzen, die wir haben“, sagte etwa die Virologin Melanie Brinkmann in der Talkshow „Anne Will“. Man müsse schon jetzt eine mögliche Impfpflicht besprechen. Dabei gehe es insbesondere um die weitere Entwicklung im Januar, Februar und März.

„Wenn das Verringern der Kontakte und das Impfen nicht intensiv gelingt, werden wir nach den jetzigen Modellierungen auch noch eine fünfte Welle bekommen“, sagte auch RKI-Chef Lothar Wieler. „Der weitere Verlauf des Winters hängt stark davon ab, was jetzt geschieht.“

RND

Der Artikel "Wie lässt sich die Impflücke schließen – und welchen Effekt hätte eine Impfpflicht?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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