Tafelchefin Ulrike Trümper organisiert die Versorgung von rund 2000 Menschen in schwierigen Zeiten. Gute Lebensmittel sind knapp, Personal wegen Corona auch. © Marcel Drawe
Lebensmittelausgabe

Unnaer Tafel: Druck durch Corona, Lebensmittelknappheit und Missachtung

Es gibt weniger gute Lebensmittel, Corona setzt Kunden wie Helfer unter Druck. Die Tafel im Kreis Unna improvisiert in einer weiterhin schwierigen Lage - und äußert einen Wunsch: Anerkennung.

Corona hat die Arbeit der Tafel im Kreis Unna erheblich verändert. Kunden und Mitarbeiter sind von neuen Formen der Not betroffen. Umso bitterer erscheint, dass die Tafel sich kaum wahrgenommen fühlt.

Mehr Kurzarbeiter brauchen Lebensmittel

„Studenten, die mit dem Bafög nicht mehr klarkommen oder Leute mit Kurzarbeitergeld sind uns früher nie begegnet“, sagt Tafelchefin Ulrike Trümper. Es sei „erschreckend, was Corona gemacht hat.“ Rund ein Jahr dauert die Pandemiekrise nun an, und während dieser Zeit beobachten Trümper und ihre Mitstreiter einen Trend. Es gebe mehr Kunden inklusive Familien, die Arbeitslosengeld II oder Kurzarbeitergeld erhalten. „Dafür bleiben die Alten weg.“

Viele Senioren versuchten, sich vor einer Ansteckung zu schützen, indem sie zu Hause bleiben. „Aber damit werden sie nicht satt.“

Sorge um Senioren, die wegbleiben

Inzwischen habe sich das Improvisieren bei der Lebensmittelausgabe an den neun Tafelstandorten eingespielt. Das Essen wird durch Fenster nach draußen gereicht oder anders an die Kunden übergeben, sodass diese die Räume nicht betreten.

Am Zentralstandort Unna-Königsborn kommt das Problem hinzu, dass es enger geworden ist auf dem Gelände. Aldi hat nebenan ein Riesenzelt aufgebaut, in dem voraussichtlich bis Ende des Jahres der Verkauf läuft, bis der Neubau an der Kamener Straße steht.

„Wir können einen Apfel hier nicht durchschneiden.“

Ulrike Trümper

Für die Tafel bedeutet dies, dass der Betrieb über den Hintereingang abgewickelt wird, wo sich die Menschen aus Lebensmittelkisten bedienen. Sie müssen Abstände einhalten, den Hof anschließend sofort verlassen. Und wenn dann auch noch Wind und Wetter dazukommen, sei das für viele abschreckend, gerade für Ältere. „Die kommen dann einfach nicht“, so Trümper. Rund 40 Haushalte würden mit dem Auto beliefert, mehr sei nicht leistbar.

Süßigkeiten kistenweise, Gemüse knapp

Die Tafel hat den Anspruch, bedürftigen Menschen nicht bloß irgendwelche Reste anzubieten, sondern gute Lebensmittel. Und gerade diese sind nun auch noch knapp. Liegt es an Ernteausfällen durch Kälte in den Produktionsländern? An corona-bedingten Transportproblemen auf dem Weg durch Europa? Jedenfalls seien Obst und Gemüse teurer geworden. „9,99 Euro für ein Kilo Paprika? Ich dachte, ich sehe nicht richtig“, sagt Ulrike Trümper.

In der Folge werde von den Händlern weniger Ware bestellt und – wenig überraschend – komme bei der Tafel viel weniger an, das übrigbliebe. Ulrike Trümper bringt die Knappheit der Lebensmittel auf den Punkt: „Wir können einen Apfel hier nicht durchschneiden.“

Auf der anderen Seite würden Händler noch Restbestände von Ostern oder sogar Weihnachten abgeben, sodass sich im Tafellager Kisten voller Süßigkeiten stapeln. Die Kunden damit zu überhäufen, sei aber auch nicht sinnvoll. Viele hätten gesundheitliche Probleme wie Diabetes. „Damit tun wir also niemandem einen Gefallen“, sagt Ulrike Trümper.

„In der Coronazeit interessiert sich keiner für uns. Das kommt erst wieder, wenn Wahlen sind.“

Ulrike Trümper über die Politik

Dank an Ehrenamtliche, Appell an Politik

Den Ehrenamtlichen, die helfen, dass der Betrieb weiterläuft, könne man nicht genug danken, sagt die Leiterin der Tafel. Mancher habe schweren Herzens aufgehört, auch aus Sorge um die eigene Gesundheit. Leider seien noch immer nicht alle Tafel-Helfer geimpft, sagt Trümper.

Viele aber blieben bei der Stange, trotz hohen Drucks: Wegen Corona dauere die Lebensmittelabholung länger, in der Zentrale dürfe nur etwa die Hälfte der sonst üblichen Mannschaft arbeiten. Dass es überhaupt möglich ist, verdankt die Tafel Luftreinigungsgeräten, die die Firma Lidl gespendet hat.

Solche Spenden, auch aus der Bevölkerung oder von der Bürgerstiftung Unna täten gut, sagt Trümper. Eine Anerkennung und mal „Nachfragen, wie es geht“, das würde sie sich aber vor allem von der Politik einmal wünschen. Sie und ihre Ehrenamtlichen hätten das Gefühl, nicht beachtet zu werden. „In der Corona-Zeit interessiert sich keiner für uns. Das kommt erst wieder, wenn Wahlen sind.“

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