Brutalität schockt junge Polizistinnen

Familienfehde vor Gericht

Mit Messer und Totschläger gingen Mitglieder von zwei verfeindeten Familienclans aufeinander los. Die Quittung gab es vor Gericht.

Vreden/Ahaus

, 02.02.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Brutalität schockt junge Polizistinnen

© picture alliance / Franziska Kra

Für den Vorsitzenden Richter am Ahauser Amtsgericht war die Verhandlungsführung bei dem Strafprozess gegen drei Brüder – 17, 21 und 22 Jahre – gestern nicht ganz einfach. In dem Prozess ging es um die Fehde zwischen zwei Familienclans, die durch tätliche Angriffe mit Messer und Teleskopschlagstock (Totschläger) eskaliert war. Die drei Brüder mit Wurzeln im Kosovo waren dabei wegen unterschiedlicher Taten angeklagt.

Zum Prozessauftakt fehlten gleich fünf der für den Vormittag geladenen Zeugen. Nachdem der Richter das Erscheinen von Zeugen aus der Familie der Angeklagten mit Nachdruck forderte, organisierten die in den Besucherreihen sitzenden, etwa 15 Zuhörer aus der Familie, dass diese Zeugen vor Gericht erschienen.

Zeugen vorgeführt

Das als Zeuge geladene Opfer, einen 26-jährigen Vredener, ließ der Richter durch die Polizei vorführen. Ebenso am Nachmittag einen weiteren Zeugen. Der – so der Eindruck des Gerichts – durch die vielen Zuhörer im Saal recht eingeschüchtert wirkte und nur sehr zurückhaltend aussagte.

Die Fehde der Familien ist nach Aussage der Angeklagten dadurch entbrannt, dass das Opfer die Mutter der Angeklagten im Mai 2017 durch ein Fenster beobachtete und sich dabei in den Schritt fasste. Das wurde beobachtet und von den Angeklagten als sexuelle Belästigung und Beleidigung gewertet. Folge war eine Prügelei vor dem Haus der Angeklagten, bei dem der 26-Jährige und auch einer der Brüder mit einem Messer verletzt wurden. Die Frau des 22-Jährigen holte sich bei dem Versuch, die Streithähne zu trennen, eine blutige Nase.

Messer brach ab

Während die Angeklagten aussagten, das Opfer habe geschlagen und ein Messer gezogen, beschuldigte der 26-Jährige die Brüder. Einer habe auf ihn eingestochen. Sein Glück sei gewesen, dass das Küchenmesser am Reißverschluss seiner Lederjacke abbrach. Gleich mehrere Zeugen konnten gestern keine Aufklärung darüber bringen, wer das Messer gezogen oder überhaupt zugeschlagen hatte. Angeklagte und Opfer beschuldigten sich gegenseitig und die Zeugen konnten keinen der Brüder eindeutig als Schläger identifizieren.

„Im Zweifel für die Angeklagten“, hieß es daher in diesem Anklagepunkt für die Angeklagten: Freispruch. Den gab es nicht für den 22-Jährigen, der am Kirmesmontag 2017 erneut auf den 26-Jährigen losging. Am Kiosk des Familienclans in der Vredener Innenstadt trafen die beiden aufeinander. Der Angeklagte schlug, so die Aussagen von zwei Polizeibeamtinnen, mit einem Teleskopschlagstock auf seinen Kontrahenten ein. Umringt waren die beiden dabei von Mitgliedern des Familienclans, die das Geschehen auch noch angefeuert haben sollen.

Brutale Schläge

„Es war eine große Traube Menschen, von der Aggressivität ausging“, schilderte eine 25-jährige Polizeibeamtin. Und: „Ich habe gedacht, der steht nicht mehr auf“, schilderte die Zeugin, dass der Angeklagte mit dem Totschläger mehrfach zuschlug. Zusammen mit ihrer Kollegin hatte sie privat die Vredener Kirmes besucht und war auf das Geschehen am Kiosk aufmerksam geworden. Beide waren auch gestern noch nachhaltig schockiert über die Brutalität, mit der der Angeklagte vorging. „Dieses Bild ist unbeschreiblich“, meinte eine 24-jährige Polizistin, dass der Angeklagte auch noch nach seinem Opfer trat, als dieses am Boden lag.

Unter anderem mit gebrochenen Fingern, Kopfverletzungen, Prellungen und Schürfwunden wurde das Opfer ins Krankenhaus gebracht. Der 26-Jährige soll aber schon am Abend wieder vor dem Kiosk gestanden und geschimpft haben – ohne Folgen. Ein paar Tage später wurden seine Brüche operiert und er verbrachte sechs Tage im Krankenhaus.

Fehde noch nicht beendet

Staatsanwalt und Gericht werteten diese Tat als gezielte Aktion. „Man hat nicht zufällig einen Totschläger dabei“, so der Richter in der Urteilsbegründung. Gleichzeitig sahen sie den Angriff als Folge monatelanger, gegenseitiger Beleidigungen, Bedrohungen und Provokationen. Dabei schlossen sie das Opfer als Handelnden aber ausdrücklich nicht aus.

Mit zwei Jahren auf Bewährung kam der Angeklagte knapp an einem Gefängnisaufenthalt vorbei. Außerdem muss er 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und die Verfahrenskosten tragen. Dass die Fehde immer noch nicht aus der Welt ist, wurde auch im Gerichtssaal deutlich. Eine Bemerkung des 26-Jährigen ließ Angeklagte und auch einige Zuhörer sofort aufspringen. Drei Justizbeamte waren sofort zur Stelle und trennten die Kontrahenten.

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