Charlotte Beck findet Motive im Alltag

Künstlerin mit französischen Wurzeln

Die Gestalt scheint ein Kinnbärtchen zu tragen. Sie schaut mit etwas verkniffenen Augen in die Ferne. Wenige dunkle Striche reichen, um die Figur zu zeichnen. Den Pinsel hat aber keine menschliche Hand geführt: Die Natur allein war am Werk, die Wasseroberfläche diente als Leinwand und das Bild aus gespiegelten Verästelungen entsteht nur im Auge des Betrachters. Die Einladung dazu hat Charlotte Beck ausgesprochen.

VREDEN

, 09.09.2016, 17:29 Uhr / Lesedauer: 3 min
Charlotte Becks Arbeiten sind vielfältig – von der Momentaufnahme einer Spiegelung im Wasser über die Metamorphose einer verwelkenden Blume bis hin zum kunstvoll ausgestalteten Studioporträt.

Charlotte Becks Arbeiten sind vielfältig – von der Momentaufnahme einer Spiegelung im Wasser über die Metamorphose einer verwelkenden Blume bis hin zum kunstvoll ausgestalteten Studioporträt.

Die Vredenerin hat das Objektiv ihrer Kamera darauf gerichtet und mit einem Kunstgriff eine neue Sichtweise eröffnet auf etwas, das jeder bei einem Spaziergang ebenfalls wahrnehmen kann: Aber sie hat das Bild schlicht um 90 Grad gedreht.

Aufbruch zu neuen Ufern

Neue Perspektiven zu entdecken, das hat die 51-Jährige schon immer gereizt. Ein Aufbruch zu neuen Ufern stellte es wohl auch dar, der vor rund drei Jahrzehnten eine junge Französin aus der Seine-Metropole an die Berkel führte. „Ich habe 1987 ein Praktikum bei Wefapress gemacht“, erinnert sie sich an ihre erste Begegnung mit der Widukindstadt. Das Interesse an der Sprache des Nachbarlandes hatte dafür den Ausschlag gegeben. „Ich wollte unbedingt Deutsch lernen“, sagt sie. Die Schule hatte den Grundstein gelegt, ein Aufenthalt in Deutschland sollte die Kenntnisse vertiefen. Dass ihre Wahl ausgerechnet auf ein Unternehmen in Vreden fiel, war kein Zufall: Der Vater einer Freundin hatte Verbindungen zu Wefapress.

Die Reise in die kleine Stadt an der niederländischen Grenze, mit dem Zug bis Münster und weiter über Coesfeld mit dem Bus, führte sie in eine andere Welt. Charlotte Beck absolvierte ihr Praktikum. Doch auch danach blieb die Verbundenheit mit Vreden bestehen. Sie kehrte nach zwei Jahren wieder zurück – „der Liebe wegen“, wie sie lächelnd gesteht.

Schritt für Schritt

Sie hatte ihren neuen Lebensmittelpunkt gefunden, auch wenn noch eine kurze Zwischenstation in der Region Straßburg folgen sollte. Schritt für Schritt kam sie innerlich mehr an im westlichen Münsterland, lernte die Art der Menschen kennen – ein Weg der Integration aus einem kulturellen Umfeld in ein anderes. Manche Hürde galt es dabei zu nehmen, aber je länger Charlotte Beck in Vreden lebte, umso vertrauter wurde ihr die neue Heimat. Sie bekam zwei Kinder, und für jede junge Mutter gibt es im familienfreundlichen Vreden viele Chancen, sich zu vernetzen. „Ich fühle mich heute heimisch hier“, sagt sie und resümiert: „Ich habe relativ schnell angedockt.“ Und wurde selbst auch aktiv, nicht zuletzt dank ihrer Liebe zur Sprache: Sie gründete eine kleine Kinderschule für Französisch, woraus sich wieder Neues ergab.

Der Weg zur Fotografie war für Charlotte Beck schon früh vorgezeichnet. „Ich fotografiere seit meinem zehnten Lebensjahr“, sagt sie. Doch als künstlerische Ausdrucksform sollte sie dieses Medium erst viel später entdecken. Ihr künstlerisches Interesse führte Charlotte Beck im Jahr 2001 in einen Malkurs bei der Volkshochschule – der Startschuss für ihre weitere Entwicklung als Künstlerin. Sie besuchte die Kunstakademie AKI in Enschede, malte weiter und kam so schließlich zur Fotografie.

Einfühlsame Aufnahmen

Charlotte Beck gewinnt nach wie vor Anregungen durch Workshops, die ihr neue Möglichkeiten zeigen. Erst kürzlich war sie zum Beispiel in Paris, um sich mit dem Thema Porträt auseinanderzusetzen. Mitgebracht nach Vreden hat sie einfühlsame, berührende Aufnahmen von Gesichtern, die in einem ganz besonderen Licht eingefangen sind – „Rembrandlicht“, erklärt sie den technischen Hintergrund.

Was macht für sie ein gutes Foto aus? „Es geht nicht um die Frage der technischen Perfektion. Ein Foto kann technisch perfekt, aber schwach sein. Ein starkes Foto muss berühren, es muss Gefühle vermitteln, Authentizität ausstrahlen.“ So wie Charlotte Beck. Die Pariserin in Vreden bleibt sich in ihren Arbeiten treu, geht leidenschaftlich gern im Alltag auf fotografische Entdeckungsreisen und rückt scheinbar Nebensächliches in den Vordergrund. Die Metamorphose einer verwelkenden Blume wird so zur tanzenden Umarmung der Vergänglichkeit.

Viele Ausstellungen

Ihre Fotografien hat Charlotte Beck schon mehrfach öffentlich gezeigt: Sie hat an Ausstellungen in Enschede teilgenommen, in Hengelo und in Bredevoort. Ganz wichtig ist für sie aber auch das Café Wien der Bäckerei Geelink an der Freiheit in Vreden, wo Fotos von Charlotte Beck schon zu sehen waren – und ab 17. September wieder sein werden. Wer mag, kann dort selbst eine Reise in die eigene Fantasie wagen und sich von den malerischen Reflektionen auf die Sprünge helfen lassen, von den feinen Verästelungen auf einer Wasseroberfläche, gesehen durch das Auge der Fotografin, neu gezeigt durch die Hand der Künstlerin Charlotte Beck.

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