Denkmalschutz für Spinnerei: Hässlicher Betonklotz oder architektonisches Meisterwerk?

hzBierbaum-Gelände

Ist die alte Spinnerei Huesker in Vreden ein Denkmal? Mit dieser Frage muss sich die Politik nach einem Antrag beschäftigen. Das Gebäude hat durchaus einen historischen Wert.

Vreden

, 06.11.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für die einen ist sie ein hässlicher Betonklotz, für die anderen ein architektonisches Meisterwerk. Die alte Spinnerei Huesker an der Ottensteiner Straße soll unter Denkmalschutz gestellt werden. Das hat ein Bürger beantragt. Auch der Verein „Neue Spinnerei Vreden“ unterstützt das.

Hans-Georg Schepers, Beisitzer im Vorstand des Vereins und beruflich in den Bereichen Bauen und Technik unterwegs, beschäftigt sich schon lange mit der alten Spinnerei. Er nennt das Gebäude „sehr außergewöhnlich“ und „ein architektonisches Meisterwerk aus dem Jahr 1926“.

„Es ist aus der Stilrichtung des Bauhaus und das erste Bauwerk in Stahlbeton-Skelett-Bauweise, das in Deutschland im Hochbau erstellt worden ist. In allen Fachbüchern über Architektur wird dieses Industriedenkmal in Vreden schon 1927 als Musterbeispiel für moderne Bauweise beschrieben“, sagt Hans-Georg Schepers.

Architektur-Musterbeispiel präsentiert sich in schlechtem Licht

Aber auch er muss zugeben, dass sich das Gebäude zurzeit nicht von seiner besten Seite zeigt: „Ich kann den Unmut darüber, dass es im Moment so hässlich aussieht, verstehen. Das Bauwerk ist optisch in ein schlechtes Licht geraten.“

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Ende der 80er-Jahre wurden die großen, charakteristischen Fenster zugemauert. Denn im Inneren lagern hochwertige Textilien, denen Sonnenlicht schaden würde. „Der schlechte optische Eindruck ist also nicht durch Verfall oder Alter entstanden. Das Gebäude ist weder baufällig noch marode“, meint Hans-Georg Schepers.

Seiner Meinung nach könne das Bauwerk seine „architektonische Qualität“ wieder zeigen, sobald die Fenster geöffnet werden. Das wäre der „geringste Aufwand aller Baumaßnahmen“.

LWL sieht die alte Spinnerei nicht als Denkmal

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) kommt dennoch in einem Gutachten, das der Redaktion vorliegt, zu dem Schluss, dass es sich bei der alten Spinnerei Huesker nicht um ein Denkmal handelt. Die Begründung: „Die ehemalige Nutzung als Spinnerei ist kaum ablesbar und das Gebäude mutet eher wie ein Silo an. Die einzig erhaltene Ausstattung aus der Zeit des Spinnereibetriebes ist wohl die Klimaanlage.“

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Unter Denkmalschutz könne das Gebäude deswegen nicht gesetzt werden. Der LWL hält die Spinnerei aber nichtsdestotrotz für erhaltenswert, „weil sie ganz besonders anschaulich die Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Stadt als Industriestandort während des 19. und 20. Jahrhunderts dokumentiert“.

Außerdem markiere das Bauwerk den Ortseingang von Vreden und habe „eine stadtbildprägende Bedeutung“. Deswegen empfiehlt der LWL, das Gebäude in einen Denkmalpflegeplan der Stadt aufzunehmen.

Stadt Vreden will keinen Denkmalpflegeplan aufstellen

So einen Plan hat die Stadt Vreden aber nicht. Das schreibt die Verwaltung in der Sitzungsvorlage für den Kulturausschuss. Auf einer Seite wird dort erklärt, wie kompliziert es wäre, einen Denkmalpflegeplan aufzustellen, wie viele Stellen beteiligt werden müssten und wie lange das dauern würde.

Deswegen kommt die Verwaltung zu dem Schluss: „Letztendlich ist infrage zu stellen, ob Vreden aufgrund seiner geringen Anzahl historischer Gebäude überhaupt für die Aufstellung eines Denkmalpflegeplans prädestiniert ist.“

Nachbarn nennen die Spinnerei einen „Betonklotz“

Auch die Anwohner sind mit den Plänen des Vereins „Neue Spinnerei Vreden“ nicht einverstanden. Das schreiben sie in einem Brief an die Verwaltung. Darin heißt es unter anderem: „Auch für das Stadtbild wäre ein Abriss des Betonklotzes ein Gewinn.“

Hans-Georg Schepers ist da anderer Meinung. „Jetzt ist der Zeitpunkt, tätig zu werden. Die Spinnerei ist das letzte Gebäude in Vreden aus den Anfängen der Industrialisierung. Gegen den Abriss müssen wir jetzt was unternehmen“, meint er.

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Wenn die Spinnerei unter Denkmalschutz stehen würde, dürfte der jetzige Eigentümer das Gebäude nicht abreißen. Das ist aber sein Plan, denn er möchte dort ein E-Center und Wohnungen bauen.

Über den Antrag auf Denkmalschutz wird am Mittwoch und Donnerstag in den Fachausschüssen beraten. Initiator Markus Bußmann stellt seine Pläne zum Erhalt der Spinnerei im Bauausschuss am Donnerstag, 7. November, um 18 Uhr im Rathaus vor.

Die alte Spinnerei Huesker

  • Das Unternehmen Huesker wurde 1861 in Gescher gegründet. 1876 wurde die Weberei in Vreden gebaut. Damit erhielt die Textilindustrie Einzug in Vreden.
  • Daraufhin kamen weitere Textilfabrikanten nach Vreden 1914 arbeiteten 450 Menschen in dieser Branche, 1962 waren es sogar mehr als 1000 Mitarbeiter.
  • Die Weberei in Vreden war mit 100 Webstühlen ausgestattet. Um diese mit Garn zu versorgen, wurde 1926 die Spinnerei auf dem Gelände gebaut.
  • Die Weberei gibt es schon lange nicht mehr. Die Spinnerei wird seit den 80er-Jahren von der Firma Bierbaum als Lager für Textilien genutzt.
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