Die Musik der 80er-Jahre ist auch heute noch beliebt. Doch die Discotheken, in denen sie gespielt wird, haben sich verändert. In Vreden gibt es nur noch eine kleine Tanzfläche.

Vreden

, 26.07.2018, 13:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In den 80er-Jahren war Vreden eine Disco-Hochburg. Doch davon ist nicht mehr viel übrig. Im ehemaligen Colosseum an der Bahnhofstraße werden heute Tapeten und Bastelutensilien verkauft, über dem Starlight (später Mecky’s) an der Twicklerstraße stehen inzwischen Regale mit Shampoo, Windeln und Rasierklingen und Kleines Bierkeller am Markt (später Brauhaus) wird abgerissen. Ähnlich ist es in den vergangenen Jahren vielen Clubs und Großraumdiscotheken in Nordrhein-Westfalen ergangen. Die Partynächte von früher sorgen heute für nostalgische Gefühle. In den einschlägigen Facebook-Gruppen tauchen regelmäßig alte Werbeanzeigen, Fotos und manchmal auch Videos der heiß und innig geliebten Kultlokale auf und sorgen für Gesprächsstoff.

Auch einen Facebook-Post der Münsterland Zeitung haben mehr als 100 Leute kommentiert. Ein Bild des Tanzlokals Kalifati in Ahaus regt die Nutzer dazu an, in eigenen Erinnerungen zu schwelgen. Michaele Beier zum Beispiel erzählt, dass sie jeden Freitag, Samstag und auch den Sonntagnachmittag bei Mecky’s oder in Kleines Bierkeller verbracht hat. „Und auf dem Weg nach Hause eine Pizza auf die Hand. Wenn es noch nicht hell war“, schreibt sie, gefolgt von einem grinsenden Smiley.

Die Zeit der Dorf-Discos und Tanzlokale ist vorbei

Mit diesem Aufkleber hat die Disco Starlight in Vreden damals geworben. © Anita Mai

Broadway in Ahaus, Huby in Graes, Attahöhle in Epe, Fantasy in Dülmen, Fabrik in Coesfeld, Bülten in Ottenstein, Queen’s Pub in Stadtlohn oder Dancing Corner in Ottenstein – um ordentlich abzutanzen haben die Vredener auch mal die eigene Stadt verlassen. Die Erinnerungen an diese Zeit sind durchweg positiv, doch es schwingt auch Wehmut mit. Martina Göring schreibt: „Einfach geil, diese kleinen Schuppen. Tausendmal besser als diese riesigen Disco-theken, wo man nicht mal Plattenwünsche äußern kann und nur ein bis zwei Musikrichtungen laufen. Schade, dass es diese kleinen Tanzschuppen hier nirgends mehr gibt.“

Tatsächlich gibt es in Vreden keine richtige Disco mehr. Von einem „Discothekensterben“, will Stephan Büttner, Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT) im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), aber nicht sprechen. „Wir erleben hier in den vergangenen Jahrzehnten eine Marktbereinigung, die in absehbarer Zeit wohl ihre Talsohle erreichen wird“, sagt Stephan Büttner. Laut einer Dehoga-Statistik gab es 2011 bundesweit 2259 Disco- und Tanzbetriebe, 2016 waren es nur noch 1986. Aktuell gibt es laut dem BDT-Geschäftsführer rund 1500 Tanzlokale. Zahlen für die einzelnen Bundesländer hält man beim Verband nicht bereit.

Die Zeit der Dorf-Discos und Tanzlokale ist vorbei

In den 80er-Jahren sorgten auch diese Djs für volle Tanzflächen: : Reinhard Kemper, Udo Thesing, Dirk Röddiger, Arno und Rolf Elsing

In Vreden ist Tanzengehen inzwischen schwierig geworden. Lange war die Neue Meile noch ein Anlaufpunkt für junge Leute, doch sie hat Anfang 2016 endgültig geschlossen. Auch das Party-Event Szene80 gibt es nicht mehr. Tanzen kann man in Vreden nur noch im Jugend- und Kulturcafé N-Joy – zu Musik von DJ Rolf Elsing, der von 1984 bis 1990 auch in Mecky’s Disco aufgelegt hat. „Geändert hat sich vor allem das Ausgehverhalten. Mecky’s zum Beispiel hatte an vier Tagen die Wochen offen und war immer gut gefüllt. Heute ist eigentlich nur noch der Samstag der Ausgehtag. Selbst freitags ist es schwer“, sagt Rolf Elsing.

Kleine Lokale überleben, Großraumdiscos verschwinden

Tatsächlich wird das N-Joy nur noch am Samstagabend zu einer Disco. Unter der Woche und tagsüber öffnet Rolf Elsing die Türen zum Beispiel für Familienevents, Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern. Außerdem gibt es immer wieder Konzerte, Motto-Partys oder Kickermeisterschaften. Diese Individualität macht das N-Joy aus. „Früher gab es überall die typischen Dorfdiscos. Die sind dann verschwunden und die Großraumdiscos kamen. Die sind wiederum verschwunden, weil die jungen Leute heute vor allem auf Festivals gehen“, sagt Rolf Elsing.

Ähnlich sieht es Stephan Büttner vom BDT. Der Trend gehe in den vergangenen Jahren mehr in Richtung kleinere Clubs. „Es überleben nur noch professionell geführte Lokale dauerhaft, deren Betreiber Trends nicht verschlafen. Denn wer pennt, kann schnell seine Existenz verlieren.“ Und: „Einfach Musik zu spielen und die Türen zu öffnen, reicht schon lange nicht mehr aus“, sagt Büttner.

DJ Rolf Elsing definiert seinen Laden vor allem über die Musik. „Früher mussten wir schwere Plattenkisten schleppen und sind jede Woche weit gefahren, um die neuesten Platten zu bekommen“, erinnert er sich. Heute könne man sich zwar mit ein paar Klicks am Computer die Top Ten herunterladen, aber: „Wer etwas Besonderes sucht, braucht immer noch viel Zeit, weil er auf vielen unterschiedlichen Plattformen suchen muss.“ Die Tanzfläche im N-Joy sei zwar klein, doch wenn es zu voll wird, werde eben auch auf dem Platz und der Straße davor getanzt.

Es gibt durchaus genug Feierwütige

Rolf Elsing setzt außerdem nicht nur auf das N-Joy. Er betreibt zusammen mit dem Gastronomen Michael Meyerink den Berkelbeach. Die beiden veranstalten dort zum Beispiel das Badewannenrennen oder zuletzt auf dem Domhof das Public Viewing zur Fußball-WM.

Obschon die Zahl der Tanzbetriebe massiv zurückgegangen ist, strahlt man beim Branchenverband Optimismus aus: Auch in Zeiten der Digitalisierung, von Online-Kennenlernportalen und weiteren Mitbewerbern um die Gunst der 18- bis 25-Jährigen, verweist Büttner darauf, dass der Besuch von Discos und Clubs nach wie vor an der Spitze der Freizeitaktivitäten stehe. „Von den 6,5 Millionen jungen Menschen in Deutschland gehen an den Wochenenden gut 1,5 Millionen regelmäßig in die Clubs.“ Von Ausgehmüdigkeit könne daher nicht die Rede sein.

Die Zeit der Dorf-Discos und Tanzlokale ist vorbei

So sah die Disco Starlight in Vreden von innen aus. Hier wurde ordentlich getanzt. © Anita Mai

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