Ein Freispruch, fünf Einstellungen und zwei Bewährungsstrafen nach Kirmes-Prügelattacke

hzGerichtsprozess

Eine Familienfehde, acht Angeklagte, ein Schwerverletzter. Am Freitag hatte es das Gericht schwer, die Prügelattacke auf der Kirmes 2017 zu erhellen. Am Ende gab es zwei Bewährungsstrafen.

Vreden

, 26.10.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Anspannung stieg am zweiten Prozesstag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen plötzlich spürbar an. „Er ist da“, raunte einer der Justizvollzugsbeamten seinen drei Kollegen im Gerichtssaal zu. Einer der Wachtmeister streifte sich vorsichtshalber die Lederhandschuhe über, als der 28-jährige Zeuge in den Gerichtssaal geleitet wurde. Der Mann, der hier aussagen sollte, war schon häufiger vor Gericht unter Alkohol- oder Drogeneinfluss als äußerst aggressiv aufgefallen.

Attacke mit Baseballschlägern und Totschlägern

Doch an diesem Freitag sagte der 28-Jährige vor dem Schöffengericht in Ahaus nicht als Angeklagter, sondern als Opfer aus. Und er zeigte sich höflich und verbindlich. Am Kirmesmontag 2017 war der 28-Jährige von einer Gruppe brutal zusammengeschlagen worden. „Die sind sofort mit Baseballschlägern und Totschlägern auf mich zugestürmt. Sie haben sofort zugeschlagen. Ich bin gestürzt, aber sie haben nicht aufgehört zu schlagen.“

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Sie – das sind die Mitglieder einer Großfamilie, mit denen der 28-Jährige schon lange zerstritten ist. Wechselseitige Provokationen hatten sich schon lange vor der Kirmes immer weiter aufgeschaukelt. Die Eskalation am Kirmesmontag hatte einen blutigen Ausgang, den die Vertreterin der Staatsanwaltschaft „als absolut brutales Vorgehen“ bezeichnet, das auch einen tödlichen Ausgang hätte nehmen können.

Opfer schwer verletzt

Der 28-jährige trug nach den Schlägen mit Teleskopschlagstöcken Platzwunden am Hinterkopf und im Gesicht davon. Zwei Finger erlitten komplizierte Brüche, die operiert werden mussten. Der Haupttäter, ein 22-jähriger Vredener ist schon vor eineinhalb Jahren zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden.

Widersprüchliche Aussagen

Das 28-jährige Opfer der Prügelattacke zeigte am Freitag auf weitere Schuldige, jedenfalls aus seiner Sicht. Mindestens sieben der acht Angeklagten im Alter von 18 bis 49 Jahren seien entweder mit Baseballschlägern oder Totschlägern auf ihn losgegangen. Das Gericht hatte keinen Zweifel an den schweren Verletzungen des Opfers, wohl aber die Zuordnung zu den einzelnen Tätern. Die Beschuldigten selbst äußerten sich nicht zu den Vorwürfen. Und die Aussagen von Zeugen waren widersprüchlich oder wenig erhellend.

Ein Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes sagte am Freitag aus: „Es ist ja schon lange her, und es war auch schon dunkel.“

Eine 36-jährige Zeugin erklärte: „Da war eine Frau, die hat mehrfach zugeschlagen.“ Näher beschreiben könne sie die Frau aber nicht.

Ein 43-jähriger Zeuge erinnerte sich, dass „da ein Junge am Boden gelegen hat und eine Frau auf ihn einschlug. Ich glaube, sie hat ein Kopftuch getragen. Genau weiß ich das aber nicht. Da war ja ein richtiger Tumult.“

Ein weiterer Zeuge, ein 22-jähriger Vredener, wurde in Handschellen vorgeführt, weil er zurzeit in Haft sitzt. Widerwillig erklärte er: „Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe nichts gesehen.“

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„Das war eine sehr, sehr schwierige Beweisaufnahme“, erklärte am Ende die Vertreterin in der Staatsanwaltschaft. Weil das Ausmaß der Tatbeteiligung von vier jungen Männern im Alter von 18 bis 23 Jahren nicht eindeutig geklärt werden konnte, wurde das Verfahren gegen sie teils gegen Geldauflage oder Sozialstunden eingestellt.

Ein 49 Jahre alter Angeklagter war jedoch von einer Polizeibeamtin, die privat die Kirmes besucht hatte, eindeutig als Täter identifiziert worden. Er habe mit einem Totschläger zugeschlagen. Auch die Tatbeteiligung eines 42-Jährigen hatte die Zeugin eindeutig bestätigt. Die Staatsanwältin bezeichnete die glaubhafte Aussage der Polizeibeamtin als „echten Glücksfall in diesem Verfahren“.

Zwei Freiheitsstrafen auf Bewährung

Der bislang nicht vorbestrafte 49-Jährige wurde zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt, der bislang ebenfalls unbescholtene 42-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Beide Strafen wurden zu Bewährung ausgesetzt. Der 49-Jährige muss zudem 120 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten, der 42-Jährige 100 Stunden.

Freispruch für die Angeklagte

Die einzige Frau unter den Angeklagten wurde freigesprochen vom Vorwurf der schweren gemeinschaftlichen Körperverletzung. Das Gericht gelangte zu der Überzeugung, dass sie an der Tat nicht beteiligt war, sondern allenfalls schlichtend eingegriffen habe. Die 41-Jährige wurde allerdings wegen eines Diebstahls im Kaufhaus Woolworth, bei dem sie Ende 2018 in flagranti ertappt worden war, zu einer 1800-Euro-Geldstrafe (90 Tagessätze à 20 Euro) verurteilt.

Die 41-Jährige, die schon ein Dutzend Mal wegen Diebstahls vor Gericht gestanden hatte, war nach einer Hausdurchsuchung auch wegen gewerbsmäßigen Diebstahls und Internetbetrugs angeklagt worden. Diese Vorwürfe konnten ihr aber nach Überzeugung des Gerichts nicht mit hinreichender Sicherheit nachgewiesen werden.

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