Ein Geburtstag in Sicherheit

Flüchtlinge in Vreden

Heiligabend feiert die Familie ihren Geburtstag. Clovir kam heute vor einem Jahr zur Welt, in einem fernen kleinen Ort in Syrien. Das kleine Mädchen lebt jetzt nicht mehr dort. Sie hat mit ihren Eltern Wael und Rama Darwish, ihrer Großmutter Helen Hanna und ihrem Onkel Aho ein neues Zuhause gefunden, ein Zuhause auf Zeit im Pfarrheim St. Georg in Vreden.

VREDEN

, 23.12.2015, 17:26 Uhr / Lesedauer: 3 min

4109 Kilometer Entfernung weist der Routenplaner von "Google Maps" als Entfernung zwischen Al-Hasaka und der Widukindstadt aus. Die Fahrt mit dem Auto würde von dort aus 42 Stunden dauern, behauptet das Computerprogramm. Es weiß nichts von Bürgerkrieg und Zerstörung, Todesangst und der Sehnsucht nach Sicherheit. Hinter der Familie liegt eine Odyssee, die sich nicht in Stunden rechnet, sondern in Wochen und Monaten, und die vielleicht noch immer nicht zum Ziel geführt hat.

Sie hat ihr altes Leben zurückgelassen. Nichts ist geblieben, nicht einmal Bilder von dem, was einmal ihr Zuhause war. "Ich habe mit Ersatzteilen für Autos gehandelt", blickt der Mann zurück. Doch als der Bürgerkrieg ausbrach, änderte sich alles. "Die IS bedrohte uns", sagt der 34-Jährige. Wer sollte sie auch beschützen, sie, die als Aramäer dem syrisch-orthodoxen christlichen Glauben angehören? Der Terror verwandelte ihre Heimat in eine Hölle auf Erden, in der die Gewalt jederzeit über jeden hereinbrechen konnte. "Die Milizen sind gefährlich", sagt der Mann. So gefährlich, dass nicht einmal an Flucht zu denken war. Die kleine Familie wartete monatelang auf eine Gelegenheit. Als sie kam, packte der Mann sie beim Schopf. Ein Aufbruch, bei dem es für ihn kein Zurück geben kann: "Das ist ausgeschlossen", sagt er mit Nachdruck.

Mit dem Schlauchboot nach Griechenland

Der Weg begann. Zu Fuß. Die erste Station: die Türkei. "Dort konnten wir nicht bleiben", erklärt Wael Darwish. Sie hatten Angst, dort verfolgt zu werden. Die Menschen aus dem Nachbarland wissen, welche Politik die Türkei gegenüber den Minderheiten in ihrem Land betreibt. "Da waren sofort überall Schlepper", schildert Wael Darwish die Situation in den türkischen Lagern. Mit einem Schlauchboot setzten sie schließlich nach Griechenland über. Hatte die Familie keine Angst dabei? "Wir wussten, was schon alles passiert ist. Das hätte auch unser Schicksal sein können. Aber es gab keine andere Wahl. Wir wollten nach Europa. Unbedingt."

Weiter, immer weiter ging es. Wie Tausende andere auch war die Familie unterwegs auf den Pfaden, die die vielen Flüchtlinge nehmen. Die Balkanroute führte sie von Griechenland nach Mazedonien, über die nächste Landesgrenze nach Serbien und nach Ungarn. Dort begegnete ihnen wenig Freundlichkeit. Europa zeigte sein hartes Gesicht - wie im Gefängnis fühlte sich die Familie dort. Aber sie gab nicht auf. Über Österreich gelangte sie nach Deutschland, über die zentrale Aufnahmestelle in Dortmund schließlich nach Vreden.

Im Pfarrheim untergebracht

"Es geht uns sehr gut hier", sagt Wael Darwish. Sie fühlen sich wohl, was auch an dem Platz liegen mag, den sie gefunden haben: Das Zimmer für die fünfköpfige Familie liegt im Obergeschoss des Pfarrheims St. Georg. Sie haben es sich dort schon etwas wohnlich machen können. Und etwas ist anders als in anderen Unterkünften, in denen Flüchtlinge leben. Dort begegnen sich Flüchtlinge und Einheimische ganz ungezwungen - wenn sich im Erdgeschoss die Messdiener treffen und die jungen Flüchtlinge mit ihnen etwas ins Gespräch kommen zum Beispiel.

Das Kennenlernen von Land und Leuten ist für die Familie Darwish das größte Anliegen. Sie sind sich darüber im Klaren: Die Sprache ist der Schlüssel zur Verständigung. Vater, Mutter und der 14-jährige Bruder von Rama Darwish besuchen Sprachkurse. Die ersten Worte, Zahlen, kleine Sätze - kleine, aber wichtige Schritte.

Große Dankbarkeit

"Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir hier so gut aufgenommen worden sind", übersetzt Abdeh Sinharib, Mitarbeiter der Stadt Vreden, was Wael Darwish als Botschaft an die Öffentlichkeit in Deutschland vermittelt wissen möchte. Er möchte lieber jetzt als gleich etwas tun, die Ärmel aufkrempeln, arbeiten gehen: "Ich möchte auf eigenen Füßen stehen und niemandem zur Last fallen." Doch bis es soweit ist, müssen die Familienmitglieder neben der sprachlichen Hürde auch noch bürokratische nehmen. Da ist vor allem Geduld gefragt. Aber sie wissen: Sie haben als Flüchtlinge aus Syrien eine gute Bleibeperspektive.

Durchatmen also. Freude über das Ankommen in einem Land, in dem sie keine Verfolgung befürchten müssen, das beherrscht die Stimmungslage in der Familie. Ein Ankommen in der Fremde ist es für sie auch nur zum Teil. Denn für die Mitglieder der Familie ist ihr Glaube ein wichtiger Bestandteil in ihrem Leben. Und auch wenn sie als syrisch-orthodoxe Christen einen anderen Ritus feiern, hindert sie das nicht daran, heute mit zum Gottesdienst in St. Georg zu gehen: "Wo ein Kreuz ist, da sind wir zuhause." Auch haben sie bereits Kontakt zu anderen syrisch-orthodoxen Familien gefunden, die in der Region leben.

Weihnachten feiern

Wie ihre Zukunft aussehen mag? Auf jeden Fall soll es eine sein, in der die kleine Clovir frei von Angst mit ihrer Familie aufwachsen kann. Heute wird sie ein Jahr alt. Die Familie wird ihren Geburtstag feiern und gleichzeitig ihr Glück, ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen zu können. Etwas Leckeres zu essen soll es geben, an der offenen Weihnacht am Nachmittag im Pfarrheim will die Familie auch gern teilnehmen. Es wird ein anderes Weihnachten sein, als sie es zuhause gefeiert haben. Aber sie werden zusammen sein, lebendig, gesund. Clovir mag noch nicht verstehen, was ihre Mutter und ihren Vater, ihren Onkel und ihre Großmutter an diesem Tag bewegt. Aber sie wird spüren, dass sie glücklich sind.

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