Ein Jecke aus Deutschland

Vreden/Haifa Auf seinem Couchtisch liegt das Buch "Mooi oud", "Schön alt werden". Damit hat Albert Heymans (Foto) noch Probleme: "Ich finde es nicht schön, alt zu werden", sagt der 85-Jährige.

01.02.2008, 19:56 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Jecke aus Deutschland

Sieht man ihn vor sich, möchte man ihm gerne glauben. Ein stattlicher Mann, in Jeans und Turnschuhen, lachenden Augen und den Schalk im Nacken. Gut vorstellbar, wie er in jüngeren Jahren die Frauen becirct hat. Jetzt ist er müde geworden, und krank. Herzprobleme plagen ihn. Seit acht Jahren lebt der gebürtige Borkener in einem Altersheim auf dem Carmel, dem Hausberg von Haifa. Zusammen mit einer jung gebliebenen 70-jährigen Brasilianerin, die er als Pediküre im Altersheim kennen gelernt und 2002 geheiratet hat. Ihre gemeinsame Sprache ist Hebräisch. "Inie, meine erste Frau, hat uns beide noch zusammengebracht", schmunzelt Heymans. Mehr als 50 Jahre war er mit Regina Gans, seiner Jugendliebe aus Borken zusammen, bis sie kurz nach dem Umzug ins Altersheim über Nacht starb. "Sie wollte mich in guten Händen wissen, dann ging sie", ist Heymans überzeugt.

Knapp entkommen

Ein gemeinsame Biografie verbindet die beiden: Als Deutsche jüdischer Herkunft wurden ihre Familien beinahe gänzlich ausgelöscht. Sie selber entkamen nur knapp dem Zugriff durch die Nazis. Albert Heymans hat seine Erlebnisse im Krieg in dem Buch "Jude ohne Stern" nieder geschrieben, das 2003 im Vredener Achterland-Verlag auf Deutsch erschien.

In dem Buch schildert Heymans, dessen Familie auch Verwandte in Vreden hatte, die Flucht seiner Familie 1938 in die Niederlande und die Verfolgungen dort nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Frühjahr 1940. Während es Heymans durch hartnäckiges Weigern, den Judenstern zu tragen, gelingt, der Deportation zu entkommen, werden seine Eltern und Schwester in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht.

Mit falschem Pass schlägt er sich in Arnheim durch. Zuletzt taucht er als "Gerrit Kapel" bei einem Landwirt unter. Der echte Gerrit ist mittlerweile verstorben. Als Heymans 1999 zur niederländischen Buchvorstellung in Arnheim war, kam dessen Witwe auf ihn zu. "Das war einer der bewegendsten Momente meines Lebens", erzählt Heymans. "Ich habe sie umarmt und fing an zu heulen. In einem solchen Moment kann man sich nicht beherrschen."

1950 ausgereist

Nach dem Krieg verdingt sich Heymans als Helfer für Ausreisewillige in den Niederlanden und Südfrankreich. Im Dienste der zionistischen Bewegung gibt er Palästina-Landeskunde und verwaltet den Warenvorrat des Ausreiselagers in Marseille. 1950 reist er selber aus. In Israel nimmt er Kontakt auf zu Inie, die sich dort inzwischen als Krankenschwester betätigt. Die beiden heiraten und leben zunächst in Eilat, wo Heymans als Zivilist für die israelische Armee arbeitet. Danach geht er mit seiner Frau nach Nahariya, einer kleinen Küstenstadt nördlich von Haifa. Dort ist Heymans verantwortlicher Techniker für eine große Milch- und Käsefabrik, mit eigenem Haus und Ansehen, das er heute vermisst. "In Nahariya habe ich noch jeden gekannt. Das kam durch meine Tätigkeit in vielen Vereinen."

Kleine Rente

Seine niederländische Abstammung (der Vater war Holländer) ermöglicht Heymans eine kleine Rente, ohne die er sich das Heim nicht leisten könnte. "Von den Deutschen habe ich nichts bekommen. Als ich den Antrag stellen wollte, hieß es, ich sei doch niederländischer Staatsbürger und meine Flucht sei doch so etwas wie eine Heimkehr gewesen", resümiert er verbittert. Gleichzeitig lobt er die deutsche Handhabung bei der Wiedergutmachung: "Die Deutschen rechnen pauschal aus, was du beruflich hättest werden können. Gemessen daran bekommst du eine Wiedergutmachung bis an dein Lebensende." Er ist eben doch ein Jecke aus Deutschland: "Als Jecke wird hier jemand bezeichnet, der sagt, so darf das Messer nicht liegen, sondern so. Ordnungsliebend, und pünktlich sowieso." Cornelia Ganitta

Albert Heymans: Ein Jude ohne Stern. Achterland Verlags Compagnie, Bredevoort und Vreden 2003

<p>Beim Nachschlagen von Lebensdaten: Der 85-Jährige Albert Heymans im Altersheim in Haifa. Ganitta</p>

<p>Beim Nachschlagen von Lebensdaten: Der 85-Jährige Albert Heymans im Altersheim in Haifa. Ganitta</p>

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