Notarzt in Vreden: Massive Kritik und Buh-Rufe in Richtung Kreis und Krankenhaus

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Beim Infoabend zum Thema Notarzt in Vreden gab es viel Kritik am Kreis Borken und dem Klinikum Westmünsterland. Auch wenn der Ton durchaus sachlich blieb, ging es inhaltlich zur Sache.

Vreden

, 28.11.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Buh-Rufe, kritische Fragen, klare Statements und emotionale Appelle gab es bei der Informationsveranstaltung zum Thema Notarzt in Vreden am Mittwochabend. Am Ende blieb der Eindruck, dass die Vredener das Problem sehen und verstehen, mit der Lösung aber ganz und gar nicht einverstanden sind.

Rund 250 Vredener sind zur Infoveranstaltung des Kreises Borken und des Klinikums Westmünsterland in der Aula das Gymnasiums gekommen: Ärzte, Politiker, Mitarbeiter des Rettungsdienstes, Feuerwehrleute, Bürger. „Wir haben Angst, dass wir bald nicht mehr ausreichend versorgt sind“, erklärte ein Besucher die Empörung über den Abzug des Notarztes aus Vreden.

Klinikum Westmünsterland: Es fehlen Ärzte

Diese Sorge konnten auch die Vertreter von Kreis und Krankenhaus nachvollziehen. „Auch wir finden das nicht gut, aber wir mussten den Vertrag kündigen, weil wir ihn nicht mehr erfüllen können“, erklärte Ludger Hellmann, Sprecher der Geschäftsführung beim Klinikum Westmünsterland. Das stellt momentan noch den Notarzt für Vreden.

Notarzt in Vreden: Massive Kritik und Buh-Rufe in Richtung Kreis und Krankenhaus

Holger Winter und Ludger Hellmann vom Klinikum Westmünsterland und Dr. Peter Wagener vom Kreis Borken standen Rede und Antwort. © Victoria Garwer

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Um die 24-Stunden-Versorgung sicherzustellen, wären pro Standort fünf Ärzte notwendig, erklärte Ludger Hellmann. Und die fehlen in Vreden. „Stand jetzt könnten wir nicht einmal den Januar-Dienstplan füllen.“ Das liege zum einen daran, dass Ärzte keinen Notdienst mehr fahren wollen. Sie legen mehr Wert auf Freizeit als früher und seien finanziell nicht auf die zusätzlichen Dienste angewiesen. Zum anderen sei das Westmünsterland als ländliche Region einfach nicht attraktiv für junge Ärzte.

Rahmenbedingungen für Notärzte attraktiver machen

Das wollten die Vredener im Publikum nicht einfach so hinnehmen. „Die Umstrukturierung Ihres Hauses ist doch Grund dafür, dass kein Arzt mehr herkommen möchte. Das Vredener Krankenhaus hat ja nur noch die Geriatrie und die Rheumatologie. Natürlich ist das für junge Ärzte nicht attraktiv“, meinte ein Mann in Richtung Klinikum Westmünsterland.

Eine Frau forderte das Klinikum zudem auf: „Dann machen Sie doch die Rahmenbedingungen attraktiver, ändern Sie das System.“ Die Antwort von Ludger Hellmann: „Das liegt nicht in meiner Macht, das muss der deutsche Gesetzgeber tun.“

„Hier wird auf Kosten von Menschleben gespart“

Auch am Kreis Borken gab es einige Kritik. „Hier wird auf Kosten von Menschenleben gespart. Das geht gar nicht!“, sagte eine Frau aus dem Publikum. „Wenn Sie mir das Geld geben...“, startete Hanjo Groeschel, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis, eine Erklärung.

Notarzt in Vreden: Massive Kritik und Buh-Rufe in Richtung Kreis und Krankenhaus

Hanjo Groetschel, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes, im Gespräch mit dem Moderator des Infoabends Jens Stachowitz (r.). © Victoria Garwer

Laute Buh-Rufe und Pfiffe schallten ihm aus dem Publikum entgegen. Und noch mehr Kritik: „Der Kreis ist dafür zuständig, die notärztliche Versorgung sicherzustellen. Also machen Sie das bitte auch“, forderte der Vredener Hausarzt Franz Rotering. Schließlich gehe es dem Kreis finanziell gut.

Krankenkassen rudern beim Thema Notarzt zurück

Auf die darin mitschwingende Frage, warum der Kreis nicht einfach selber den Notarzt finanziert, bekam er von der Bühne keine Antwort. Später erklärte Ordnungsdezernentin Dr. Elisabeth Schwenzow gegenüber unserer Redaktion: „Das wurde im Kreis politisch diskutiert und es war die einstimmige Meinung, dass wir das nicht machen können. Wir müssen die gesamte Region betrachten.“

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Eigentlich bezahlen die Krankenkassen den Notarzt. Die hatten jedoch laut Kreis Borken angekündigt, dass sie den Standort in Vreden nicht für notwendig halten. „Doch auch sie haben die Empörung hier in Vreden mitbekommen und sind inzwischen bereit, erst einmal das Gutachten abzuwarten“, so Elisabeth Schwenzow.

Notarzt soll künftig aus Ahaus und Stadtlohn kommen

In Zukunft soll der Notarzt bei Einsätzen in Vreden aus Stadtlohn oder Ahaus kommen. „Auf gleicher Fläche wird es dann nicht mehr drei, sondern nur noch zwei Notärzte geben. Das kann man drehen und wenden, wie man will: Die Versorgung wird einfach schlechter“, meinte ein Mann.

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Und genau damit haben die Vredener ein Problem. Sie befürchten, dass der Notarzt länger braucht – gerade wenn er aus Ahaus bis nach Zwillbrock muss. Auch die sinkende Zahl von Notarzt-Einsätzen ist für die meisten kein Argument. „Es gibt immer noch 360 Fälle pro Jahr, in denen ein Notarzt eingesetzt wird. Das sind 360 Menschenleben, über die wir hier reden“, sagte ein Besucher der Infoveranstaltung.

Deutlicher Appell: Erste Hilfe ist das Allerwichtigste

All die Kritik wollte ein junger Auszubildender im Rettungsdienst sich nicht länger anhören. „Sie buhen hier die Mitarbeiter des Kreises und des Krankenhauses aus. Aber da sollte sich jeder auch mal an die eigene Nase fassen. Hier sitzen Leute, die vor 30 Jahren zum letzten Mal einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht haben. Das kotzt mich an!“

Notarzt in Vreden: Massive Kritik und Buh-Rufe in Richtung Kreis und Krankenhaus

Ordnungsdezernentin Dr. Elisabeth Schwenzow erklärte, wie es mit dem Notarzt weitergeht. © Victoria Garwer

Ähnlich äußerte sich der Vredener Hausarzt Dr. Werner Ihling: „Erste Hilfe ist das Allerwichtigste. Nur daneben stehen und warten bis der Notarzt kommt, bringt nämlich gar nichts.“ Außerdem sprach er den Notfallsanitätern ein großes Lob für ihre Arbeit aus.

Für diese Anerkennung und den eindringlichen Appell gab es Applaus aus dem Publikum. Aber auf einen eigenen Notarzt in Vreden möchte trotzdem niemand verzichten. Die Vredener warten nun gespannt auf das Gutachten, das in zwei, drei Monaten vorliegen soll.

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