Klaus und Christoph Hellenthal retten den Ravenbitter vor dem Vergessen

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Fast 200 Jahre ist das Rezept in Familienhand und wird immer noch so streng gehütet wie eh und je. Klaus und Christoph Hellenthal führen das Vredener Kultgetränk in die Zukunft: den Ravenbitter.

Vreden

, 11.07.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist nicht weniger als eine Vredener Kulturkonstante: der Ravenbitter. Jener Kräuterschnaps, der schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts unverändert in Vreden destilliert wird. Beinahe wäre das Rezept vor ein paar Jahren in Vergessenheit geraten. Doch Klaus Hellenthal (59) und sein jüngster Sohn Christoph (21) sprangen in die Bresche, retteten die Familientradition und erfreuen sich heute wachsender Beliebtheit.

Geschäft ist Museum, Treffpunkt und Laden

Seit drei Jahren führen sie samstags gemeinsam das kleine Geschäft an der Mühlenstraße. Eine liebevoll gepflegte Mischung aus Laden, Treffpunkt und Museum. „Ich habe drei Genehmigungen“, sagt Klaus Hellenthal: eine zur Alkoholproduktion, eine zum Verkauf und eine zum Ausschank. Genau diese Mischung macht für Klaus Hellenthal das Erfolgsrezept aus: Ihm gehe es darum, die Familientradition und ein Stück lokale Identität zu erhalten.

42 Volumenprozent Alkohol stecken hinter dem Ravenbitter. Heute wird er auch mit verschiedenen anderen Getränken gemischt getrunken.

42 Volumenprozent Alkohol stecken hinter dem Ravenbitter. Heute wird er auch mit verschiedenen anderen Getränken gemischt getrunken. © Stephan Teine

„Die Liebhaberei ist unsere Chance“, sagt er. Reich werden könne man mit dem Betrieb nicht. Das sei aber kein Problem, weil er mehrgleisig aufgestellt sei und den Ravenbitter nur im Nebenerwerb produziert.

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Was genau sich in den braunen Flaschen befindet – Klaus Hellenthal verrät es nicht. Nicht eine Silbe des streng gehüteten Rezepts kommt ihm über die Lippen. Da kann man ihn noch so lange bitten.

Das Geschäft Tante Hedwig in der Wassermühlenstraße 3 ist immer samstags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Gleichzeitig gibt es das Angebot auch online auf www.ravenbitter.de.

Fritz Volmer, der an diesem Samstagvormittag auf einen kleinen Plausch in dem Geschäft an der Wassermühlenstraße vorbei gekommen ist, nickt wissend. „Das war früher schon so“, erzählt er. Früher, als er in den 1970er-Jahren Tante Hedwig bei der Ravenbitter-Produktion half. „Ich durfte sowieso schon nur in die Destillerie, weil ich ihr geholfen habe“, sagt er. Und weil er eben zur Familie gehörte. „Doch obwohl ich jahrelang bei der Produktion geholfen habe, bin ich nie hinter das Rezept gekommen“, sagt er und lacht laut.

Früher wurden die Etiketten noch mit Leim verklebt, um die Flaschen wiederzuverwenden. Heute gibt es den Ravenbitter in Einwegflaschen mit simplen Klebeetiketten. "Man muss sich eben auch an die Lebensmittelvorschriften halten", sagt Klaus Hellenthal. Außerdem sei die Produktion so günstiger.

Früher wurden die Etiketten noch mit Leim verklebt, um die Flaschen wiederzuverwenden. Heute gibt es den Ravenbitter in Einwegflaschen mit simplen Klebeetiketten. „Man muss sich eben auch an die Lebensmittelvorschriften halten“, sagt Klaus Hellenthal. Außerdem sei die Produktion so günstiger. © Stephan Teine

Tante Hedwig (Terrahe), war die Enkelin von Hermann Terrahe, der den Grundstein für das Familienunternehmen legte. Sie starb 1993. Bereits 1985 hatte Dr. Heinz Bernhard Wiggers die Produktion übernommen. Bei der Ahnensuche in Vreden stieß schließlich der Münsteraner Klaus Hellenthal auf den Schnaps. Er ist der Ur-Ur-Enkel von Hermann Terrahe. Die Idee, die Tradition fortzuführen war geboren. 2017 schließlich stiegen die Hellenthals ein. Da war die Produktion des Kräuterschnapses schon bedenklich zur Neige gegangen.

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Ravenbitter geht mit Klaus und Christoph Hellenthal in die nächste Generation

Der feine Kräuterbitter Ravenbitter ist so etwas wie eine Vredener Kulturkonstante: Seit bald 200 Jahren wird er unverändert destilliert. Inzwischen führen Klaus und Christoph Hellenthal die Familientradition fort. Immer samstags öffnen sie ihr kleines Geschäft an der Wassermühlenstraße.
11.07.2020
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Besonders stolz ist Klaus Hellenthal auf ein originales Brandeisen der Firma H. Terrahe. Der Heimatverein Vreden hat es ihm als Leihgabe überlassen. In solchen Reisefässern wurde der Kräuterschnaps bis ins Ruhrgebiet verkauft, als Glasflaschen noch zu teuer und unhandlich waren. "Wenn mal so ein Fass vom Wagen gefallen ist, passierte nicht viel", sagt Klaus Hellenthal. Flaschen wären sofort zerbrochen und waren damals noch zu teuer. © Stephan Teine
Der Münsteraner Klaus Hellenthal (59) stieß bei der Ahnensuche in Vreden auf den besonderen Schnaps. Sofort kam ihm die Idee, die Familientradition fortzuführen.© Stephan Teine
Flaschen aus verschiedenen Jahrhunderten. Seit 1957 ist die BIldmarke mit dem Raben übrigens geschützt. Und noch heute sind die Flaschen nur echt mit der Unterschrift von Firmengründer Hermann Terrahe.© Stephan Teine
In diesem Ledermäppchen wurde 1826 das Urrezept verschenkt. Dsa Hochzeitspaar Gerhard Schütte und Maria Anna Borries bekamen es von dem Vredener Apotheker Christoph Rave. Seither wird es in der Familie weitergegeben.© Stephan Teine
42 Volumenprozent Alkohol stecken hinter dem Ravenbitter. Heute wird er auch mit verschiedenen anderen Getränken gemischt getrunken.© Stephan Teine
Der schwarze Rabe gehört seit 1957 fest zum Ravenbitter. Damals wurde die Bildmarke geschützt. Auch im Geschäft an der Wassermühlenstraße wacht er über die Produktion.© Stephan Teine
Wieviel Klaus und Christoph Hellenthal produzieren, verraten sie nicht. "So viel, dass in den Regalen keine Lücke entsteht", ist das einzige, was Klaus Hellenthal dazu sagt.© Stephan Teine
Mit dem Geschäft in der Wassermühlenstraße 3 hat sich Klaus Hellenthal einen Traum erfüllt. Die Mischung aus Lokal, Geschäft und Museum ist genau das Richtige, glaubt er.© Stephan Teine
Ravenbitter ist eine echte Vredener Kulturkonstante. Was sich in den Flaschen genau verbirgt, wird allerdings nicht verraten. Das hält nicht nur Klaus Hellenthal so. Das ist Familientradition.© Stephan Teine
Besonders stolz ist Klaus Hellenthal auf ein originales Brandeisen der Firma H. Terrahe. Der Heimatverein Vreden hat es ihm als Leihgabe überlassen. In solchen Reisefässern wurde der Kräuterschnaps bis ins Ruhrgebiet verkauft, als Glasflaschen noch zu teuer und unhandlich waren. "Wenn mal so ein Fass vom Wagen gefallen ist, passierte nicht viel", sagt Klaus Hellenthal. Flaschen wären sofort zerbrochen und waren damals noch zu teuer. © Stephan Teine
Da gibt es keine Kompromisse: Die Destillerie hinter dem Verkaufsraum an der Wassermühlenstraße darf niemand betreten. Ganz zu schweigen davon, dass Klaus Hellenthal auch nur eine Silbe des Rezepts verraten würde.© Stephan Teine
Im Geschäft an der Wassermühlenstraße bietet Klaus Hellenthal neben dem Ravenbitter, der feinen Anisette, Marmelade und Pralinen auch andere Spirituosen aus dem Münsterland an. Außerdem gibt es einige Fanartikel.© Stephan Teine
Früher wurden die Etiketten noch mit Leim verklebt, um die Flaschen wiederzuverwenden. Heute gibt es den Ravenbitter in Einwegflaschen mit simplen Klebeetiketten. "Man muss sich eben auch an die Lebensmittelvorschriften halten", sagt Klaus Hellenthal. Außerdem sei die Produktion so günstiger. © Stephan Teine
Ein Blick auf das breite Angebot der Destillerie Hermann Terrahe Söhne aus Vreden: Curacaos, Danziger Goldwasser oder Kirsch-Rum werden aber heute nicht mehr produziert. "Zu aufwendig und zu speziell", sagt Klaus Hellenthal.© Stephan Teine
Das Geschäft an der Wassermühlenstraße ist eine Mischung aus Museum, Laden und Ausschank. "Die Coronakrise macht es leider unmöglich, sonst würden hier samstags regelmäßig Treffen stattfinden", sagt Klaus Hellenthal.© Stephan Teine
"Trinkt Ravenbitter", eine Kneipen-Werbung aus vergangenen Jahren. Schon damals ging es aber um Genuss und nicht um Maßlosigkeit. Eine andere Werbung rät dazu, höchstens zwei der hochprozentigen Schnäpse zu trinken: "Nimm eins, nimm zwei, doch keine drei, Das könnte Dich betrügen: Denn Geist ist drin – das steht dabei – Er könnte dich besiegen."© Stephan Teine
Ravenbitter und die feine Anisette – gemeinsam ergeben sie das Vredener Visitenschnäpsken: "Nich so bitter un nicht so sööte." Den Schnaps schenken die Vredener seit Jahrhunderten ihren Besuchern ein.© Stephan Teine

Erstmals urkundlich erfasst wurde die Destillerie 1887. Das Rezept kam dabei schon 1826 in die Familie. Der Vredener Apotheker Christoph Rave schenkte es Gerhard Schütte und Maria Anna Borries zur Hochzeit. Von ihnen wurde es weitervererbt. Das Ledermäppchen befindet sich noch heute in einer der Vitrinen im Geschäft. Das Originalrezept liegt inzwischen im Banktresor, doch Klaus Hellenthal hält sich genau daran. „Es war gar nicht so einfach, die alte Schrift und die Maßeinheiten zu übersetzen“, sagt er.

Strenge Geheimhaltung und Hygienevorschriften

Die Destillerie hinter den Verkaufsräumen darf auch jetzt niemand betreten. Ein Schild an der Tür gibt das unmissverständlich zu verstehen. „Das hat es früher nicht gegeben und das gibt es auch jetzt nicht“, sagt Klaus Hellenthal. Da lässt er nicht mit sich reden.

Das liegt aber nicht nur an den Geheimnissen, die sich hinter der Tür abspielen, sondern auch an den Vorschriften: „In der Destillerie werden Lebensmittel produziert“, erklärt Klaus Hellenthal. „Und da läuft mir keiner mit Straßenschuhen drin herum.“

Da gibt es keine Kompromisse: Die Destillerie hinter dem Verkaufsraum an der Wassermühlenstraße darf niemand betreten. Ganz zu schweigen davon, dass Klaus Hellenthal auch nur eine Silbe des Rezepts verraten würde.

Da gibt es keine Kompromisse: Die Destillerie hinter dem Verkaufsraum an der Wassermühlenstraße darf niemand betreten. Ganz zu schweigen davon, dass Klaus Hellenthal auch nur eine Silbe des Rezepts verraten würde. © Stephan Teine

„Vielleicht“, so sinniert er kurz vor sich hin, „vielleicht bauen wir irgendwann in Zukunft einmal eine Glasscheibe ein, so dass man etwas von der Produktion sehen kann.“ Aber das ist noch leise Zukunftsmusik. So viel verrät er dann aber doch noch: Bei der Produktion greift er noch auf viele Werkzeuge aus dem 19. Jahrhundert zurück. Die alten Kessel und Kupferfilter, die er im Schaufenster zeigt, werden alle noch regelmäßig genutzt. Auch das gehört eben zur Tradition.

Tradition trifft online auf die Zukunft

Aber a propos Zukunft: Auf die haben Vater und Sohn sich längst eingestellt. Neben dem Geschäft vertreiben sie den Ravenbitter auch online. Auch in der Gastronomie ist der Kräuterschnaps längst wieder eine feste Größe – übrigens nicht nur in Vreden: „Wir haben Partner in Münster und Berlin, die den Ravenbitter ganz oben auf der Getränkekarte führen. Die machen richtig Musik da“, sagt Klaus Hellenthal stolz.

Der Absatz sei wirklich beeindruckend. „Junge Menschen begeistern sich für urige Marken“, erklärt er. Dabei gibt es den Ravenbitter längst nicht nur in seiner puren Form: Drinks mit Ginger Ale, Orangensaft oder Wild Berry und Basilikum kommen beim Publikum sehr gut an. „Die Aromen passen einfach hervorragend zusammen“, macht Klaus Hellenthal deutlich.

Angebot um einige Spezialitäten ergänzt

Auch das Angebot im Geschäft hat er ergänzt: Neben Spirituosen aus dem Münsterland gibt es auch Orangenmarmelade mit Ravenbitter aus dem Kloster Gerleve und Ravenbitter-Pralinen von der Vredener Manufaktur Imping. „Die allerdings nur im Winter, sonst schmilzt die Schokolade“, erklärt Klaus Hellenthal. Ab September, denkt er, wird er sie wieder vorrätig haben.

Ravenbitter und die feine Anisette – gemeinsam ergeben sie das Vredener Visitenschnäpsken: "Nich so bitter un nicht so sööte." Den Schnaps schenken die Vredener seit Jahrhunderten ihren Besuchern ein.

Ravenbitter und die feine Anisette – gemeinsam ergeben sie das Vredener Visitenschnäpsken: "Nich so bitter un nicht so sööte." Den Schnaps schenken die Vredener seit Jahrhunderten ihren Besuchern ein. © Stephan Teine

Auch so gibt es für Klaus und Christoph Hellenthal genug zu tun. Ihr oberstes Ziel ist, dass es immer genug Ravenbitter gibt. „In den Regalen darf es kein Loch geben“, sagt Klaus Hellenthal. Wieviel das genau ist, wieviel er in Vreden, online oder in Münster und Berlin verkauft – es bleibt genauso geheim, wie die Zutaten oder der Produktionsprozess.

Auch das hat sich über die Jahrhunderte nicht verändert. Eben eine Kulturkonstante. Und eine wohlschmeckende noch dazu.

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