Landjugend verurteilt Übergriff

Flüchtlinge in Angst versetzt

Die Landjugend in Ellewick distanziert sich scharf von den Pöbeleien an der Flüchtlingsunterkunft im Dorf. Die darin lebenden Menschen hat das Geschehen zwar verängstigt. Dennoch betonen sie auch, dass die Menschen in Ellewick ihnen von den beiden Vorfällen abgesehen immer freundlich begegnet sind. Und Bürgermeister Dr. Christoph Holtwisch richtet unterdessen einen Appell an die Täter.

VREDEN

, 10.03.2016, 17:23 Uhr / Lesedauer: 3 min
Zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres wurde  am ehemaligen Heimathaus in Ellewick, in dem Flüchtlinge leben, ausländerfeindliche Parolen gerufen.

Zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres wurde am ehemaligen Heimathaus in Ellewick, in dem Flüchtlinge leben, ausländerfeindliche Parolen gerufen.

Betroffenheit beherrscht die Reaktionen einen Tag, nachdem bekannt wurde, was sich in der Nacht zum Sonntag in Ellewick abgespielt hat. Pöbeleien vor dem Flüchtlingsheim, ausländerfeindliche Parolen, Flaschenwürfe - zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate ist es in dem beschaulichen Dorf zu einem derartigen Übergriff gekommen (Münsterland Zeitung berichtete). Und zum zweiten Mal ereignete sich derartiges im Anschluss an eine Feier, die von der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) ausgerichtet worden war.

"Schämt euch!"

"Schämt euch!", haben die Landjugendlichen darüber geschrieben. Menschen, die vor Krieg und Unheil geflohen seien, würden von einem rechten Mob in Angst und Schrecken versetzt. Natürlich liege der Verdacht nahe, dass Gäste ihrer Party diese beschämenden Taten vollbracht hätten: "Wollt ihr, dass Ellewick/Crosewick genau wie Dresden oder Balingen als ,Nazihochburg’ betitelt wird?" Der gesamte Vorstand distanziere sich von dieser Schandtat und verurteile diese aufs Schärfste. "Wir haben vor Weihnachten Plätzchen verkauft und vom Erlös Geschenke für die Flüchtlingskinder gekauft", berichtet Vorsitzender Christof Hoffmann. Die Bemühungen würden durch solche Taten zunichte gemacht.

Jetzt lesen

Der Vorfall werde daher in keinster Weise toleriert und werde Konsequenzen nach sich ziehen: "Sollten die Täter Mitglieder der KLJB Ellewick/Crosewick sein, werden diese von künftigen Veranstaltungen ausgeschlossen und deren Mitgliedschaft wird sofort gekündigt." Die Landjugend solle nicht mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass in Verbindung gebracht werden.

Täter zur Rechenschaft ziehen

Der Abend sei von der Landjugend mit viel Engagement und Herzblut organisiert worden und habe vielen Menschen Freude bereitet. Diese Tat stelle jedoch die schönen Stunden in den Schatten: "Wir wünschen uns nach den schrecklichen Ereignissen in der letzten Zeit doch alle nichts mehr als ein ruhiges und schönes Zusammenleben und hoffen nun, dass die Täter schnellstmöglich zur Rechenschaft gezogen werden."

Die Stadtverwaltung will das Gespräch mit der Polizei suchen. Vielleicht sei es möglich, dass sie nach derartigen Feiern nachts Präsenz zeigen könne, hofft Erster Beigeordneter Bernd Kemper.

Dorf wird in schlechtes Licht gerückt

Bürgermeister Dr. Christoph Holtwisch sagte: "Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die übergroße Mehrheit der Vredener den Flüchtlingen gegenüber mitmenschlich eingestellt ist." Es seien Einzelpersonen, die ein Dorf in ein schlechtes Licht rückten. An die Täter richtete er einen Appell: "Geht zur Polizei, stellt Euch selbst - im eigenen Interesse und im Interesse des Dorfes!"

Die Flüchtlinge, die im ehemaligen Heimathaus leben, können sich diesem Wunsch nur anschließen. Normalerweise gebe es auch überhaupt keine Probleme mit den Ellewickern, wie sie im Gespräch mit unserer Redaktion betonen. Doch die nächtlichen Übergriffe haben die Menschen beunruhigt: "Wir hatten große Angst."

Dass sie nicht die Polizei alarmiert haben, hatte einen Grund: Die Bewohner berichten, dass es beim ersten Vorfall im Oktober sehr lange gedauert habe, bis die Polizei gekommen sei. Deshalb hätten sie in der Sonntagnacht gar nicht erst die Hoffnung gehabt, dass die Polizei rechtzeitig kommen würde.

Dem hält Frank Rentmeister, Sprecher der Kreispolizeibehörde, eindringlich entgegen: "Niemand sollte darauf verzichten, in einem solchen Fall die 110 zu wählen." Sicher könne es im ländlichen Raum nachts mitunter längere Anfahrtszeiten für die Streifenwagen geben. Doch genausogut könne es auch sein, dass eine Streife in der Nähe und schnell am Einsatzort sei.

Im Notfall immer die Polizei verständigen

Auch die Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben den Asylbewerbern diesen Gedanken noch einmal nahegebracht und sie aufgefordert, ohne zu zögern die Polizei zu verständigen.

Die im Ellewicker Heimathaus untergebrachten Familien aus Syrien und dem Irak leben zum Teil schon ein gutes halbes Jahr in Vreden. "Das sind nette Leute hier in Ellewick", betonen sie am Donnerstag. Gerne sind sie zu einem Gespräch bereit, fotografieren lassen möchten sie sich aber lieber nicht.

"Den Ärger haben fremde Leute gemacht"

Nach den beiden Vorfällen vor dem Heimathaus möchten die Flüchtlinge nicht, dass die Taten einiger weniger jetzt verallgemeinert werde. "Den Ärger haben fremde Leute gemacht, die betrunken waren", sagte einer der Bewohner. Dennoch ist ihnen nachts nicht mehr ganz wohl in der Unterkunft: "Wir haben keinen direkten Nachbarn. Das Haus steht sehr allein hier."

Dass die meisten von ihnen lieber in der Stadt wohnen wollen, hat jedoch andere Gründe - ganz praktische: Der Weg nach Vreden hinein sei weit, wenn sie dorthin zum Einkaufen oder zum Arzt wollen. Und wenn der Bürgerbus voll sei, müsse man eine Stunde warten, bis der nächste fährt. Doch sind das eher organisatorische Schwierigkeiten, die nichts mit Ellewick an sich zu tun haben.

 

Lesen Sie jetzt