Der Gedenkstein erinnert seit 2008 an die Pest-Toten aus Vreden. © Anne Rolvering
Pest-Friedhof

Legende vom Hilbolts Karkhoff: Einsamer, namenloser Prinz starb an Pest

Die Geschichte des namenlosen Prinzen erzählt Agnes Kleingries momentan häufig. Denn am Gedenkstein für die Pest-Toten unterhält sie sich mit Wanderern über Parallelen zur aktuellen Pandemie.

Tausende Menschen sind im Mittelalter in Vreden an der Pest gestorben. Sie wurden außerhalb der Stadt begraben, auf dem alten Friedhof „Hilbolts Karkhoff“. Agnes Kleingries vom Heimatverein kümmert sich um die Pflege des Gedenksteins an dieser Stelle. Seit mehreren Monaten trifft sie hier fast täglich Wanderer und Radfahrer, mit denen sie über die Parallelen zur jetzigen Situation in der Corona-Pandemie spricht. Ihnen erzählt die Vredenerin auch die Geschichte des einsamen, namenlosen Königssohnes.

Ganz in der Nähe des Hauses von Agnes Kleingries, vor einem kleinen „Büschken“, befindet sich „Hilbolts Karkhoff“. Ihre Mutter habe ihr erzählt, dass dort, auf Stiftsgrund und weit entfernt von der Stadt, vor hunderten von Jahren die Pesttoten aus der Stadt Vreden und dem Stift nur in Begleitung eines Geistlichen begraben wurden.

Agnes Kleingries erzählt Wanderern gerne die Geschichte des namenlosen Prinzen.
Agnes Kleingries erzählt Wanderern gerne die Geschichte des namenlosen Prinzen. © Anne Rolvering © Anne Rolvering

Im Jahr 2007 entschied sich die Gaxeler Nachbarschaft „Norbertstein“ an Engschkers Stegge, einen Gedenkstein mit Bronzetafel mit deutscher und niederländischer Inschrift für die vermutlich im Jahr 1666 gestorbenen Pesttoten aufzustellen. Spenden machten damals die Finanzierung der Bronzetafel möglich. So konnte der Gedenkstein am Sonntag, 6. Januar 2008, von Pfarrer Ansgar Drees im Beisein von rund 100 Teilnehmern eingeweiht werden.

„Vor mehr als 50 Jahren habe ich einer älteren Nachbarin fest versprochen, dafür zu sorgen, dass Hilbolts Karkhoff nicht in Vergessenheit gerät“, blickt Agnes Kleingries zurück. Guido Leeck, der Vorsitzende des Heimatvereins Vreden, hat ihr in diesem Zusammenhang berichtet, dass es früher in Wennewick auf einer Acker- und Weideparzelle an der Berkel noch einen zweiten Friedhof gab, wo vermutlich im Jahr 1350 Pest-Tote aus Vreden bestattet wurden.

Die Suche nach dem namenlosen Königssohn

Agnes Kleingries sprach mit ihm auch darüber, dass auf Hilbolts Karkhoff laut Überlieferung sogar ein unbekannter Königssohn begraben sein soll. „Er hat vermutlich im Jahr 1119 adelige Verwandte im Vredener Damenstift besucht, starb ebenfalls an der Pest und wurde abseits der anderen Toten begraben“, sagt Agnes Kleingries.

Um danach zu forschen, suchte Guido Leeck vor einigen Jahren mit der Sondengruppe des Heimatvereins Vreden auf Hilbolts Karkhoff nach Metallteilen, die auf ein Grab hinweisen könnten. „Damals fanden wir ein Petschaft, das ist ein Siegelabdruck. Das Fundstück wurde dem damaligen Hamaland-Museum übergeben“, erinnert sich Guido Leeck.

Gefundenes Siegel ist kein Hinweis auf einen Prinzen

Auf Nachfrage untersuchte Dr. Volker Tschuschke vom Kult, der sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte des Vredener Damenstifts beschäftigt, kürzlich dieses Fundstück. „Es handelt sich um ein hochovales Siegel. Diese Form spricht dafür, dass es sich nicht um ein mittelalterliches, sondern um ein neuzeitliches Siegel handelt“, erläutert Dr. Volker Tschuschke.

Der gefundene Siegelabdruck ist leider kein Hinweis darauf, dass auf dem Hilbolts Karkhoff ein Königssohn begraben liegt.
Der gefundene Siegelabdruck ist leider kein Hinweis darauf, dass auf dem Hilbolts Karkhoff ein Königssohn begraben liegt. © Kult, M. Volmer © Kult, M. Volmer

Die genaue Deutung des Siegels ließe sich, so Dr. Volker Tschuschke, vielleicht durch eine Restaurierung feststellen. Eine Siegelumschrift, und seien es nur Initialen, fehlten beim Fundstück völlig. „Das Siegel als Einzelfund deutet nicht darauf hin, dass es Teil einer Grabausstattung war, und es ist sicher nicht das Siegel eines königlichen Prinzen, denn es fehlen Krone und Länderwappen“, betont Dr. Volker Tschuschke.

Im Memorienbuch des Vredener Stiftes findet sich laut Tschuschke außerdem kein Eintrag über einen Prinzen, der in Vreden an der Pest gestorben ist: „Wer auch immer im Grab im Klosterhook liegt, hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Spannend ist aber, was die Menschen daraus gemacht haben und wie sie in ihren Erzählungen versucht haben, eine Deutung zu finden.“

Er geht davon aus, dass die Namen der Pesttoten im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen. Denn seit der letzten großen Pestwelle in Vreden haben sich mehrere Kriege und Stadtbrände ereignet. Die Gewissheit, dass neben den anderen Pesttoten aus Vreden eine für die damaligen Bewohner des Klosterhooks bedeutende Person beigesetzt wurde, wurde aber von Generation zu Generation überliefert. Daraus könnte sich die Erzählung vom namenlosen Königssohn, der dort als Pesttoter beigesetzt wurde, entwickelt haben.

Seltsame Geräusche in stürmischen Nächten

Agnes Kleingries liegt die Legende vom namenlosen Königssohn auf Hilbolts Karkhoff heute noch sehr am Herzen. Für ihre Enkelkinder schrieb sie deshalb eine Geschichte mit dem Titel „Prinz Namenlos“. Da geht es um seltsame Geräusche, die die Nachbarn im Klosterhook in stürmischen Nächten hören: „Das Reiten des Königssohnes und das leise Reiben und Klingeln vom Schwert am Sattel in Engschkers Stegge.“

So wurde es laut Agnes Kleingries von Generation zu Generation weiter erzählt: „Der namenlose Königsohn ist vermutlich im Jahr 1119 zu Besuch in Vreden gewesen, um seine Schwester zu besuchen, die Äbtissin oder Stiftsdame am hochadeligen Damenstift in Vreden war. Bei seinem Besuch in der Widukindstadt ist der Prinz ganz plötzlich an der Pest gestorben und wurde im Heidegebiet an Engschkers Stegge, in Hilbolts Büschken, ‚mit sich alleine‘ beigesetzt.“ Die anderen Pesttoten liegen einen Steinwurf weiter entfernt, auf Hilbolts Karkhoff.

Den Bewohnern aus dem Klosterhook habe der Königssohn immer leidgetan, da er jung und plötzlich sterben musste und dann noch so alleine begraben wurde. „Die Leute hier im Klosterhook glaubten, der arme Prinz litte fürchterlich unter der Einsamkeit und würde stürmische Nächte nutzen, um seinen Geist auf eine wilde Jagd zu schicken, damit er die Einsamkeit besser aushielte. So hat es mir meine Mutter erzählt“, sagt Agnes Kleingries.

Wenn auf dem Heidegebiet im kalten Winter die Erde schneebedeckt sei, könne man ein leises, wehmütiges Klagen hören. „Der arme Königssohn leidet wieder“, meinten die Leute dann mitleidig und beteten den Rosenkranz für ihren namenlosen Prinz.

Über die Autorin
Redaktion Ahaus
Jahrgang 1965, fotografiert und schreibt seit 1999 als freie Mitarbeiterin für die Münsterland-Zeitung/Lokalredaktion Vreden. Menschen, Ehrenamt, Soziales, Politik, Geschichte, Natur, Kunst und Kultur sind ihre Lieblingsthemen.
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