„Meine Geschichte ist ein Zeugnis für alle, dass das Gefängnis nicht die Endstation ist“

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Nach einer schweren Vergangenheit und Jahre der Aussichtslosigkeit lassen sich zwei Bewohner des St. Antoniusheims in Vreden firmen. Für sie ist es ein Neuanfang.

von Christin Lesker

Vreden

, 25.12.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jahrelang haben Frank Röder und Robert Möwald sich vom Glauben, von der Kirche und in gewisser Weise auch vom Leben abgewendet. Mit ihrer Taufe und Firmung an kurz vor Weihnachten wollen sie zeigen: Ich möchte neu anfangen, will etwas wieder gut machen. Ihren kommenden Lebensweg wollen die beiden bewusst mit Gott gehen.

„Was hier passiert ist, ist etwas ganz Besonderes“, erzählt Bruder Gereon, Diakon und Seelsorger des St. Antoniusheims begeistert nach der Firmfeier zweier Bewohner der Einrichtung für Wohnungslose. „Es ist ein Wunder und ein Zeichen für die Welt.“

Vom Gefängnis zum Glauben

„Meine Geschichte ist ein Zeugnis für alle, dass das Gefängnis nicht die Endstation ist“, sagt Frank Röder beim Kaffeetrinken nach der Firmfeier. Der 43-Jährige erzählt von Drogen, vom harten Entzug, den Ängsten und Schmerzen. Ein Wendepunkt in seinem Leben war der Aufenthalt im Gefängnis. „Für mich hatte das was Gutes. Ich hatte Ruhe und Zeit zum Nachdenken und konnte mich in die Bibel reinlesen.“ Das habe ihm ein Gefühl von Vergebung gegeben.

„Meine Geschichte ist ein Zeugnis für alle, dass das Gefängnis nicht die Endstation ist“

Taufwasser und Taufschale stehen für die Erwachsenentaufe bereit. © Christin Lesker

Robert Möwald ist schon fast sechs Jahre im St. Antoniusheim. Auch in seiner Vergangenheit haben Drogen und das Gefängnis eine Rolle gespielt. Genaueres möchte er nicht sagen. Anders als Frank Röder hat er sich jahrzehntelang ganz gegen den Glauben gestellt, hat T-Shirts mit einem umgedrehten Kreuz oder dem Spruch „Religion ist heilbar“ getragen. „Das war eine Trotzreaktion“, erkennt der 63-Jährige heute.

In den 1980er-Jahren war er in einer freien Kirche aktiv. „Ich habe immer gebetet und erwartet, alles ändert sich von alleine. Es hat lange gedauert, bis ich erkannt habe: Ich muss selbst etwas tun.“ Anne Berghaus ist für Betreuung und Seelsorge im Haus verantwortlich. Sie habe ihm diesen Weg gezeigt. Heute steht sie als Firmpatin neben Robert Möwald und legt im Gottesdienst freundschaftlich die Hand auf seine Schulter.

Intensive Gespräche geführt

Es ist zwei Jahre her, dass Anne Berghaus sich selbst hat firmen lassen. In der Hauszeitung hat Robert Möwald damals von ihrem Wiedereintritt in die Kirche gelesen. „Das hat mich total berührt. Ich wollte Kontakt zu jemandem, der mir diesen Weg auch zeigt. Also habe ich gebetet: Jesus, sieh zu, dass du so jemanden für mich findest. Einen Tag später habe ich Anne kennengelernt.“ Die beiden haben intensive Gespräche über ihren Glauben geführt, haben gemeinsam gebetet und einen Bibelkreis im Heim gegründet.

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„Ich war immer gläubig, aber ich habe mich vom Gemeindeleben abgewandt, als es mir schlecht ging“, erinnert Frank Röder sich. Die heutige Taufe ist sein offizieller Weg zurück. Maria hat in seinem Leben eine ganz besondere Rolle eingenommen. In Gesprächen mit anderen Christen ist er auf die Maria Gottes aufmerksam geworden. „Ich habe ein Herz für sie bekommen. Das Beten zu Maria gibt mir Ruhe, das ist ein sehr schönes Gefühl“, erklärt er.

Weil die Mutter Gottes in der katholischen Kirche eine so zentrale Rolle spielt, ist der evangelisch getaufte Frank Röder mit der Taufe im Antoniusheim zum katholischen Glauben konvertiert. „Mit der Taufe habe ich das mit Gott fest gemacht. Ich will der Welt zeigen: Christus ist mein Herr.“

Eine Taufe und zwei Firmungen

Ein paar Leute sitzen in der kleinen Euthymia-Kapelle im St. Antoniusheim in Vreden. Zwei große Taufkerzen stehen vorm Altar. „Gott schenkt im Wasser und im Geist neues Leben“, sagt Pfarrer Christoph Teberath, bevor er Frank Röder tauft und ihn anschließend zusammen mit Robert Möwald zur Firmung salbt.

Neben den beiden stehen Bruder Gereon, Seelsorger der Einrichtung und Anne Berghaus. Sie halten ihre Hände auf die Schultern der beiden. Sie sind mehr als nur Firmpaten. „Ohne die Gespräche mit den beiden hätten wir den Weg zum Glauben nicht gefunden“, erklärt Robert Möwald.

„Meine Geschichte ist ein Zeugnis für alle, dass das Gefängnis nicht die Endstation ist“

Neben der Messdienerin v.l.: Heimseelsorger Bruder Gereon, Frank Röder, Pfarrer Christoph Teberath, Robert Möwald (sitzend) und Anne Berghaus. © Christin Lesker

„Die Menschen, die bei uns wohnen, sind durch viele soziale Raster gefallen“, erklärt Reinhard Heidemann, Einrichtungsleitung. „Es ist praktisch die letzte Einrichtung, in der jemand aufgenommen wird.“ Viele sind wohnungslos, haben eine Suchtmittelabhängigkeit und in ihrem Leben schon viel durchgemacht. Das Heim sei zwar eine katholische Einrichtung, aber die meisten Bewohner hätten mit dem Glauben abgeschlossen. „Ich habe auch nicht geglaubt, dass ich jemals wieder zum Glauben finden werde“, macht Robert Möwald klar.

Der Glaube gibt Kraft

Beiden Männern hilft der Glaube mit dem Vergangenen umzugehen und es mit anderen Augen zu sehen. „Glaube gibt mir Kraft, wenn’s hart wird. Mein Glaube trägt mich“, erklärt Frank Röder. „Ohne ihn würde ich heute nicht an diesem Tisch sitzen“, macht der 43-Jährige klar.

Auch dass ihnen die Fehler der letzten Jahre vergeben werden, ist für beide ein zentraler Punkt. „Jesus schenkt mir einen Neuanfang. Er vergibt meine Sünden“, erklärt Robert Möfeld. „Die beiden haben verstanden: Gott schaut ins Herz, unabhängig davon, wer wir sind, oder was wir tun", stellt Anne Berghaus fest.

Über den Glauben und das Beten hinaus gibt die Gemeinschaft mit anderen Christen den beiden Halt. „Wir machen hier sozusagen Kirche für Arme“, erklärt Bruder Gereon. „Jeder ist willkommen, ganz egal wer er ist und wo er steht.“

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