Onlinehändler Otger Lensker (62) kämpft gegen Steuerbetrug aus Fernost

hzWettbewerbsnachteil für Versandhandel

Bis zu 30 Prozent Wettbewerbsnachteil gegenüber Anbietern aus Fernost hat Versandhändler Otger Lensker bei Produkten. Er kämpft gegen Steuerbetrug, Zollvergehen und fehlende Produkthaftung.

Vreden

, 23.02.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Seit zehn Jahren ist der Vredener Kfz-Meister Otger Lensker (62) im E-Commerce-Business unterwegs. Im Internet verkauft er zum Beispiel Werkzeug für Kfz-Mechaniker oder Autowerkstätten. Das hat er zuvor in seiner eigenen Kfz-Werkstatt getestet und nicht selten verbessert, bevor die Produkte in China für seinen Internet-Versandhandel hergestellt werden.

„Im Kfz-Bereich gibt es nicht so viele Händler. Da sind wir durchaus eine Referenzgröße.“
Otger Lensker

In den zehn Jahren, in denen Otger Lensker neben seiner Werkstatt den Versandhandel mit heute 35 Mitarbeitern aufgebaut hat, hat sich vieles verändert. Als der Unternehmer mit dem Business startete, war er in seiner Sparte auf dem deutschen Markt fast alleine. Heute ist er einer von zwei großen Händlern im Land, wenn es um Kfz-Werkstattausrüstung geht.

Otger Lensker verkauft in seinem Internet-Handel Werkstattwerkzeuge für Profis und für den Heimwerker. Viele Produkte werden in der eigenen Werkstatt getestet und dann in Abstimmung mit den Herstellern verbessert.

Otger Lensker und Johannes Röring in einer der Hallen des Vredener Unternehmens. © Bernd Schlusemann

Das einst florierende Geschäft hat sich für den Vredener in der Vergangenheit aber immer mehr zum hart umkämpften Markt entwickelt. Ein Markt, in dem heute keine Wettbewerbsgleichheit zwischen den internationalen Teilnehmern herrscht. Genau das war Grund für ein Treffen von Otger Lensker mit dem Vredener Bundestagsabgeordneten Johannes Röring.

Der Vredener Internet-händler

  • Otger Lensker handelt seit rund zehn Jahren mit Waren aus China und weiteren Staaten in Fernost.
  • Mittlerweile hat sein Unternehmen rund 25 Mitarbeiter im Versandhandel und zehn Mitarbeiter in der Kfz-Werkstatt an der Bahnhofstraße.
  • Neben dem Standort an der Bahnhofstraße hat das Unternehmen zwei Lagerhallen am Konrad-Zuse-Ring.
  • In Spitzenzeiten werden täglich bis zu 1.500 Pakete für den Versand vorbereitet.
  • Mit seinem Versandhandel erzielt Otger Lensker einen jährlichen Bruttoumsatz in Höhe von rund sechs Millionen Euro.
  • Der Händler hat sich auf Kfz-Werkstattausrüstung spezialisiert.
  • Viele Produkte werden an der Bahnhofstraße in Vreden zunächst getestet, bevor Otger Lensker sie in China von seinen langjährigen Lieferanten fertigen lässt.
  • Das verschafft dem Vredener Händler einen Vorteil. Die von ihm mitentwickelten Produkte werden aber innerhalb von China schnell auch von Unternehmen kopiert, die diese dann in Deutschland und in der EU häufig, wie zuvor beschrieben, „illegal“ verkaufen.

Das Corona-Virus war natürlich gleich zu Beginn ein Thema bei dem Treffen in der Autowerkstatt an der Bahnhofstraße. Otger Lensker hatte zu dem Zeitpunkt des Röring-Besuchs eigentlich eine China-Reise zu seinen Lieferanten geplant. „Die Reise wird storniert, das Risiko ist mir zu groß“, meint Otger Lensker.

Corona-Virus wirkt sich bis Vreden aus

Wie der Vredener berichtet, hat die Viruserkrankung bereits erste Auswirkungen bis ins Münsterland. In einer seiner großen Lagerhallen ist ein größerer Bereich frei. Dort sollten eigentlich schon Waren aus China stehen. Die sind dort aber gar nicht erst aufs Schiff gegangen, und zu einigen Lieferanten ist kein Kontakt herzustellen.

„Da geht niemand ans Telefon“, meint Otger Lensker besorgt. Zu einigen seiner Lieferanten hat der Unternehmer mittlerweile enge freundschaftliche Beziehungen aufgebaut. Die gehen soweit, dass der Vredener auch schon Unternehmer aus China bei sich begrüßt und ihnen das Münsterland gezeigt hat.

Europa hat im internationalen Handel Nachholbedarf

Doch das Corona-Virus war nicht Anlass des Treffens mit dem Vredener Bundestagsabgeordneten. „Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass der Markt so nicht mehr funktioniert.“ Otger Lensker geht es um gleiche Bedingungen im internationalen Handel. Wie sehr da Deutschland und Europa Nachholbedarf haben, das verdeutlichte er dem Politiker an einigen Beispielen.

Otger und Elke Lensker schilderten dem Bundestagsabgeordneten Johannes Röring die Problematik des weltweiten Handels für ihr Unternehmen.

Otger und Elke Lensker schilderten dem Bundestagsabgeordneten Johannes Röring die Problematik des weltweiten Handels für ihr Unternehmen. © Bernd Schlusemann

Beispiel Mehrwertsteuer: Mittlerweile verschicken Unternehmen aus China ihre Produkte auch direkt und weltweit. Bei Produkten, die nach Deutschland versandt werden, geht der Staat in einem Großteil der Fälle leer aus, was die Mehrwertsteuer angeht. Die chinesischen Händler weisen diese dem Kunden gegenüber zwar aus, der Staat hat aber keine Handhabe, das Geld auch tatsächlich einzuziehen.

Oft sei die angegebene Umsatzsteuer-ID auch einfach von deutschen Unternehmen gestohlen. Lensker: „Da gehen dem Staat viele Milliarden Euro verloren“. Und: „Unternehmen, die bei diesen Händlern kaufen, haben keine Chance auf Erstattung der Vorsteuer durch das deutsche Finanzamt.“

Otger Lensker (links) führte den Bundestagsabgeordneten durch seine Versandhallen.

Otger Lensker (links) führte den Bundestagsabgeordneten durch seine Versandhallen. © Bernd Schusemann

Beispiel Unternehmenssteuer: Viele Anbieter außerhalb von Deutschland und der EU hinterziehen sowohl Umsatzsteuer als auch Ertragsteuern wie Gewerbesteuer, Körperschaftsteuer oder Einkommensteuer. Dabei handelt es sich in der Regel umchinesische Unternehmen, die über Plattformen wie eBay und Amazon ihre Produkte anbieten. Dadurch geht dem Staat nicht nur viel Geld verloren, für heimische Unternehmen bedeutet das auch einen großen Wettbewerbsnachteil.

Beispiele für Wettbewerbsnachteile aufgezeigt

Beispiel Produktsicherheit: Wenn Otger Lensker eines seiner Produkte CE-zertifizieren lässt, kostet ihm das viel Geld. Viele Händler aus Fernost drucken dieses oder andere Zertifikat ohne tatsächliche Prüfung auf ihre Verpackung –fertig. Von Produkthaftung oder Garantie seien viele Händler aus Fernost ohnehin weit entfernt, betont der 62-Jährige. Die Firmen träten auf den großen Plattformen nicht selten mit Firmenadressen auf, die nicht existieren.

Sein Tipp an die Verbraucher: Auch auf Plattformen wie eBay und Amazon im Impressum nachsehen, wer der Verkäufer ist. Die Steuernummer kann gefälscht sein, aber die Telefonnummer kann jeder prüfen. Einfach mal anrufen und schauen, ob sich da tatsächlich jemand meldet.

„Die Steuerzahler in Deutschland zahlen für die chinesischen Händler die Entsorgung von Verpackungsmüll und Elektroschrott.“
Elke Lensker
Weitere Wettbewerbsnachteile: Die CE-Kennzeichnung ist dabei nur ein Bereich. Deutsche Händler müssen das Elektrogesetz einhalten und sich registrieren lassen, damit der Kunde im Falle eines fehlerhaften Produktes seine Rechte geltend machen kann.

Ein deutscher Händler muss das Verpackungsgesetz einhalten und nachweisen, dass seine Verpackungen ordnungsgemäß entsorgt werden. Er muss sämtliche Verbraucherrechte einhalten, was viel Geld kostet, einschließlich der Mitarbeiter der Servicehotline die er für Kundenanfragen bereitstellt, weist Elke Lensker auf weitere weitere Wettbewerbsnachteile für deutsche Versandhändler hin.

Was beim Zoll auffliegt, geht einfach an einen anderen Hafen

Beispiel Zoll: Viele Produkte aus China kommen falsch deklariert in deutschen Häfen an. Sie sind dann so ausgezeichnet, dass sie unter die Zollgrenze fallen. Bei der riesigen Menge an Containern, die täglich mit Schiffen ankommen, kann der Zoll nicht jeden Container öffnen und den Inhalt prüfen. Fällt ein Container auf, geht er nicht selten ins Ursprungsland zurück - und landet wenige Wochen später wieder in Europa, einfach in einem anderen Hafen.

Für Otger Lensker als deutschen Händler bedeuten die genannten und noch viele weiteren Unterschiede einen Preisnachteil von bis zu 30 Prozent. „Es werden Produkte im Internet zu Preisen angeboten, die kann ich für das Geld nicht einmal einkaufen“, schildert der Unternehmer dem Abgeordneten.

„Wir wollen nicht jammern, sondern sensibilisieren“

„Wir wollen nicht jammern, sondern sensibilisieren“, betont Elke Lensker (58) in diesem Zusammenhang. Die Frau des Unternehmers ist Diplom-Betriebswirtin und hat sich gerade mit dem komplexen Steuerthema intensiv auseinandergesetzt. Diese Wettbewerbsnachteile könne nicht der deutsche Staat alleine regeln, das sei ein weltweites Problem.

„China lacht über die Welt, weil die es ihnen einfach macht, Steuergesetze zu umgehen.“
Elke Lensker

Elke Lensker: „Der deutsche Gesetzgeber hat keine Möglichkeit, die hiesigen Gesetzte in China durchzusetzen“. Folge sei, dass viele Händler die deutsche Umsatzsteuer zwar kassieren, aber nicht an den Staat abführen.

Den Politiker Johannes Röring weist Otger Lensker dabei darauf hin, dass „die Chinesen so den Markt übernehmen werden“, und blickt weiter nach vorn: „Dann sind nicht nur Arbeitsplätze weg, sondern neben Umsatz- und Gewerbesteuern auch die Einnahmen der Sozialversicherungen.“

Der Bundestagsabgeordnete ist ein geduldiger Zuhörer. Am Ende gibt er aber auch zu, dass die geschilderte Thematik so komplex ist, dass es dafür Expertenwissen bedürfe. Johannes Röring betont aber, dass „der Handel fair bleiben muss“ und „Chancengleichheit da sein muss“.

Johannes Röring: Deutschland muss „noch nachlegen“

Bei Steuern und Haftung, „da müssen wir noch nachlegen“, meint der Bundestagsabgeordnete nach den detailreichen Ausführungen aus erster Hand. „Ich habe das Gefühl, dass die deutschen Behörden kapituliert haben“, spricht Elke Lensker von Hilflosigkeit.

„Entscheidend ist, dass alle gleich behandelt werden und Chancengleichheit besteht.“
Johannes Röring

Otger Lensker jedenfalls hat in seinem Kampf „David gegen Goliath“ noch nicht kapituliert. Der Inhaber eines Onlineunternehmens war in Berlin und hat den höchsten Deutschen Steuerbehörden dokumentierte Fallbeispiele vorgelegt. Auch beim Zoll hat er auf die komplexe Problematik hingewiesen.

„Es gibt viele Dinge, da ist man als Nationalstaat nicht in der Lage, diese zu regeln. Da ist sicher Brüssel gefordert“, meinte Johannes Röring am Ende des Gespräches. Nicht ohne die Zusage zu geben, das Thema in Berlin an die richtigen Stellen zu bringen und gegebenenfalls von dort auch Expertenwissen aus Vreden anzufordern. Röring: „Es ist wichtig, dass aus der Praxis Hinweise kommen“.

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