Bei einem Bürgerentscheid am 26. Mai entscheiden die Vredener über die Neugestaltung des Schulzentrums. Wir stellen vorher die Meinungen aller Seiten dar und starten mit der Verwaltung.

Vreden

, 18.05.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Bernd Kemper, Erster Beigeordneter, erscheint mit einem dicken Ordner zum Gesprächstermin über den Schulcampus und den anstehenden Bürgerentscheid. „Und das ist sicher nicht der einzige Ordner, den er zu dem Thema hat“, meint Bürgermeister Dr. Christoph Holtwisch. Seit fast neun Jahren beschäftigen sich die Mitarbeiter im Rathaus und die Kommunalpolitiker mit der Neugestaltung des Schulzentrums. Das Thema ist extrem komplex. Schule, Sport, Verkehr, Finanzen – es gibt viele Bereiche, die betroffen sind.

„Wir machen das hauptberuflich und beschäftigen uns seit Jahren damit. Das jetzt dem Bürger in allen Einzelheiten begreifbar zu machen, ist eine echte Herausforderung“, meint Christoph Holtwisch. Er, Bernd Kemper und Joachim Hartmann, Leiter des Fachbereichs Stadtplanung, versuchen es natürlich trotzdem. Schließlich sollen die Bürger am Sonntag, 26. Mai, bei einem Bürgerentscheid eine Entscheidung treffen.

Planungsphase: „Es ging immer um diejenigen, die betroffen sind“

Der Ursprung der Planung liegt neun Jahre in der Vergangenheit. Bei der Bewerbung für die Landesgartenschau kam 2010 die Idee auf, das Schulzentrum zu optimieren. Danach wurden in einem Werkstattverfahren vier Planungen entwickelt. Eine davon war der „Schulcampus 2020“, für die sich die Kommunalpolitiker im Oktober 2012 einstimmig entschlossen. In diesem ursprünglichen Plan sind die Kernpunkte der heutigen Variante bereits enthalten: keine Schulstraße und kein Widukindstadion, aber ein großer Campus zwischen den Schulen.

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Im nächsten Schritt haben Verwaltung, Politiker und Vertreter der Sportvereine und Schulen gemeinsam eine Sportentwicklungsplanung (SEP) entworfen. „Die Dinge, die da drin stehen, finden sich heute alle in dem Plan zum Schulcampus wieder“, erklärt Bernd Kemper. Konkret steht im Abschlussbericht: Eine Leichtathletikanlage, eine Geländelaufstrecke und eine Dreifach-Sporthalle mit einer separaten Halleneinheit sollen im Schulzentrum entstehen, eine 400-Meter-Bahn im Sportzentrum am Schwimmbad.

Diese Planung hat der Rat der Stadt Vreden im November 2018 beschlossen. Dagegen richtet sich der Bürgerentscheid.

Diese Planung hat der Rat der Stadt Vreden im November 2018 beschlossen. Dagegen richtet sich der Bürgerentscheid. © Stadt Vreden

„Bei der Planung haben wir also nicht unsere persönlichen Ansichten in den Vordergrund gestellt, sondern es ging immer um diejenigen, die betroffen sind“, meint Christoph Holtwisch. „Es ist schon erstaunlich, in welchem Ausmaß die Gegner des Ratsbeschlusses das jetzt ignorieren.“

Sporthallen: „Die Vereine wünschen sich eine große Halle“

Auch die Neuordnung der Sporthallen wurde bereits in der SEP mit den Vereinen und Schulen besprochen. Klar war, dass fünf neue Halleneinheiten gebraucht werden. Die Frage war jedoch, wie die aufgeteilt werden sollen. „Darüber haben wir ganz lange diskutiert. Gerade die ballsporttreibenden Vereine haben sich eine große Halle gewünscht, weil es im Winter und Herbst oft Doppelbuchungen der Hamalandhalle für Turniere gab“, erklärt Bernd Kemper.

Deswegen steht im Abschlussbericht eine große Halle, die in drei kleinere Einheiten unterteilt werden kann. Die können für den Schulsport genutzt werden. Die Gegenseite meint: Das ist viel zu laut. „Als Vergleich wird dann oft die Hamalandhalle genannt. Aber solche Hallen werden ja heute ganz anders gebaut“, meint Joachim Hartmann.

Schulsport: „Es muss niemand mit dem Bus zum Sportzentrum fahren“

„Der Schulsport ist mit der Variante D vollumfänglich möglich und wird sogar flexibler“, meint Bernd Kemper. Hinter der neuen Sporthalle sind ein Kunstrasenplatz, ein Gummiplatz, eine 100-Meter-Laufbahn, eine Wurfanlage und eine Sprunganlage geplant. Lange Laufstrecken sind auf der 400-Meter-Finnlaufbahn entlang der Berkel möglich.

„Es muss also niemand für den Schulsport mit dem Bus zum Sportzentrum fahren. Nichts ist falscher als diese Aussage“, sagt Joachim Hartmann. Nur Sonderveranstaltungen wie etwa Bundesjugendspiele, wofür eine normgerechte Rundlaufbahn nötig ist, müssten demnach am Sportzentrum stattfinden.

Verkehr: „Ohne Schulstraße erreichen wir ein Mehr an Sicherheit und ein Mehr an Platz“

Der Ratsbeschluss sieht vor, dass die Schulstraße wegfällt. „Dadurch erreichen wir ein Mehr an Sicherheit und ein Mehr an Platz“, erklärt Joachim Hartmann. Diesen Platz könne man den Schulen zur Verfügung stellen. „Auch bei zurückgehenden Schülerzahlen braucht Schule immer mehr Raum“, ergänzt Christoph Holtwisch.

Ursprünglich war geplant, einen Busbahnhof an der Widukindstraße und einen Parkplatz an der Zwillbrocker Straße zu errichten. Auf Wunsch des Rates wurden die Positionen getauscht. „Das war eine gute Idee und zeigt, wie verantwortlich die Ratsmitglieder damit umgehen“, findet Christoph Holtwisch.

So soll der Busbahnhof an der Zwillbrocker Straße aussehen.

So soll der Busbahnhof an der Zwillbrocker Straße aussehen. © Stadt Vreden

Die Grundidee der Planung ist, die Verkehrsströme Bus, Fahrrad und Auto voneinander zu trennen und so mehr Sicherheit zu schaffen. Die Bürgerinitiative argumentiert mit Zahlen der Kreispolizei und meint: Die Schulstraße ist bereits eine sichere Straße. Joachim Hartmann sieht diese Einschätzung kritisch: „Es wurde nicht gefragt, ob die Schulstraße sicherer ist als eine andere Variante. Nur weil die Schulstraße kein Unfallhäufungspunkt ist, heißt das ja nicht, dass es nicht besser gemacht werden kann.“

Campus: „Es ist nicht zwingend ein gemeinsamer Schulhof geplant“

Zwischen den beiden Schulen soll ein großer Platz entstehen. „Aber es ist nicht zwingend ein gemeinsamer Schulhof geplant. Geplant sind Räume, die es möglich machen, flexibel auf künftige Entwicklungen zu reagieren“, erklärt Joachim Hartmann. Christoph Holtwisch ergänzt: „Keiner weiß, wie die Schülerzahlen oder das Schulsystem in zwei oder drei Jahrzehnten aussehen werden. Diese Lösung bietet uns die Möglichkeit, flexibel auf Änderungen zu reagieren.“

Finanzen: „Wir können uns diese Investitionen leisten“

„Wir nehmen hier viel Geld in die Hand, egal bei welcher Variante“, stellt Christoph Holtwisch grundlegend fest. Ein Großteil der Kosten falle für die neuen Sporthallen an, ebenfalls bei beiden Varianten. Die Umbaumaßnahmen am Schulzentrum kosten bei beiden Varianten rund 17 Millionen Euro.

Die Stadt plant jedoch mit zusätzlichen 6,5 Millionen Euro für die Leichtathletikanlage mit 400-Meter-Bahn und die Vereinssporthalle des TV Vreden am Sportzentrum an der Ottensteiner Straße. „Da können wir eine normgerechte Anlage bauen, die im Schulzentrum aus Platzgründen nicht zu realisieren ist. Und wenn wir schon so viel Geld in die Hand nehmen, dann wäre es fahrlässig, eine neue Anlage zu bauen, die nicht normgerecht ist“, findet Christoph Holtwisch.

Am Sportzentrum an der Ottensteiner Straße soll eine 400-Meter-Rundlaufbahn entstehen.

Am Sportzentrum an der Ottensteiner Straße soll eine 400-Meter-Rundlaufbahn entstehen. © Stadt Vreden

Kämmerer Jürgen Buckting schreibt in einer Stellungnahme: „Die Finanzlage der Stadt Vreden ist sehr gut und wir können uns diese für die Zukunft Vredens wichtigen Infrastrukturmaßnahmen auch leisten.“ Außerdem können Fördermittel beantragt werden.

Bürgerentscheid: „Das würde uns in der Diskussion um Jahre zurückwerfen“

„Es ist völlig legitim, dass sich die Bürger mit einem Bürgerbegehren und einem Bürgerentscheid gegen einen Ratsbeschluss wehren können“, meint der Bürgermeister. Trotzdem stehe er wie auch der Rest der Verwaltung loyal zu dem Ratsbeschluss. Wenn die Bürger am 26. Mai mehrheitlich gegen den Ratsbeschluss stimmen, hätte das eine zweijährige Sperrwirkung für die jetzige Planung.

Stattdessen müsste die Verwaltung die drei Kernpunkte der Bürgerinitiative umsetzen. „Durch diese Vorgaben wäre aber noch nicht viel beschlossen. Das würde uns in der Diskussion um Jahre zurückwerfen“, sagt Christoph Holtwisch.

Zum Abschluss stellt er aber noch eines ganz deutlich klar: „Das Ergebnis der Bürgerentscheids würde den Ratsbeschluss ersetzen. Das bedeutet dann selbstverständlich auch, dass wir mit diesen Vorgaben loyal umgehen und sie umsetzen würden.“

  • Ein „JA“ beim Bürgerentscheid bedeutet, dass der Ratsbeschluss aufgehoben wird und die drei zur Wahl stehenden Forderungen der Bürgerinitiative umgesetzt werden müssen.
  • Ein „NEIN“ beim Bürgerentscheid bedeutet, dass der Ratsbeschluss umgesetzt wird. Änderungen in den Planungen bleiben weiter möglich.
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