Vredener Frank Kisfeld (40): „Uns Landwirte treibt die blanke Angst“

hzLand schafft Verbindung

Die nächste Landwirte-Demo steht an. Einer der Organisatoren: Frank Kisfeld (40) aus Vreden. Er sorgt sich um seine Zukunft und die seiner Kinder – und will die Politik zum Gespräch zwingen.

Vreden

, 27.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Frank Kisfeld hätte eigentlich genug zu tun. Auf seinem Hof in Gaxel mästet der 40-jährige Vredener rund 1400 Schweine. Dazu kommen Ackerbau, Biogasproduktion und Wald. In Vreden gehört sein landwirtschaftlicher Familienbetrieb zu den größeren Höfen.

Doch Frank Kisfeld hat Angst. Angst um seine berufliche Zukunft, die seiner Kollegen und Kinder. Angst um den eigenen Hof und den Fortbestand der Landwirtschaft in Deutschland insgesamt.

Großdemo am Donnerstag in Münster

Seit vergangenem Oktober engagiert er sich in der Bewegung „Land schafft Verbindung“ (LSV). Jener Initiative von Landwirten, die mit Traktorprotesten auf die Probleme in der Landwirtschaft aufmerksam machen will. Für Donnerstag, 28. Mai, plant die LSV wieder eine große Demonstration mit Traktoren. Sie soll nach Münster führen. Dort fordert die LSV den Rücktritt von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) und ihrem Staatssekretär Jochen Flasbarth. Laut Polizei werden rund 1000 Schlepper erwartet. Sie erwartet erhebliche Verkehrsbehindeurngen.

Landwirte kritisieren Bericht zur Lage der Natur

Kern der Kritik der Landwirte: Der Bericht zur Lage der Natur 2020,, den Svenja Schulze am 19. Mai vorgestellt hat. Darin zeichnet die Ministerin ein vernichtendes Bild für den Naturschutz: Artensterben bei Insekten und Vögeln und insgesamt Flächen in schlechtem Zustand.

Der Protest kommt an: Mit einem Anhänger bedanken sich Landwirte bei Verbrauchern, die während der Corona-Krise deutlich stärker regional eingekauft haben. Der Anhänger ist ebenfalls auf LSV-Initiative entstanden und tourt gerade durch ganz Deutschland. Am Montag stand er in Vreden.

Der Protest kommt an: Mit einem Anhänger bedanken sich Landwirte bei Verbrauchern, die während der Corona-Krise deutlich stärker regional eingekauft haben. Der Anhänger ist ebenfalls auf LSV-Initiative entstanden und tourt gerade durch ganz Deutschland. Am Montag stand er in Vreden. © Stephan Teine

„Der einzige Grund dafür soll die Landwirtschaft sein“, sagt Frank Kisfeld. Das wollen er und seine Kollegen aus ganz Deutschland nicht auf sich sitzen lassen. „Es gibt so viele Faktoren, die mit dazu gehören“, erklärt er. Das Bevölkerungswachstum, die weitere Versiegelung von Flächen, die Zunahme von Verkehr und Industrieemissionen – im Bericht der Bundesministerin sei davon keine Rede. „Wir werden wieder zu Sündenböcken gemacht“, sagt der Vredener.

Bei Verbrauchern komme der Protest gut an

Dass ihr Protest auch bei den Verbrauchern ankommt, erlebt er bei den verschiedenen Kundgebungen. „Wenn wir mit den Traktoren auf der Straße unterwegs sind, bekommen wir von 80 bis 90 Prozent der Leute Zustimmung“, sagt er. Auch Aktionen wie die Verteilung von Wildblumensamen vor Supermärkten im vergangenen Januar oder die Gespräche mit Verbrauchern kämen gut an.

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Dennoch stehe die Landwirtschaft vielen Problemen machtlos gegenüber. „In Deutschland gibt es extrem strenge Produktionsstandards“, sagt er. Das steigere natürlich den Preis. Gleichzeitig seien viele Verbraucher aber nicht bereit dazu, für Lebensmittel mehr auszugeben.

Dazu kommt der EU-Binnenmarkt: „Wenn wir unsere Produkte nicht zu den niedrigen Preisen an die Supermärkte abgeben, kaufen die das Fleisch eben in Polen“, so Frank Kisfeld weiter. Würden polnische Schweine in Deutschland geschlachtet, müsse das nicht einmal deklariert werden. „Dort gelten ganz andere Regeln“, sagt er. Produktionsstandards gebe es dort nicht. Einzig die Produktstandards, also beispielsweise Grenzwerte von Antibiotika im fertigen Fleisch, würden dort gemessen. „Da können wir einfach nicht mithalten.“

Er schließt einen strengeren Naturschutz oder strengere Regeln für die Landwirtschaft gar nicht aus. „Aber wir wollen sie zusammen erarbeiten“, erklärt er. Die Politik wolle den Naturschutz fördern, bewirke aber das Gegenteil.

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Es müsse klar sein, dass auf den landwirtschaftlichen Flächen aktuell Kulturpflanzen angebaut werden. „Anders könnten wir die Nahrungsmittel für 82 Millionen Deutsche gar nicht produzieren“, erklärt er. Doch diese Kulturpflanzen seien eben auf Pflanzenschutzmittel oder Mittel gegen Schädlinge angewiesen. „Das alles ist die Grundlage für den Wohlstand in Deutschland“, erklärt er. Nur so seien die günstigen Lebensmittelpreise überhaupt möglich.

Politik soll mit Landwirten nach einem Mittelweg suchen

Mit vielen kleinen Hebeln, etwa Blühstreifen an den Ackerrändern, sei eine deutliche Verbesserung des Umweltschutzes möglich. Dagegen habe niemand etwas. „Doch man muss einen Mittelweg finden“, sagt er.

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Darüber wollen die Landwirte am Donnerstag mit Svenja Schulze reden. Geht sie auf das Gesprächsangebot nicht ein, wollen sie eine Mahnwache in Münster aufziehen. Und zwar quer durch alle Sparten: Vom Milch- bis zum Schweinebauern, vom Geflügelzüchter bis zum Energielandwirt. Diese Geschlossenheit und übergreifende Beteiligung aller Landwirte sei das Besondere an der LSV. „Wir wollen die bestehenden Verbände nicht kritisieren oder ersetzen“, sagt er. Es gehe darum, jedem Landwirt eine Stimme zu geben.

Acht Stunden am Tag Arbeit für die LSV

Für Frank Kisfeld läuft seit Tagen die heiße Phase der Vorbereitung. 1000 Whatsapp-Nachrichten am Tag sind keine Seltenheit. „Für Landwirtschaft habe ich im Moment vielleicht zwei oder drei Stunden am Tag. Die Arbeit für die LSV kostet acht Stunden“, sagt er und lacht. Doch der Einsatz ist es ihm wert. Es gehe schließlich um die Zukunft.

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Wie lange das so noch geht? Er weiß es nicht genau. Aktuell planen die Teilnehmer der LSV-Initiative, einen Verein zu gründen. Auch darin würde Frank Kisfeld mitarbeiten. „Vielleicht aber nicht mehr unbedingt in der ersten Reihe“, sagt er.

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Trotz allem wünscht er sich, dass eines seiner drei Kinder einmal den Hof weiterführen wird. „Ganz ehrlich? Es gibt keinen erfüllenderen Beruf“, sagt er. „Du säst, pflegst, schützt und erntest. Du verfolgst dein Produkt vom Getreide über das Ferkel bis hin zum Verkauf. Es gibt nichts schöneres“, sagt er.

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