Die Zahl der Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht werden, ist besorgniserregend. Eltern sind daran nicht unschuldig, sagt ein Experte - er skizziert einen Fall.

Werne

, 12.07.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 8 min

Paula hockt am Tresen eines Clubs und kann die Augen kaum noch offen halten. Ihr Oberkörper wankt. Nur noch mit Mühe schafft sie es, sich halbwegs an der Tischkante festzuklammern. Aus den Lautsprechern dröhnt Musik. Neben Paula gehen Drinks über die Theke. Einer nach dem anderen.

Paula bekommt von dem Treiben um sie herum nicht mehr viel mit. Sie wirkt orientierungslos, leicht benommen. Richtig sprechen kann sie schon längst nicht mehr. Bestenfalls kommt noch ein unverständliches, sinnloses Lallen über die Lippen der 15-Jährigen.

Besoffen am Tresen geparkt

Paulas Freunde haben sie am Tresen „geparkt“. Sie soll mal ein bisschen ausnüchtern. Ein Glas Wasser und eine kurze Pause – dann wird sie schon wieder mit von der Partie sein. So ist zumindest der Plan, den Justin (16) der Clique vorgeschlagen hat, als Paulas Absturz begann: „Keine Panik, die wird schon wieder. Jetzt schnappt sich erst mal jeder ‚nen Drink und wir feiern weiter.“

Justin spricht aus Erfahrung. Er ist schließlich selbst schon das ein oder andere Mal abgestürzt. Was einen nicht umbringt, das härtet ab. Langfristig wird man dadurch nur trinkfester.

Wenn die Tochter vollgekotzt in einer Windel im Krankenhaus liegt

Zwei Stunden später klingelt bei Paulas Eltern das Telefon. Ein Arzt ist am anderen Ende der Leitung. Sie sollen doch bitte sofort ins Krankenhaus kommen. Ihre Tochter sei hier als Notfallpatient eingeliefert worden. Sie habe eine Alkoholvergiftung. Man habe ihr bereits den Magen ausgepumpt, sie schwebe allerdings nicht mehr in Lebensgefahr.

Als Paulas Eltern im Krankenhaus ankommen, sehen sie ihre Tochter so, wie sie sie noch nie gesehen haben. Völlig anders als noch ein paar Stunden zuvor, als Paula hübsch gestylt das Haus verlassen hatte, um mit ihren Freunden feiern zu gehen. Jetzt sind die Haare zerzaust, der Lippenstift verschmiert und der Lidschatten zerlaufen.

Auf Paulas Shirt sind Reste von Erbrochenem. Außerdem trägt sie eine Windel. Die 15-Jährige schläft tief und fest, während die Kochsalzlösung tröpfchenweise in ihren Arm gelangt, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.

„Wir haben Ihr doch gesagt, dass sie aufpassen soll, wenn sie trinkt.“
Paulas Eltern

Nur noch verschwommene Erinnerungen

Als Paula später aufwacht, kann sie sich an vieles nicht mehr erinnern. Sie weiß noch, wie sie sich auf den Weg in den Club gemacht hat. Auch das, was während der ersten Gläschen Sekt und Schnaps passiert ist, kann sie nach einer Weile mit etwas Mühe rekonstruieren.

Dann verschwimmt die Erinnerung. Irgendwer hat Paula angesprochen, als sie dort alleine am Tresen saß. Sie ist sich nicht ganz sicher, ob er sie auch angefasst hat. Nur dass es keiner von ihren Freunden war, das weiß Paula. Jetzt fühlt sie sich erniedrigt und hört ihre Eltern in der Ecke flüstern: „Wir haben ihr doch gesagt, dass sie aufpassen soll, wenn sie trinkt.“

Schwere Rauschzustände und narkotische Stadien

Paula trinkt eigentlich so gut wie nie. Und wenn überhaupt, dann nur ganz wenig. Gestern war das anders. Ihr Alkoholspiegel lag zwischenzeitig bei deutlich über 2 Promille. Mediziner sprechen in solchen Fällen von mittelgradigen bis schweren Rauschzuständen oder auch hypnotischen beziehungsweise narkotischen Stadien.

Bei Jugendlichen ist so ein Zustand schneller erreicht als bei Erwachsenen. Und er hält oft auch länger an. Einer der Gründe: Der Körper eines Jugendlichen kann das für den Alkoholabbau zuständige Enzym noch nicht so produzieren, wie es bei einem Erwachsenen der Fall ist.

„Das mangelnde Interesse von Eltern an Informationsabenden ist besorgniserregend. Das prangere ich ganz klar an.“
Sozialarbeiter Matthias Hundt

Über Enzyme haben sich Paula und ihre Freunde gestern Abend keine Gedanken gemacht. Sie wollten einfach nur Spaß haben. Das funktioniert auch ohne Alkohol – aber eben auch mit. „Soziales Trinken“ nennen Forscher das. Dabei geht es keinesfalls nur um den klassischen Gruppenzwang.

Sozial trinken - und dann tief fallen

Wer sozial trinkt, der tut das, weil er dann vielleicht offener auf andere Menschen zugehen kann. Oder eben, weil durch den Konsum Glücksgefühle aufkommen können. Der Ausdruck „feuchtfröhlich“ kommt schließlich nicht von ungefähr.

Gefährlich wird die Sache aber, sobald zu exzessiv in zu kurzer Zeit getrunken wird. Ein solches Rauschtrinken wird auch als „Binge-Drinking“ (Besäufnis) bezeichnet. Das klingt nicht nur gemäßigter als „Komasaufen“, sondern beschreibt die Sache zudem deutlich besser. Denn dass Leute tatsächlich in ein tiefes Koma fallen, wenn sie zu tief ins Glas geschaut haben, passiert vergleichsweise selten. Dass sie wie Paula im Krankenhaus landen, geschieht hingegen immer öfter.

Zahl der Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen ist dramatisch gestiegen

Wenn man sich die Statistiken zum Alkoholkonsum von Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren anschaut, dann scheint alles erst einmal recht beruhigend. „Der riskante Alkoholkonsum bei Jugendlichen ist seit 2007 um etwa zwei Drittel zurückgegangen“, heißt es beispielsweise im aktuellen Drogen- und Suchtbericht des Bundesministeriums für Gesundheit.

Überhaupt ist die Zahl der Jugendlichen, die mindestens einmal pro Woche Alkohol trinken, deutlich gesunken – von gut 21 Prozent im Jahr 2004 auf rund 9 Prozent in 2018. Auch das Binge-Drinking scheint nicht mehr so angesagt zu sein wie noch vor einigen Jahren. Doch es gibt noch einen weiteren Wert. Und der ist besorgniserregend: Die Zahl der Jugendlichen, die mit akuter Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden mussten, lag im Jahr 2000 nämlich noch bei 9514. Im Jahr 2014 waren es bereits 22.628 Fälle.

Für Sozialarbeiter Matthias Hundt von der Suchthilfe Kreis Unna liegt die Erklärung auf der Hand. „Diejenigen, die trinken, trinken heute noch viel exzessiver als früher“, sagt er. Nur weil bestimmte statistische Werte sich langfristig betrachtet positiv entwickelt hätten, lösten sich die mit dem Konsum verbundenen Probleme ja nicht in Luft auf: „Wenn jemand mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommt, dann ist das ein lebensbedrohlicher Zustand. Das sollte man nicht verharmlosen.“

Und wenn das Thema Alkoholkonsum bei Jugendlichen tatsächlich keine allzu große Sache mehr sein sollte, „warum ist dann das Präventivangebot in Kommunen bei Großveranstaltungen wie Stadtfesten so umfangreich?“ Warum stünden dort so viele Polizisten und Mitarbeiter von DRK und Jugendamt? „Weil nun mal jeder weiß, was dort passiert, wenn Alkohol im Spiel ist“, sagt Hundt.

So saufen sich Jugendliche in die Notaufnahme - was Eltern alles falsch machen

Matthias Hundt ist Sozialarbeiter bei der Suchthilfe Kreis Unna. © Felix Püschner

Vor allem die Gründe, aus denen Jugendliche konsumieren, lassen bei ihm und seinen Kollegen die Alarmglocken schrillen. Denn das klassische Gruppenphänomen „Ich trinke, weil es meine Freunde auch tun“ steht ziemlich weit unten auf der Motivliste. Laut Umfragen an weiterführenden Schulen trinken 20 Prozent der Jugendlichen, weil sie dadurch „nicht mehr so schüchtern“ sind. 27 Prozent trinken, weil sie auf diese Weise „den Alltag vergessen und abschalten“ können. Und erschreckende 57 Prozent tun es, weil es ihnen gut schmeckt.

Nur 17 von 350 eingeladenen Eltern kamen zum Infoabend in Werne

„Früher haben Jugendliche eher getrunken, weil sie die berauschende Wirkung haben wollten oder weil es cool war. Aber nicht, weil es ihnen geschmeckt hat“, sagt Hundt. Diese Entwicklung hänge mit dem Aufkommen von Mischgetränken zusammen, bei denen die Süße den Alkoholgeschmack überdeckt. Davon trinkt man dann gerne mal das eine oder andere Glas mehr. Und manchmal eben auch zu viel.

Es gibt aber auch eine Sache abseits des Konsumverhaltens der Jugendlichen, die den Lüner Sozialarbeiter mehr als nur nachdenklich stimmt. Das sind die Eltern der Jugendlichen. In mehrfacher Hinsicht. Nicht nur unter dem Aspekt der Vorbildfunktion.

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Hundts letzter Besuch in Werne veranschaulicht das Problem recht gut: Im Vorfeld des Theaterstücks „Alkohölle“, das Ende Mai im Kolpingsaal aufgeführt wurde und die Achtklässler der Lippestadt über Gefahren und Folgen missbräuchlichen Alkoholkonsums aufklären sollte, fand unter anderem ein Elterninformationsabend statt. Mehr als 350 schriftliche Einladungen hierzu nahmen die Kinder mit nach Hause. Zum Informationsabend kamen letztlich 17 Eltern. Interesse am Thema sieht anders aus. „Und das prangere ich auch ganz klar an“, betont Hundt.

Alkohol wird Jugendlichen auf dem Silbertablett serviert

Seine Präventionskollegen in NRW schildern allesamt ähnliche Probleme – egal ob es um Alkohol und Drogen, Mobbing und Gewalt oder Rechtsextremismus geht. Die Eltern glänzen vor allem durch Abwesenheit. Vor 20 Jahren sei das noch ganz anders gewesen. Da seien noch bis zu 100 Leute zu den Elternabenden gekommen. Da brauchte man die Aula, um alle unterzubringen. Heute reicht ein kleiner Klassenraum völlig aus.

Aber woran liegt das? Darauf hat selbst Hundt keine genaue Antwort. Es sind vielmehr Vermutungen. Vielleicht sei ja die Bereitschaft gesunken, sich im Familienkreis mit Themen auseinanderzusetzen, die die schöne heile Welt ein bisschen ankratzen. Vielleicht liege es aber auch an einer veränderten Elternrolle. „Viele Eltern sehen sich heute wohl eher als beste Freunde ihrer Kinder statt als Autoritätsperson, die die Kinder auch mal in die Schranken weist und Verbote ausspricht“, sagt Hundt. Und nicht selten servieren sie ihren Kindern den Alkohol sogar auf dem Silbertablett – im wörtlichen Sinne.

„Es ist doch inzwischen normal, dass Eltern ihren Kindern Sekt und Bier-Mixgetränke auf den Tisch stellen – zumindest bei Geburtstagsfeiern.“
Sozialarbeiter Matthias Hundt

Eltern vermitteln die falsche Botschaft

„Wenn bei 13- oder 14-Jährigen die ersten größeren Geburtstagspartys im Garten der Eltern stattfinden, dann ist es inzwischen normal, dass die Eltern ihnen Sekt und Bier-Mixgetränke auf den Tisch stellen. Das Argument ist dann immer, dass sie dann wenigstens wüssten, was ihre Kinder trinken“, erklärt Hundt. Das sei aber das völlig falsche Signal. Genauso falsch wie das Totschweigen der Alkoholthematik oder das Fernbleiben von Elternabenden. Das vermittele den Kindern sogar den Eindruck, dass sich ihre Eltern nicht für sie interessieren.

Das kann besonders dramatisch werden, sobald aus dem gelegentlichen Partysaufen die Regel wird oder sich sogar eine Abhängigkeit entwickelt. Dann geht es nicht mehr nur ums Feiern. Dann geht es um ganz andere Dinge. „Schauen wir uns doch mal Justin genauer an“, sagt Hundt. Justin, der scheinbar so „trinkfeste“ Partylöwe, dessen wohl gemeinter Ratschlag Paula letztlich überhaupt nicht weitergeholfen hat, sitzt einen Tag nach dem Clubbesuch alleine in seinem Zimmer.

Justin ist auf dem Weg in die Abhängigkeit…

Auf dem Schreibtisch liegen Schulhefte und Bücher. Eigentlich sollte Justin jetzt büffeln. Um seine Noten steht es nämlich nicht gerade rosig. Irgendwann hat Justin den Anschluss verpasst. Die Motivation ging in den Keller. Und die Lehrer können ihn – so ist zumindest sein Eindruck – ohnehin nicht leiden. Warum also jetzt noch aufraffen… Hat ja eh keinen Sinn mehr. Doch irgendwo ganz tief in ihm drin, da schlummern Ängste.

Was passiert wohl, wenn er die Schule tatsächlich nicht packen sollte? Wie geht es dann weiter? So cool, wie es nach außen beim Clubbesuch den Anschein hatte, ist der 16-Jährige nämlich gar nicht. Zumindest nicht immer.

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Wenn man gerade niemanden zum Reden hat, dann kann schon mal der Griff zur Flasche helfen. Wer ein wenig beschwipst ist, dem erscheinen seine Probleme häufig gar nicht mehr so groß. Vielleicht vergisst er sie sogar für eine kurze Zeit. Und falls das nicht gelingen sollte, dann können ein paar Bierchen doch wenigstens einen Teil dazu beitragen, dass die Anspannung weicht und man in Ruhe schlafen kann.

Wenn das Frusttrinken das soziale Trinken ersetzt

Genau das ist der zweite Motivationsstrang des gefährlichen Konsums. Es geht nicht mehr um „soziales“ Trinken. Es geht um „Frusttrinken“. Und das kann schnell in eine Abhängigkeit führen, wie Matthias Hundt weiß: „Innere Spannungen abbauen, Stress bewältigen, zur Ruhe kommen – das sind klassische Gründe, die wir immer wieder hören, wenn wir mit Suchtkranken sprechen“, sagt er.

Von einer Abhängigkeit sprechen Experten, wenn der Alltag der Betroffenen vom Alkohol bestimmt wird. Wenn ihr Denken und Handeln auf den Konsum ausgerichtet ist. Wenn sie sich Nischen suchen, um regelmäßig zu konsumieren – etwa jeden Abend unbeobachtet zuhause. Oder wenn sie sich gar nicht erst vor die Tür trauen, ohne vorher getrunken zu haben. Hundt fasst das so zusammen: „Wenn sie bestimmte Situationen in ihrem Leben nicht mehr ohne Alkohol meistern können und ihre Freiheit an den Alkohol verloren haben.“

„Alkohol ist neben Nikotin Einstiegsdroge Nummer Eins. Ich habe keinen Heroinabhängigen kennengelernt, der nicht schon sehr früh Alkohol getrunken hat.“
Sozialarbeiter Matthias Hundt

Vom Genussmittel zur Selbstmedikation

Eine solche Abhängigkeit kann nicht nur gesundheitliche, sondern auch soziale Folgen haben. Zu körperlichen Entzugssymptomen, Schlafstörungen, Depressionen und langfristigen Schädigungen der Organe kommen unter anderem Isolation und Vereinsamung, Probleme in der Schule, im Beruf und in der Familie hinzu.

Alkohol – das betont Hundt immer wieder – gehöre neben Nikotin immer noch zur wichtigsten Einstiegsdroge. Wer gelegentlich trinke, der laufe zwar nicht sofort Gefahr, in eine Abhängigkeit zu rutschen. Aber ab einem bestimmten Punkt werde es eben kritisch: „Wenn mal auf einer Party Alkohol getrunken wird – und zwar so, wie es gedacht ist, nämlich als ritualisiertes Genussmittel –, dann ist das völlig okay. Die Gefahr ist der missbräuchliche Konsum. Der liegt immer dann vor, wenn ich Hochprozentiges in sehr jungem Alter trinke und besonders dann, wenn ich es einsetze, um psychische Spannungszustände zu reduzieren. Dann ist es kein Genussmittel mehr, sondern eine Selbstmedikation.“

Beim Vater abgeschaut – und dann kommt der Kontrollverlust

Justins Eltern könnten ungewollt sogar dazu beigetragen haben, dass sich ihr Sohn auf dem „besten Weg“ in die Abhängigkeit befindet. Womöglich durch ihr eigenes Konsumverhalten – selbst, wenn das nicht die Ausmaße hat, die Justins Konsum gerade annimmt.

Als Justin gerade mal 7 Jahre alt ist, bemerkt er bei seinem Vater ein ganz bestimmtes, regelmäßiges Verhaltensmuster. Denn immer, wenn Papa von der Arbeit nach Hause kommt, steht das Feierabendbierchen schon bereit. Direkt mit dem Sohnemann spielen? Ja gleich, lass den Papa doch erstmal sein Bier trinken. Das entspannt nach einem harten Arbeitstag und gehört eben zum Alltag.

„Justin lernt dann schon als Kind, dass Alkohol etwas Gutes ist. Dass er eine beruhigende Wirkung haben kann. Später ahmt Justin dieses Verhalten womöglich nach – und verliert dann im Gegensatz zu seinem Vater die Kontrolle über den Konsum“, erklärt Hundt.

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Eltern sind Vorbilder – im Guten wie im Schlechten

Deswegen müssten sich Eltern immer ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. „Sie sind nun mal Vorbilder – im Guten wie im Schlechten. Punkt. Aus. Basta.“, sagt Hundt.

Das solle natürlich kein pauschales Verbot für die Eltern sein, selbst Alkohol zu trinken. Denn es gebe weder immer „den einen“ Grund, warum Kinder Alkohol und Drogen konsumieren, noch stets „die eine“ Lösung. Und genauso wenig sei richtig, den Eltern immer alleine die Schuld in die Schuhe zu schieben. Das helfe schließlich niemandem.

Aber es sei nun mal wichtig, diese Themen, die die heile Welt ein bisschen zerstören könnten, mit den Kindern zu besprechen. Und das meint einen echten Dialog. Nicht bloß das Aussprechen eines Verbotes. „Eltern sollten mit ihren Kindern über Drogen reden, wann immer es möglich ist. Dafür gibt es viele Gelegenheiten“, sagt Hundt.

Die passende Gelegenheit für ein Gespräch finden

Hätten seine Eltern mit dem 7-jährigen Justin gesprochen, als ihnen beim Spaziergang durch den Park ein torkelnder Betrunkener entgegenkam, dann hätte Justin vielleicht schon früher gesehen, dass Alkoholkonsum auch seine Schattenseiten hat. „Wenn man seinem Kind in einer solchen Situation sagt ‚Guck mal, das sieht echt traurig aus. Dem Mann geht’s nicht gut‘ und ihnen dann erklärt, warum das so ist – so etwas merken sich Kinder“, sagt Hundt.

Allein dadurch können Eltern schon einen wichtigen Beitrag leisten – damit ihre 15-jährige Tochter später nicht nach dem Clubbesuch im Krankenhaus aufwacht oder ihr 16-jähriger Sohn seine Probleme im Alkohol ertränkt.

  • Die Geschichten von Paula und Justin haben wir gemeinsam mit Matthias Hundt rekonstruiert. Sie beruhen auf Erfahrungswerten und auf Erlebnissen, von denen Eltern dem Lüner Sozialarbeiter in persönlichen Gesprächen berichtet haben. Auf Namen haben wir aus Datenschutzgründen verzichtet.
  • Hinweise an Eltern: Matthias Hundt rät Eltern dazu, nicht nur möglichst häufig mit ihren Kindern über Alkohol und Drogen zu sprechen, sondern auch auf bestimmte Warnzeichen zu achten. Ein auffälliges Verhalten für eine Abhängigkeit kann zum Beispiel darin bestehen, dass Jugendliche ihre Eltern überhaupt nicht mehr an ihrem Leben teilhaben lassen, sich zurückziehen und Eltern einen Anstieg des Alkoholkonsums bei ihren Kindern feststellen. Auch der Alkoholkonsum im Freundeskreis der Kinder kann ein wichtiges Indiz sein. Dann gilt es, schnellstmöglich einen Zugang zu den Betroffenen zu finden. Panikmache ist laut Hundt jedoch nicht angebracht: „Gerade in der Pubertät sind solche Sachen wie Rückzug und rebellisches Verhalten, das sich in Form von exzessivem Videospiel-Zocken, Fernsehen oder auch mal Alkoholtrinken zeigt, normal. Es relativiert sich im Laufe der Zeit. Aber man sollte es im Auge behalten.“ Außerdem sollten sich Eltern untereinander vernetzen. Das sei in Zeiten von WhatsApp und Co. schließlich kein Problem. Der Hintergrund: „Auf Eltern lastet häufig auch ein großer Druck, wenn ihre Kinder auf sie zukommen und sagen, ihre Freunde dürften auch trinken und sie selbst würden zum Außenseiter, wenn ihre Eltern es ihnen verbieten. Diese Argumentation hören Eltern häufig. Aber manchmal erzählen Kinder ihren Eltern eben auch nicht die Wahrheit. Wenn sich Eltern untereinander vernetzen, bekommen sie das auch relativ schnell heraus“, so Hundt.
  • Weiterführende Informationen und Unterstützungsangebot erhalten Eltern unter anderem bei der Suchthilfe des Kreises Unna, der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sowie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
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