Am Römerlager in Rünthe waren nie Römer

Straßenschild lügt

Das blaue Straßenschild lügt, ohne rot zu werden. "Am Römerlager" ist darauf zu lesen: eine Straße, die das Rünther Gewerbegebiet jenseits des viel befahrenen Ostenhellwegs erschließt, für jedermann in Werne und Bergkamen ein Begriff. Dabei hat dort nie ein Römerlager gestanden - wohl aber eine karolingische Burg.

RÜNTHE

, 13.03.2015 / Lesedauer: 3 min
Am Römerlager in Rünthe waren nie Römer

Der Name ist fest verbunden mit dem Platz und den Gebäuden dabei - wie diesem Hotel: Am Römerlager.

„Eigentlich müsste 'An der Bummannsburg' auf dem Schild stehen“, sagt Margarete Fieweger (67) und lacht. Sie ist schließlich eine geborene Bummann. „Seitdem ich Kind bin, weiß ich, dass hier geschichtsträchtiger Boden ist“ – nur eben anders als gemeinhin bekannt. 

Schuld an der hartnäckigen Fehldeutung ist ein gewisser Hofrat Maritz F. Esselen aus Hamm. Er hatte sich 1865 auf die Suche nach dem Schlachtfeld des Varus und dem Kastell Aliso gemacht. Am Ufer der Lippe – dem Grenzfluss zwischen dem katholischen Münsterland und der protestantischen Grafschaft Mark –  glaubte er, fündig geworden zu sein.

Dass Aliso vermutlich in Haltern zu finden ist, wie heutige Archäologen vermuten, wusste er noch nicht. Auch nicht, dass das blutige Schlachtfeld, auf dem Hermann, der Cherusker, Varus und seine drei Legionen geschlagen hat entweder im Osnabrücker Land, im Teutoburger Wald oder sogar in den Niederlanden liegen mag, aber keinesfalls in Rünthe. 

Keine Römer in Rünthe - schon 1899 gab es Hinweise

Dass bei seinem Vorgänger mehr der Wunsch Vater des Gedankens war – die alten Römer waren im 19. Jahrhundert modern - , erkannte bereits 1899 Carl Schuchardt.  Er hatte Wälle – die einzigen sichtbaren Überreste – näher untersucht und war zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht römischen Ursprungs sein könnten: eine Vermutung die spätere Grabungen bestätigten.

Zuletzt hat Julia Menne, Archäologin der Altertumskommission für Westfalen, das Gelände untersucht und die Ergebnisse 2014 in der Schriftenreihe „Frühe Burgen in Westfalen“ veröffentlicht: „Ein römischer Ursprung der Burg ist auszuschließen, da es keinen Nachweis römischer Funde und Siedlungstätigkeiten gibt“, stellt sie fest. Stattdessen handele es sich um eine karolingische Burganlage: im Volksmund die Bummannsburg. 

Margarete Fieweger, die am Ostenhellweg groß geworden ist, kennt das Hin und Her nur zu genau. Andere zu korrigieren, die von dem Römerlager sprechen, hat sie sich aber längst abgewöhnt. „Da kommt man einfach nicht gegen an.“

So sieht es rund um den Hof Bummann aus

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Kein Römerlager, aber ein Hof - ein Rundgang in Rünthe

Spuren der Römer? Nein: Auch wenn es Am Römerlager heißt, war dort früher nur eine karolinische Burg. Wir haben einen kleinen Rundgang gemacht.
13.03.2015
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Fast unverändert: der Hof Bummann am Ostenhellweg. Diese Aufnahme entstand vorm Krieg.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Pflege der ursprünglichen Bausubstanz (über 250 Jahre alt) ist der Familie ein Anliegen.© Repro: Sylvia vom Hofe
Mutter Bumann mit ihren drei Kindern. Margarete Fieweger, die jüngste (M.), hat den Hof später zusammen mit ihrem Mann übernommen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Nach dem 1945 bestand eine kleine Flüchtlingsunterkunft des Ehepaars Arzt zwischen dem äußeren Wall und der dem Kernwerk mit einer Gartenanlage am Nordwall.© Foto: Sylvia vom Hofe
Margarete und Hartumut Fieweger blättern gerne im gut geordneten Familienalbum. Die beiden sind sich bewusst, dass sie mit ihrer Familiengeschichte auch ein wichtiges Kapitel Ortsgeschichte von Rünthe verwalten.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Wälle sind nach wie vor zu sehen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Warum es die Wälle gibt, ist den meisten Spaziergängern wie Olaf Mendern gar nicht bewusst.© Foto: Sylvia vom Hofe
Eine doppelte Wallanlage hat die Burg umgeben.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Wälle sind vermutich im zehnten Jahrhundert aufgeschüttet worden.© Foto: Sylvia vom Hofe
Auf diesem Acker dürfte die einstige Bummannburg gestanden haben.© Foto: Sylvia vom Hofe
Ursprünglich gabe es keinen Wald am Wall. Die Bäume hätten Angreifern nur Schutz geboten.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Wall hat an der höchsten Stelle eine Höhe von vier Metern und eine Breite von 15 Metern.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Weide an der viel befahrenen Straße zur Autobahn war einst das Grundstück der Burg.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Name ist fest verbunden mit dem Platz und den Gebäuden dabei - wie diesem Hotel: Am Römerlager.© Foto: Sylvia vom Hofe
Dass sie sich im Landschaftsschutzgebiet befinden, erfahren die Wanderer. Was das Besondere dieser Landschaft ist, lesen sie aber nicht.© Foto: Sylvia vom Hofe
Dort gibt es nicht nur menschliche Spuren zu entdecken.© Foto: Sylvia vom Hofe
Bis 1847 befand sich die Hofstelle Bummann im Bereich der ehemaligen Bummannbug, inmitten der Wallanlage. Dann zog die Familie auf die andere Straßenseite in das alte Haus Berkemeyer, von dessen Geschichte dieser Balken erzählt.© Foto: Sylvia vom Hofe
Geschichtsträchtiger Hof mit noch geschichtsträchtigerem Namen: Der Hof Bummann befindet sich seit 1847 auf dieser Seite des Ostenhellfweg. Zuvor bestand er innerhalb der einstigen Burganlage.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Verbundenheit mit Tradition und Geschichte ist auf dem Hof Bummann unübersehbar. Fritz Bummann (1913 bis 1991), der Vater von Margarete Fieweger, hat als Erinnerung an den Hof in Rinkerode, auf dem er aufwuchs, das Gebäude malen lassen - auf Glas.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Bummanns aus der Familienchronik.© Repro: Sylvia vom Hofe
Ein Rundwanderweg führt über das Burggelände.© Foto: Sylvia vom Hofe
Heute führt nur ein Graben bis zur einstigen Burganlage, früher reichte ein Altarm der Lippe dorthin.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Weg führt über die Wallkrone.© Foto: Sylvia vom Hofe
Durch den Bau des Kanals wurde die Landschaft verändert.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Wanderweg führt von den Wällen zum Kanal.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Weg führt unter der Kanalbrücke her.© Foto: Sylvia vom Hofe
Auf der Grenze zwischen Werne und Bergkamen ist nicht nur ein historisch, sondern auch landschaftlich interessanter Bereich. Wanderer - zu Rad und zu Fuß - kommen auf ihre Kosten.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Rundwanderweg führt an einem ebenfalls geschichtsträchtigem Ort vorbei: de Urnenfeld.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Rundwanderweg A1 führt an dem vorbei, was von der Wallanlage übrig geblieben ist. Seit 1820 diente sie zur Sandgewinnung. Im März 1928 wurde die Burganlage unter Schutz gestellt.© Foto: Sylvia vom Hofe
Informationen über Bäume finden sich auf dem Weg, aber nicht über die Burg.
1965 ging die gesamte Burganlage im Zuge eines Flächentauschs von Friedrich Adolf Bummann in de Besitz der Stadt Bergkamen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Wo einst die Karolinger wohnten, gedeiht jetzt Spargel.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Hof Schulze Elberg neben dem einstigen Burggelände gehörte seit 1271 zum Stift Cappenberg.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Bachlauf grenzt die Fläche ein.© Foto: Sylvia vom Hofe
Dieser Name prägt die Straße, das Gewerbegebiet dahinter und das Hotel daneben. Falsch ist er trotzdem. Ein Römerlager hat es ier nie gegeben.© Foto: Sylvia vom Hofe
Dieser Name prägt die Straße, das Gewerbegebiet dahinter und das Hotel daneben. Falsch ist er trotzdem. Ein Römerlager hat es ier nie gegeben.© Foto: Sylvia vom Hofe
Schlagworte Werne

„Historisch bedeutsam?“ Olaf Mendern, der regelmäßig in dem waldreichen Gelände an der Wallanlage mit seinen beiden Hunden spazieren geht, hat sich bislang noch keine Gedanken gemacht, wer die bis zu vier Meter hohen Wälle einmal aufgeschichtet haben könnte: römische Legionäre oder fränkische Soldaten? Er glaubt, dass es wie ihm auch den meisten Besuchern des Gewerbeparks geht, das genauso heißt wie die Straße: Am Römerlager.

Und den Kunden der Zimmervermietung direkt am Autobahnzubringer, sei es die korrekte Quellenlage wohl auch nicht so wichtig. „Eigentlich schade“, meint Mendern. Gut sei es, wenn die Stadt ein Schild aufstellen würde, dass über die große Bedeutung des einstigen, frühmittelalterlichen Königshofes informiere.  

Die Schilder, die zurzeit dort stehen, informieren eben nicht. Dass sie  einmal ausgetauscht werden, ist nicht so schnell zu vermuten. Zwar wünscht sich das auch Bergkamens Stadtarchivar Martin Litzinger. Aber der Aufwand, alle Schilder, Straßenkarten und Katasterbezeichnungen zu ändern, ist groß. Und irgendwie sei die Geschichte vom Römerlager, das nie eines war, auch ganz amüsant, meint  Margarete Fieweger, die Nachfahrerin der letzten Bewohner der Burganlage namens Bummann.

Auf diesem Teil von Rünthe stand die Burg

 

 

Tipp für Spaziergänger: Wie wär's mal mit Rünthe?

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