Angst vor der Abwrackprämie: „Todesurteil für viele Autohändler“

hzKaufprämie für Autos

Eine mögliche neue Abwrack- oder Kaufprämie für Neuwagen erhitzt die Gemüter. Viele kleinere Autohändler fürchten den Ruin. Der EU-Abgeordnete Dennis Radtke vergleicht Hersteller mit Mafiapaten.

Kreis Unna

, 01.06.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Während die Ministerpräsidenten der „Auto-Länder“ zügig die Einführung einer Kaufprämie für Neuwagen fordern, befürchten Autohändler in der Region dadurch massive wirtschaftliche Einbußen. Eine besonders drastische Formulierung findet der EU-Abgeordnete für das Ruhrgebiet, Dennis Radtke von der CDU. Der gelernte Industriekaufmann sagt: „Ich habe in meinem Beruf über Jahre das Auftreten der Hersteller erlebt: Im Umgang und Auftreten wirkt ein Mafia-Pate dagegen fast konziliant und verständnisvoll.“

Zuletzt wurden die Stimmen aus Niedersachsen (VW), Baden-Württemberg (Daimler, Porsche) und Bayern (BMW, Audi) wieder lauter, der durch die Corona-Krise getroffenen Automobilbranche mit einer Kaufprämie zu helfen.

Dagegen äußern viele Autohändler im Kreis Unna große Bedenken darüber, dass einzelne Segmente des Gebrauchtwagenmarktes förmlich zusammenbrechen könnten, wenn binnen Kurzem von Autofahrern Neuwagen angeschafft würden.

Neuwertige Leasing-Autos fallen durchs Raster

Für besonders bedenklich hält Matthias Wenner vom gleichnamigen Autohaus in Werne die Überlegungen, neben Elektro- und Hybridfahrzeugen ausschließlich „saubere Verbrenner“, wie es gerade Frankreich vormacht, zu fördern.

„Das wäre das Todesurteil für einige Autohändler“, ist sich Wenner sicher. Dabei bezieht sich seine Kritik nicht auf beabsichtigten Umwelt- und Klimaschutz. Vielmehr würden unzählige Leasing-Fahrzeuge oder Tageszulassungen, also neuwertige Fahrzeuge, die als günstige Alternative zu Neuwagen ein wichtiges Standbein des Gebrauchtwagenhandels sind, durchs Raster fallen.

Der Europaparlamentarier Dennis Radtke (CDU) übt harsche Kritik an den Autoherstellern: Sie passten trotz der Corona-Wirtschaftskrise die Verkaufsziele ihrer Vertragshändler nicht an, um Boi zu drücken.

Der Europaparlamentarier Dennis Radtke (CDU) übt harsche Kritik an den Autoherstellern: Sie passten trotz der Corona-Wirtschaftskrise die Verkaufsziele ihrer Vertragshändler nicht an, um Boi zu drücken. © privat

»Das wäre das Todesurteil für einige Autohändler.«
Matthias Wenner, Autohaus Wenner

„Diese Fahrzeuge haben in der Regel noch einen CO2-Ausstoß von mehr als 140 Gramm“, weiß Wenner – und würden vermutlich von einer Kaufprämie nicht mehr begünstigt.

In dasselbe Horn stößt Klaus Voss, der seit 1993 selbstständiger Automobilhändler in Fröndenberg ist. „Das sind Milliardensummen, die da herumstehen“, bekräftigt er – die Autos würden nicht mehr abgenommen.

Nicht weniger kritisch sieht Voss aber die schon wochenlang währende Diskussion über die Prämien: Viele Kunden warteten auf eine Entscheidung der Regierung und legten Kaufpläne auf Eis.

»Der Schritt zum Ja-Sagen ist die Abwrackprämie.«
Inhaberin eines Autohauses

„Es läuft nichts mehr“, spricht Klaus Voss von einem derzeit praktisch ruhenden Automarkt. Guten Gewissens könne er in dieser Woche kein Fahrzeug verkaufen, wenn Kunden schon nächste Woche plötzlich eine Prämie winken könnte.

Ganz anders sieht es dagegen ein Autohaus aus dem Kreis Unna, das namentlich nicht genannt werden möchte. „Das spielt für uns keine Rolle“, sagt die Seniorchefin. Man stelle sich nie viele Fahrzeuge auf den Hof, gehe daher auch kein großes Risiko ein.

Kleiner Familienbetrieb setzt auf gutes Kundenumfeld

Als kleiner Familienbetrieb setze man zudem auf „ein gutes Kundenumfeld – dann kommt man auch durch die Krise“. Die Prämie sei auch nicht so schlecht, wie sie viele machten, sie reize vielmehr Unschlüssige zum Kauf an: „Der Schritt zum Ja-Sagen ist die Abwrackprämie.“

Schlechte Erfahrungen mit der damaligen Abwrackprämie schon in der Wirtschaftskrise 2008/2009 hat wiederum die heutige Inhaberin eines Autohauses im Ruhrtal gemacht, die ebenfalls anonym bleiben möchte.

Zur Sache

Mafia-Vorwurf trifft auf geteiltes Echo

  • Dennis Radtke, EU-Abgeordneter für die CDU, spricht sich gegen eine einseitige Förderung der Autoindustrie durch eine Kaufprämie aus. Eine Unterstützung der Händler und der Zulieferer sei ebenso wichtig.
  • „Vielleicht sollten die, die nun wieder für eine Abwrackprämie trommeln, zuerst einmal betrachten, wie die Automobilindustrie mit ihren Zulieferern und Händlern umgeht“, teilt Dennis Radtke mit.
  • Der Parlamentarier fügt hinzu: „Von einigen Händlern ist zu hören, dass die Verkaufsziele der Hersteller nicht korrigiert werden, obwohl der Markt zusammengebrochen ist. Dies hat nur den Zweck, die Boni für die Händler zu drücken.
  • Radtke, der früher als Gewerkschaftssekretär tätig war, weiter: „Ich habe in meinem Beruf über Jahre das Auftreten der Hersteller erlebt: Im Umgang und Auftreten wirkt ein Mafia-Pate dagegen fast konziliant und verständnisvoll.
  • Die Vorwürfe gegen die Hersteller wollten viele Händler nicht oder nur ungenannt kommentieren. „Wir wissen von mafiösen Strukturen, bei einer solchen Riesenlobby“, sagt eine freie Autohändlerin aus dem Kreis Unna.
  • Laut Autohändler Klaus Voss aus Fröndenberg haben die Hersteller schon vor der Corona-Krise ihre Vertragshändler „ziemlich stark unter Druck gesetzt“.
  • Dagegen kommt Protest von einem Vertragshändler aus dem Kreis Unna: Knebelverträge müsse sich niemand gefallen lassen. Das Auftreten der Hersteller mit mafiaähnlichen Strukturen zu vergleichen, „ist schon ziemlich starker Tobak - das ist sicherlich nicht der Fall.“

Für die Autofahrer sei die Prämie ohne Zweifel eine tolle Sache – aber: „Kurzfristig werden die Verkaufszahlen gepuscht“, sagt die freie Autohändlerin, „und Autos, die noch zwei, drei Jahre hätten halten können, werden vom Markt genommen.“ Fahrzeuge im Preissegment zwischen 500 und 1500 Euro stünden dann als beliebte Fahranfänger-Autos nicht mehr zur Verfügung und „bei den Schrotthändlern gehen die Preise runter“.

Servicegeschäft leidet, wenn ältere Fahrzeuge verschwinden

Skeptisch ist auch der Geschäftsführer eines Vertragshändlers aus der Region. Ebenso wie sein Kollege Klaus Voss hält er nichts von einem Füllhorn nur für die Autoindustrie, die gesamte Wirtschaft müsse belebt werden.

Auch das Förderinstrument der Kaufprämie findet nicht seinen Gefallen. Weil ältere Fahrzeuge mit Reparaturbedarf unweigerlich vom Markt genommen würden, „ist eine solche Prämie dem Servicegeschäft primär nicht zuträglich“.

»Autos, die noch zwei, drei Jahre hätten halten können, werden vom Markt genommen.«
Freie Autohändlerin

Dass mit einer Abwrackprämie auch das Reparaturgeschäft zum Erliegen kommen könnte, befürchtet Michael Hinrichs dagegen nicht. Der Kfz-Meister betreibt seit 2018 eine freie Autowerkstatt in Fröndenberg.

„Ich habe keine Angst davor, dass mir dadurch etwas wegbricht“, sagt Hinrichs, der zuvor 30 Jahre lang, unter anderem zuletzt als Kfz-Meister, in einer Vertragswerkstatt beschäftigt war.

Aus dieser Zeit hat er auch die Abwrackprämie auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise 2008/2009 noch lebhaft in Erinnerung.

Werkstatt-Chef: Kundenansturm gab es schon 2009 nicht

Mit diesem staatlichen Zuschuss habe die Politik damals vorhergesagt, dass zumindest die Vertragswerkstätten wegen fälliger Serviceintervalle für die Neuwagen mit einem Kundenansturm und vielen neue Monteursverträgen rechnen dürften. „Nichts davon ist eingetreten“, so Michael Hinrichs, der damals bei einem großen Autohaus in Schwerte arbeitete.

Als Inhaber einer freien Werkstatt sorge ihn aktuell etwas anderes viel mehr: Die Hersteller „schützten“ neue Automodelle immer stärker davor, ohne entsprechende Diagnosegeräte repariert werden zu können. „Wie lange kannst du als freie Werkstatt solche Autos noch reparieren? Das bewegt mich mehr“, sagt Michael Hinrichs.

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